Erlebnis Panamakanal!

Der Panamakanal ist so eine Geschichte, die Euphorie in mir weckt. Was mich begeistert ist zum einem das von Menschenhand erschaffene Wunderwerk an sich. Das Bauwerk ist für mich ein Paradebeispiel für das von der Menschheit verfolgte Motto „Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt“.

 

Eine künstliche Wasserschneise einmal durch Panamas Landfläche, die der Schifffahrt den langen Weg um das gefährliche Kap Horn, dem südlichsten Zipfel Südamerikas, erspart und den Sprung vom Atlantik zum Pazifik oder vice versa quasi zu einem Katzensprung macht. Nach langer Bau- und Konstruktionszeit, inklusive komplettem Fehlversuch, diversen tropenbedingten Komplikationen und technischen Rückschlägen, wurde der Kanal vor hundert Jahren in Betrieb genommen und schleust seit damals täglich Schiffe aller Art durch den ca. 80 km langen Schiffsweg.

 

Da sich das Ausheben des Wasserweges auf die richtige Tiefe als eine schier unmögliche Aufgabe herausstellte, wurden anstelle dessen weite Landflächen geflutet und mit Hilfe des dadurch künstlich erschaffenen Stausees (Gatunsee) ein Schleusensystem für die Schifffahrt konstruiert. Passiert man den Panamakanal vom Atlantik in den Pazifik, heben drei Schleusen auf der Atlantikseite die Schiffe auf den Wasserspiegel des Stausees an und drei Schleusen auf der Pazifikseite senken sie wieder auf den Meeresspiegel ab (entsprechend entgegengesetzt bei der Fahrt vom Pazifik in den Atlantik). Allein die Geschichte des Baus, die Technik, die Logistik und Zahlen über die wirtschaftliche Bedeutung des Kanals füllen Bücher. Meine Freude darüber, selber mit dem eigenen Schiff den Kanal zu passieren und das Wunderwerk mit allem was dazu gehört zu erleben ist folglich riesig.

 

Darüber hinaus hat der Kanal noch etwas, das meine Begeisterung weckt. Es ist die spezielle Atmosphäre, die den Kanal umgibt sowie die Stimmungen, die der Panamakanaltransit bei uns Seglern entfacht, die das Abenteuer für mich so besonders machen.

Obwohl wahrscheinlich jeder Segler, der vor seinem Panamakanaltransit steht, bereits Schleusungen mit dem eigenen Schiff hinter sich hat (wir bisher allerdings noch nicht), ist die Unsicherheit bei allen zunächst groß.

Seit jeher - ob unter Federführung der Amerikaner oder seit 1990 unter panamesischer Kontrolle - ist der Kanal für seine bürokratischen Absurditäten und dem damit verbundenen immensen Verwaltungsaufwand bekannt.

„Wie meldet man sich für den Transit an?“ „Stimmt es, dass man einen teuren Agenten engagieren muss, der alle Formalitäten erledigt, weil der bürokratische Prozess so kompliziert ist?“ „Wie hoch sind die Gebühren?“ „Wie ist der genaue Ablauf der Schleusung?“, sind die Fragen von uns „Erstlingen“, die den Nährboden für regen Austausch innerhalb der Seglercommunity bilden. Alle gieren nach Antworten auf ihre Fragen, um das Puzzle vom mythenumwobenen Organisationsprozess zusammenzusetzen.

 

Die undurchsichtige Bürokratie hatte zur Folge, dass bisher eigentlich alle Segler dem Papierkram mit Hilfe eines Agenten aus dem Weg gegangen sind. Mehrere hundert Dollar verlangt ein Agent für seine Dienste. Zusammen mit den knapp 1000$ Kanalgebühren für Schiffe bis zu einer Länge von 50 Fuß ist der Transit damit ein teures Unterfangen.

 

Wir haben dann richtig Glück. Denn wir kommen zu einer Zeit des Umbruchs. Wie ein Lauffeuer verbreiten sich plötzlich Berichte von und für Segler im Netz mit detaillierten Schritt für Schritt Anleitungen zur Anmeldung ohne Agenten (siehe z.B. www.blauwasser.de/panamakanal oder www.amanda-trabanthea.de).

Was wir beim Selbständigen Erledigen der Formalitäten dann erleben, steht quasi im genauen Gegensatz zu dem, was wir von Panama gewohnt sind.

 

Zum ersten Mal stoßen wir auf gut strukturierte und kompetente Behörden. Die Telefonhotlines sind sehr gut erreichbar, die Datenbanken ausgezeichnet und alle Zuständigen, mit denen wir in Kontakt stehen, sprechen englisch und sind freundlich. Das kannten wir bisher in Panama eigentlich nur von den hier ansässigen chinesischen Läden.

 

Das einzig nervenaufreibende am Anmeldeprozess ist die Einzahlung der Gebühren. Man kann das Geld nicht überweisen, sondern muss es persönlich bei der Citibank im höchstkriminellen Stadtteil Colon einzahlen. Mit den Hosentaschen voller Geld, genauer gesagt, mit 1875 $ Bargeld (984 $ Gebühr plus 891 $ Pfand) in der Tasche ist es also ziemlich wichtig, dass man nicht an den falschen Taxifahrer gerät.

Ansonsten schreibt man eigentlich nur eine E-Mail, macht zwei Telefonanrufe und lässt das Schiff von einem netten Mitarbeiter der Kanalbehörde vermessen.

 

Die Anmeldung und Terminvereinbarung ist also entgegen aller vormals bestehenden negativen Reputationen einfach und es ist keinesfalls von Nöten einen Agenten zu engagieren.

 

Ist der bürokratische Teil erledigt und ein Termin für die Schleusung besiegelt, stehen weitere Vorbereitungen an. Zur Befestigung des Schiffes an den Schleusenmauern, muss jedes Schiff vier Leinen mit einer Länge von mindestens 38 Meter an Bord führen. Außerdem werden große Fender benötigt, um sich mit diesen in den Schleusen gegen andere Schiffe und gegen die Schleusenmauern abzusichern. Zudem benötigt jedes Schiff vier Leinenhelfer - Helfende Hände, die die Leinen unter Kontrolle halten, welche vom Schiff zu den Schleusenmauern ragen und das Schiff in der Schleuse stabilisieren.

 

Insbesondere ab Jahresbeginn, wenn die Anzahl der durch den Kanal gehenden Segelschiffe zunimmt, herrscht daher allerorts ein aufgeregtes Treiben. Eigene Leinen werden auf der Pier ausgelegt und vermessen. Reicht der eigene Bestand nicht aus (was die Regel ist) bringen lokale Leihservices die langen und sperrigen Leinen frei Haus. Gleiches gilt für die Fender. Andere, so wie wir z.B. suchen sich alte Autoreifen, als Äquivalent. Unsere aus den Gossen von Portobelo stammenden Autoreifen, wickeln wir in schwarze Mülltüten ein und fertig ist die kostengünstige Fendervariante.

 

Die nötigen Leinenhelfer werden beim Sundowner im Seglertreff generiert oder mittels Aushängen an den schwarzen Brettern in Marinas und über lokale Funkrunden gesucht.  

 

Die wohl aber bei einigen mit den meisten Sorgen verbundene Vorbereitung betrifft die Versorgung für den in der Regel zwei Tage dauernden Transit. Denn als wären mit den Leinenhelfern nicht schon genug hungrige Münder an Bord, verlangen die Statuten des Kanals, dass dem Advisor - dem Kanalmitarbeiter, der an Bord kommt und einen durch den Kanal leitet – eine Mahlzeit gereicht wird. Und so zermartern sich die Smutjes den Kopf, welches Gericht sich am besten vorkochen sowie schnell aufwärmen lässt und alle fragen sich, wann denn überhaupt Zeit sein wird, um in der Kombüse zu verschwinden. Bei der Schleusung werden schließlich alle Hände an Deck gebraucht, bzw. will doch jeder lieber seine Augen auf das Geschehen richten, als unter Deck an den Töpfen zu stehen.

Durch das rege Treiben rund um die Vorbereitungen herrscht Aufbruchstimmung. Freude auf neue Abenteuer liegt in der Luft. Denn genau das symbolisiert der Kanal. Er ist, wie ein Tor zu neuen Welten, zu den endlosen Weiten des Pazifiks, zu den fernen, sagenumwobenen Südseeinseln.

 

Ist der Kanal durchquert, haben europäische Segler in der Regel nicht so schnell vor, wieder in heimatliche Gefilde zurückzukehren. Das Segeln in der Karibik ist im Vergleich ein Katzensprung von der Heimat entfernt. Unweigerlich trennt sich hier die Spreu vom Weizen. Für viele sind die Entfernungen zu groß und der Rückweg in die Heimat zu weit.

 

Das Passieren des Panamakanals ist wohl in jeder Langfahrergeschichte ein Meilenstein.

 

Die Aufgeregtheit vor dem Transit ist also groß. Die Fahrt durch den Kanal ist dann ein zwei tägiger Ausnahmezustand an Bord - samt der vollen Bandbreite an Emotionen.

 

Ich bin insgesamt drei Mal durch den Kanal gefahren. Zweimal als Leinenhelferin mit anderen Segelschiffen und einmal mit Schironn. Nach meiner Erfahrung ist jeder Transit speziell, es lief jedes Mal mindestens eine Sache schief und bei jeder Durchfahrt war ein Kapitän dabei, der aus Sorge um sein Schiff ein völliges Nervenbündel war. Langweilig war es auf jeden Fall nie.

 

Insbesondere im ersten Viertel des Jahres, wenn der Andrang von Segelschiffen hoch ist, werden in der Regel mehrere Segelschiffe zusammen geschleust. Längsseits aneinandergebunden bilden bis zu drei Schiffe ein Päckchen. Wir haben bei unserer Schleusung ein „Buddyboat“. Der französische Eigner des Monohulls steht bereits am Abend vor der Schleusung bei uns vor der Tür. Völlig aufgebracht begutachtet er Schironn, zückt das mitgebrachte Metermaß, um unser Schiff penibel zu vermessen und stößt auf ein paar Aluminiumwinkel über unseren Fenstern, die ihn in Angst und Schrecken versetzen. Wir beschwichtigen ihn, zeigen ihm unsere vielen Fender, aber es nützt nichts – er rennt völlig entsetzt davon. Seine Nervosität und Angst um sein Schiff wird uns den gesamten Transit lang unterhalten.

 

Bei einer anderen Durchfahrt verursachten die Leinenhelfer auf einem Schiff mächtig Ärger. Sie beherrschten nicht die grundlegendsten Dinge, wie z.B. das Belegen einer Klampe. Ihre Inkompetenz führte zu einer Reihe chaotischer Situationen, heftigen Wutanfällen des Kapitäns sowie lautstarken Zurechtweisungen des Advisors. Genaugenommen, schrien sich auf dem Schiff am Ende alle gegenseitig an.

 

Zu fünft, bzw. inklusive Advisor zu sechst, ist es auf jedem kleineren Segelschiff eng und alle sind irgendwie angespannt. Der Eine ist ganz hektisch vor Sorge um sein Schiff und der Andere - wie ich zum Beispiel - ganz enthusiastisch vor Abenteuerlust.

Da der Transit für Segelschiffe vom Atlantik in den Pazifik in der Regel auf zwei Tage aufgeteilt wird, passiert man am ersten Tag drei Schleusen und übernachtet, befestigt an einer überdimensionalen Boje, im Gatunsee. Am zweiten Tag fährt man in etwa sechs Stunden über den künstlich erschaffenen Seeweg durchs Landesinnere und passiert die nächsten drei Schleusen auf der Pazifikseite.

 

Unsere Schleusungen sind keinesfalls langweilig.

 

Es gibt drei verschiedene Weisen, wie man in der Schleuse steht und mit den Leinen festgemacht ist. Bei der ersten und am häufigsten vorkommende Variante, steht das Schiff oder das Päckchen mittig der Schleuse und wird mit Vor- und Achterleinen zu den Schleusenmauern stabilisiert. Bei der zweiten Variante wird man, mit nur zwei befestigten Leinen dicht an einer Mauer geschleust und bei der dritten Variante legt man an ein bereits in der Schleuse befindliches Schiff, wie z.B. an einen Schlepper an. Wir wurden bei unserem Transit vor die Herausforderung aller drei Varianten gestellt.

 

In die erste Schleuse fahren wir im Päckchen mit dem französischen Monohull ein und legen längsseits an einer Touristenfähre an. Die Touristenfähre, die keine Touris an Bord hat, übernimmt das Leinenhandling. Wir sind damit beschäftigt die Leinen, mit denen wir zur Backbordseite mit dem anderen Segelschiff und zur Steuerbordseite mit der Touristenfähre verbunden sind, zu justieren.

 

Das Wasser steigt rasant. Strudel umgeben unser Schiff. Während wir eben noch von dem hoch emporragenden uralten Schleusengemäuer umringt waren, sind wir in acht Minuten oben am Schleusenrand angekommen. Bevor wir in die nächste Schleusenkammer weiterfahren dürfen, wird es jedoch interessant. Die Schleuse ist heute randvoll. Zunächst wird das große Cargoschiff, welches ganz vorne in der Schleuse steht, von kleinen futuristisch aussehenden Loks rausgezogen. Ihm folgen zwei Schlepperboote. Erst dann dürfen wir uns von der Fähre lösen. Im Strudel der ausfahrenden Fähre verharren wir bis wir endlich dem Pulk folgen dürfen.

 

In dieser Variante werden wir am erste Tag durch alle drei Kammern geschleust. Für Sven bedeutet das, dass er unser Päckchen drei Mal präzise an die Fähre andocken und drei Mal im entstehenden Sog der anderen Schiffe warten muss bis wir aus der Schleuse rausfahren können. Mit einem Motor bewegt er das Päckchen nach vorne oder nach hinten, mit dem anderen kann er es drehen.

Am zweiten Tag ist der Ablauf der ersten Schleusung chaotisch. Unser französisches „Buddyboot“ hat die lange Strecke über den Gatunsee zu langsam zurückgelegt. Kurz vor der ersten Schleuse auf der Pazifikseite läuft das Funkgerät des Advisors auf Hochtouren. Die Anweisungen, die er uns gibt sind wirr und ändern sich im Minutentakt. Schließlich weist er uns mit ernster Miene an, nicht auf das andere Segelschiff zu warten und alleine in die Schleuse zu fahren. Dort legen wir an der Schleusenmauer an. Dicht auf unseren Fersen folgt ein riesiges Kreuzfahrtschiff. Es ist offensichtlich bereit, hinter uns in die Schleuse einzufahren, um mit uns in der Kammer geschleust zu werden.

 

Im letzten Moment erhält der Advisor doch neue Informationen über Funk. Das andere Segelschiff kommt noch rechtzeig an. Es fährt im letzten Augenblick an dem Kreuzfahrtschiff vorbei und legt längsseits bei uns an, so dass wir im Päckchen an der Schleusenmauer nach unten geschleust werden. Die Schleusung verläuft äußerst unangenehm. Der Wasserpegel sinkt, der Druck auf unsere Leinen steigt. Wir haben massive Probleme Schironn von den Schleusenmauern fernzuhalten und verpassen diesen immer wieder einen Hauch von einem Kuss. Unsere Crew hat alle Hände voll zu tun, während dutzende Augenpaare der Kreuzfahrtgäste auf uns gerichtet sind und begeistert Fotos schießen.

 

Als ich den Advisor frage, wie oft es denn vorkommt, dass ein Segelschiff gegen eine Schleusenmauer knallt, antwortet er kühl und knapp: „Oft!“

Schließlich öffnet sich das letzte Tor. Die riesigen mit den unzähligen Halbrundnieten besetzten Schleusentore, welche von einer Zeit zeugen, als man Stahl noch nicht geschweißt hat, verleihen der Szenerie etwas Episches. Allein um diese Tore nochmal bewundern zu können, muss ich irgendwann wiederkommen.

 

Bis dahin ist der Moment, in dem sich das letzte Stahltor öffnet, in meinem visuellen sowie emotionalen Gedächtnis tief verankert. Der Weg in den Pazifik ist frei. Jeder an Bord strahlt stolz und unbesorgt. Das zweitägige Erlebnis hat an Bord eine gemeinsame Verbundenheit erzeugt. Alle Anspannung geht dahin, Korken knallen, jeder gibt sich anerkennend die Hand. Und sogar der Advisor ist endlich ganz entspannt.

 

Und so sitzen wir am Abend nach dem Transit mit unseren Leinenhelfern, die unsere drei Freunde sind, mit denen wir gleich im Anschluss den Pazifik überqueren werden, bei Bier und Champagner vor der Hochhauskulisse von Panama City, feiern das erste gemeinsame Abenteuer und freuen uns bereits auf das Nächste. Schon ein paar Tage später werden wir aus Panama ausklarieren und zur Pazifiküberquerung aufbrechen.

  

Ja, und wie war das nun mit dem Essen für die Advisor?

 

Bei all meinen Schleusungen wollten die Advisor weder etwas zu Essen noch etwas zu trinken annehmen, bzw. wenn dann erst kurz bevor sie das Schiff verlassen haben. Ich schätze, die Advisor hatten viele schlechte Erfahrungen mit dem Essen und unschöne Bekanntschaften mit Bordtoiletten. Offensichtlich sind sie selber nicht erpicht darauf die vorgeschriebene Mahlzeit zu erhalten. Alle Sorgen ums Essen waren also völlig umsonst..

Kommentar schreiben

Kommentare: 0