Shelter Bay Marina, Colon Panama – Bunker und Zufluchtsoase

Drohnenaufnahme von der Einfahrt in die Marina
Drohnenaufnahme von der Einfahrt in die Marina

Die Shelter Bay Marina, gelegen an der Einfahrt zum Panamakanal, ist nach einem Jahr Leben in dem zurückgebliebenen und von Dauerregen geplagtem Junglemoloch Portobelo für uns eine echte Zuflucht aus der panamesischen Wildnis und Kriminalität zurück in die Zivilisation. Zudem macht die Marina ihrem Namen in weiterer Hinsicht alle Ehre. Das gesamte Areal ist mit verlassenen Militärbunkern, der hier vormals stationierten amerikanischen Armee gespickt.

Bereits als wir zu dem von einer Kaimauer erzeugten Nadelöhr, welches den Eintritt in die Panama Canal Zone markiert, vordringen, kommt mir dieser Ort besonders vor. Vor dem Nadelöhr ankern diverse Cargoschiffe im offenen Meer und warten bis sie an der Reihe sind, die sechs Schleusen des Panamakanals zu durchqueren.

 

Um die Erlaubnis zu erhalten, die Einfahrt in die Canal Zone zu passieren, funke ich die Cristobal Signal Station an. Die Funkstation mit der ALLE Handelsschiffe, die durch den Panamakanal fahren, mindestens einmal sprechen. Mich erfüllt Stolz und Zufriedenheit, denn heute sind wir es, die mit unserem Schiff in den Bereich des phänomenalen Panamakanals einfahren.

 

Die Frau an der Funke gibt uns die Info, dass wir auf den Verkehr achten sollen. „In fünf und in zwanzig Minuten geht ein Containerschiff durch das Nadelöhr,“ sagt sie. Wir pirschen uns an die Fahrspuren, die in das Nadelöhr führen an und warten, bis das erste Schiff durch ist. Es steuert weit aufs Meer hinaus. Etwa 20 Minuten haben wir nun Zeit die Einfahrt zu passieren, bis das nächste große Schiff raus will. Zwar fühlen wir uns wie eine Schnecke auf der Autobahn, dennoch lassen wir die sich zu beiden Seiten erstreckende Kaimauer ohne Stress hinter uns und treten in die Panama Canal Zone ein. Den Bereich, der das schäbige Städtchen Colon samt Handelshafen umschließt und der geradewegs in die Einfahrt der ersten Schleusen des Panamakanals führt. Viele ankernde Cargo- und Industrieschiffe prägen auch hier das Bild. Zu unserer Rechten befindet sich die Einfahrt in die Shelter Bay Marina. Diese Einfahrt in die Marina behält man im Gedächtnis. Fasziniert vom geschichts- und wirtschaftsträchtigen Wunderwerk Panamakanal weckt dieser Ort Begeisterung in mir. Die Begeisterung wird in der folgenden Zeit genährt. Dieses Areal ist ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene - wilde Abenteuer nach unserem Geschmack.

So holen wir das feste Schuhwerk aus dem Schrank, binden die Schnürsenkel zu und begeben uns auf Erkundungstouren durch den uns umgebenden Nationalpark. Wir ziehen die Socken hoch, ziehen ein langärmliges Shirt an, setzten ein Cap auf und nebeln uns komplett mit dem Antimosquitospray Off ein. Wir schnüren die Machete am Rucksack fest und packen die Taschenlampen ein.

 

Das gesamte Areal um die Marina wurde seit 1911 von den Amerikanern als Militärstutzpunkt genutzt. Während der Stützpunkt zu Anfang dem Zweck der Verteidigung des Panamakanals zur Atlantikseite hin diente, nutzten die Amerikaner ihn nach dem Zweiten Weltkrieg als „Jungle Operation Center“, als Trainingsgelände, um Soldaten auf die Kriegsführung im Jungle vorzubereiten (Ausbildung der Spezialeinheiten für den Vietnamkrieg).

 

1999 zogen die Amerikaner ab. Seitdem stehen Militärbunker und damalige Wohnanlagen leer. Die dichte, immerfeuchte Tropenvegetation erobert sich ihren Raum zurück. Einige Bunkeranlagen sind durch die Vegetation schwer zugänglich oder kaum auffindbar.

 

Zur Orientierung nutzen wir eine ehemals "top secret" Karte von 1922, die Sven im Internet aufgetrieben hat.

Wir finden eine verlassene Kirche vor, in der heute nur noch ein paar Greifvögel zum Gottesdienst kommen. Durch die zerborstenen Scheiben finden sie ihren Weg in das verlassene Gebäude. Von den Deckenbalken schauen sie auf den gut erhaltenen massiven Holzaltar. Mir wird eines Abends von einem Türsteher des Dschungelreservats der Zutritt in das Gebäude verwehrt. Eine zwei Meter große Schlange hält Wache vor der offenstehenden Flügeltour.

 

Wir finden Überreste eines Zoos. Völlig überwucherte kleine und große Gehege, in denen damals Krokodile, Affen oder Vögel zum Freizeitvergnügen der Soldaten gehalten wurden, erstrecken sich über ein kleines Areal. Die Käfige sind nicht mehr verschlossen. Heute nutzen die Tiere, vor allem die Nasenbären, den Raum frei und ungebunden.

 

Durch eine Absperrung gelangen wir in eine Geisterstadt, eine verlassene Wohnsiedlung mit mehreren gut erhaltenen zweistöckigen Bungalows. Eine Bushaltestelle wartet auf die nicht vorhandenen Menschen, auf den nicht vorhandenen Bus an der nicht mehr vorhandenen Straße. Das Lost Dorf ist zu allen Seiten vom Dschungel umzingelt.

 

Während viele die Faszination verfallener Bunkeranlagen im Dschungel am heimischen Rechner durch Egoshooter Spiele erleben, erkunden wir bei schwüler Hitze, gnadenloser Sonne, feuchtem schlammigen Untergrund und einem ohrenbetäubenden Natursound aus Geräuschen von Grillen, Brüllaffen, exotischen Vogelrufen etc. diese Szenerie hautnah und mit allen Sinnen.

 

Anders als bei den Egoshootern müssen wir uns allerdings nicht vor Zombies oder Nazis in Acht nehmen, sondern vor den stechwütigen Mücken, gefährlichen Schlangen aller Art, Ameisenkolonien, Zecken, Spinnen, riesigen Krokodilen, vor Wurfgeschossen, mit denen die Kappuzzineraffen uns von den Palmen bewerfen sowie vor militärischen Kriegsmitteln, wie Sprengfallen oder Handgranaten.

So vernimmt Sven zum Beispiel eines Tages abseits der Trampelpfade plötzlich ein leises klick. Sein letzter Schritt hat einen Mechanismus unter seinen Füßen ausgelöst. Ein grauer länglicher Gegenstand, offensichtlich ein Relikt vergangener Militäroperationen liegt am Boden, den Sven als ein Teil einer Landmine identifiziert. Er erkennt aber, dass die normalerweise untergeschraubte Landmine der Marke Claymore fehlt. Es ist nur der Zünder. Sven hebt das Teil hoch und trennt den Auslösemechanismus von der Zünderpatrone. Die Patrone ist nicht gezündet. Behutsam verfrachtet er den Zünder in seinen Rucksack, lächelt frech und sagt: „Man, weiß ja nie, wozu man so einen Zünder noch gebrauchen kann.“

 

Wir finden zudem Munition, Handgranaten sowie eine kleine Rakete zum Zweck der Gefechtsfeldbeleuchtung. Bei allem handelt es sich um weiteres Übungsmaterial der Armee und damit um Platzpatronen und Rauchgranaten. Wir hören allerdings, dass in einiger Entfernung, noch tiefer im Dschungel scharfe Munition rumliegt.

Das kleine  Krokodil in der Marina
Das kleine Krokodil in der Marina

Über die uralte Schienenstrecke laufen wir zum drei Kilometer entfernten Strand, an dem schon damals die Soldaten ihre freien Stunden verbrachten. Der Strand ist kein gepflegter karibischer Traumstrand. Es ist ein wilder Strand. Bei ungünstigem Wind türmen sich die Wellenberge auf und brechen mit Gewalt auf die Küste. Am Horizont zeichnen sich die vor der Canal Zone ankernden Cargoschiffe ab. Ein kleiner Fluss mündet ins Meer, in dessen seichtem und kalten Wasser wir Abkühlung finden. In diesem Fluss lauert eine Gefahr, von der wir bei unseren ersten Badeausflügen noch nichts ahnen. Erst als Sven eines Tages am Fluss Kokosnüsse von der Palme holt und eine Kokosnuss in den Fluss fällt, sieht er, wie ein vier Meter großes American Krokodil auf der gegenüberliegenden Flussseite auf ihn zugleitet. Ein Monster von Krokodil. Kein Tier mit dem man auf Konfrontationskurs geraten möchte. Bei einem Angriff von diesem 200 kg Koloss hilft kein Messer, keine lange Stange, selbst weglaufen ist unmöglich. Erschrocken von dem Anblick rennt er runter zum Strand, wo ich gerade direkt vor der Flussmündung im Wasser schwimme und ruft mir aufgebracht etwas zu. Auf Grund der tosenden Brandung verstehe ich ihn nicht. Aber in seinen Augen spiegelt sich der Glanz von Gefahr. Mit Gesten weist er mich von der Flussmündung weg. Ich verlasse das Wasser.

 

Ein wesentlich kleineres Exemplar bekommen wir dann täglich in der Marina zu sehen. Jeden Tag schwimmt es um Schironn und sonnt sich morgens nur unwesentlich entfernt von uns an Land. 

Insgesamt inspizieren wir so viele Bunkeranlagen und ehemalige Geschützstellungen, dass ich sie nicht mehr zählen kann. Wir spazieren durch jeden noch so engen und dunklen Gang, egal wie viele Fledermäuse uns um die Ohren fliegen, wie viele Kakerlaken zu unseren Füßen rennen oder Spinnennetzte uns den Weg versperren. „Da muss laut Karte irgendwo tiefer im Dschungel noch eine Anlage sein“, und so geht es mit Hilfe der Machete noch weiter durch das dichte Gestrüpp.

 

Wir sind faszinierend, wie die Natur sich in weniger als 20 Jahren die massiven Betonbauten wieder zu eigen gemacht hat. Das sterile Grau der Bunker verliert sich mehr und mehr unter der natürlichen grünen Tarnung der unzähligen Pflanzenarten.

Fort San Lorenzo 16.Jhr
Fort San Lorenzo 16.Jhr

Entlang einer 10 km langen Schotterpiste geht es schließlich noch weiter durch den San Lorenzo Nationalpark bis zu der gut erhaltenen spanischen Festung aus dem 16. Jahrhundert. Sie liegt an der Mündung zum Rio Chagres, dem Fluss, der heute den künstlich angelegten Gatun See des Panamakanals speist. Auf dem Weg hierhin stoßen wir auf weitere verlassene sowie immer noch besetzte Bunkeranlagen. Und wenn ich dachte, die Biodiversität um Portobelo herum sei großartig gewesen, dann legt dieser Park noch einen drauf. Hier sieht man nicht ab und zu mal ein Tier, hier sieht man gleich 20 Nasenbären auf einmal oder wird von einem scheinbar ziemlich blinden Ameisenbären angerempelt.

 

Die Zeit in der Shelter Bay Marina war uns eine Freude! Und als sei die Erkundung eines verlassenen Armeestützpunktes, einer Festung aus dem 16. Jahrhundert sowie die direkte Begegnung mit wilden Tiere noch nicht Abenteuer genug, laden uns auf unseren Dinghitouren durch die Canal Zone zudem diverse Schiffwracks zum Besteigen ein. Aber darüber mehr im nächsten Bericht.

 

 

Nächster Bericht: „15-PS Außenbordmotor auf einem russischen Wrack gefunden und annektiert“ folgt in Kürze

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Kommentare: 2
  • #1

    Thabor Ralf (Mittwoch, 20 Juni 2018 21:48)

    Das ist ein Traum den ich gerne mit gemacht hätte. Wünsche euch noch viele heiße Abenteuer

  • #2

    Rudolf Costa (Donnerstag, 21 Juni 2018 09:11)

    Hallo Sveno, sehr interresante Dokumentation, da wäre ich auch gerne durch die alten Geschützstellungen und Bunker gelaufen , Euch / Dir noch weiterhin eine gute Fahrt, freue mich mich schon auf den nächsten Bericht der Reise. Ciao Rudi