15-PS Außenbordmotor auf einem russischen Stahlwrack gefunden und annektiert

Direkt hinter der Ein- und Ausfahrt zur Shelter Bay Marina, haben wir einen 15-PS Außenbordmotor auf einem verlassenen und halb gesunkenen 75-Meter langen russischen Stahlwrack entdeckt und annektiert. Unser Außenbordmotor wurde kürzlich in Portobelo geklaut, so dass uns dieser Fund sehr gelegen kommt. Erst als wir geraume Zeit später bei einem erneuten Besuch auf dem Wrack vom Militär aufgesucht, kurzzeitig festgehalten werden und uns Knast angedroht wird, wissen wir, dass es sich offensichtlich nicht um ein herkömmliches verwaistes Wrack handelt.

 

 

 

Nach unserer Ankunft in der Shelter Bay Marina geht Sven sogleich mit dem Kayak in der Bucht vor dem Panamakanal auf Erkundungstour. Vom zweiten Deck eines der hier stehenden Wracks lächelt ihn ein Außenbordmotor an. Der 15-PS Motor ist an einem Rettungsboot befestigt. Das Wrack steht - nach dem Grad des Rostes zu beurteilen - hier offensichtlich schon lange. Die Schräglage des Schiffes lässt erkennen, dass das Schiff Leck geschlagen ist.

 

Sven macht sogleich einen Plan: Am nächsten Tag brechen wir zu einer unauffälligen Angeltour mit unserem Dinghi auf und holen uns den Motor.

Und so paddeln wir am nächsten Tag fröhlich aus der schmalen Ein- und Ausfahrt der Marina, fahren an der hier stationierten panamesischen Militärbasis vorbei, lassen die Angeln schwingen und kämpfen uns gegen Wind und Welle geradewegs zum Wrack.

 

Am Wrack angekommen, binden wir das Dinghi doppelt gesichert an die Hängeleiter des Schiffes und klettern auf die Ladefläche empor. Der Weg hoch aufs zweite Deck des Schiffes, wo sich der Außenborder befindet führt uns zunächst über eine rostig und extrem brüchige Stahlleiter aufs erste Deck. Weiter geht es durch das Innere des Schiffes. Eine zweite extrem steile mit winzigen in gleichen Breiten abstehenden Stufen besetzte Treppe führt uns zur Brücke. Von hier aus gelangen wir schließlich durch eine schmale Tür zum Außendeck und zum Rettungsboot samt Außenbordmotor.

 

Um den Außenbordmotor von seiner Halterung am Rettungsboot zu lösen, hat Sven allerlei hilfreiches Zeug in seinem Rucksack dabei: Brecheisen, Messer, Zange, WD40 und vieles mehr. Gelöst bekommt er ihn dann schlicht und einfach mit roher Gewalt.

 

Bevor wir uns samt Motor auf den Rückweg machen, erkunden wir das langsam in sich verfallene Schiff. Wir spazieren durch die Kajüten, die Kombüse, schauen in den unter Wasser stehenden Fracht- sowie den Motorraum und schauen was sich in den Notfallpaketen der Rettungsboote befindet. Obwohl das Schiff hier schon etliche Jahre vor sich hin rostet, ist es erstaunlich gut erhalten und wenig geplündert. Die Funkgeräte stehen noch in den Ladestationen, Seekarten und Schiffsdokumente liegen an ihren Plätzen, Klamotten sowie Pornoheftchen der Besatzung liegen in den Kajüten…es scheint, als wäre das Schiff Hals über Kopf verlassen worden.

 

Dann geht es an den schwierigsten Teil. Der schwere Motor muss die waghalsigen kleinen Treppen zwei Deck runter und ins Dinghi befördert werden. Unten angekommen sagt Sven: „So, jetzt habe ich wirklich keine Stelle mehr am Körper an der es nicht blutet.“

 

Wir befestigen den Motor an der Halterung, aber er springt nicht an. Langsam paddeln wir zurück in die Marina. Ich schwinge gewissenhaft die Alibiangel. Ein Motorboot nähert sich von hinten und fährt parallel mit uns in die Einfahrt der Marina. Wir paddeln an der Militärbasis vorbei und erreichen unseren Liegeplatz. Unsere Nachbarn, ein altes amerikanisches Ehepaar verlassen gerade ihr Schiff. Als sie uns in der Dämmerung paddeln sehen, begrüßen sie uns: „Aww, you did a romantic trip! That is so nice! Did you catch a fish?“. Ach, wenn die wüssten, dass wir gerade einen 15-PS Motor von einem russischen Stahlschiff gehievt haben und durch Wind und Welle paddeln mussten. Ach, wenn die wüssten, wie romantisch das war!

 

Am nächsten Tag bringt Sven den Motor zum Laufen und wir brechen sogleich zu einer Probefahrt zu den anderen in der Bucht stehenden Wracks auf. Insgesamt unternehmen wir in der folgenden Zeit eine Reihe von Abenteuertouren zu den unterschiedlichen Wracks. Wir erklimmen samt Klettergeschirr eine 10-Meter hohe Schiffsmauer, wir annektieren eine neue UKW-Antenne als Ersatz für unsere vom Blitz zerstörte sowie allerlei Kleinkrams für unseren Eigenbedarf, studieren Aufbau und Art der unterschiedlichen Frachtschiffe und sind begeistert von den Szenerien des materiellen Verfalls.

 

Als unsere vier Freunde zu Besuch sind, brechen wir auch mit ihnen zu einer Abenteuertour zu den Wracks auf. Zu sechst im Dinghi fahren wir im Schneckentempo aus der Marinaeinfahrt in die Canal Zone rein und erklimmen gut gelaunt eines der Wracks. Unsortiert und lebhaft strömen alle sechs über die Außendecks sowie die Innenräume des Schiffes. Als sich ein heftiger Regenschauer am Horizont abzeichnet, trommeln wir die Mannschaft zusammen und brechen schnellstmöglich auf. Ein paar für die Seefahrt sinnvolle Kleinigkeiten, wie z.B. Notfallessen, Notfallraketen, eine Tauchflasche sowie das schicke Messinggehäuse, des uralten Kompasses, den wir bereits bei einer früheren Tour gefunden haben, wandern ebenfalls mit uns von Bord. Das hölzerne Steuerrad, dass sich äußerst gut auf Tyrones Stahlschiff machen würde, lassen wir auf Grund der Platzprobleme in unserem Dinghi zurück.

 

Kurz vor der Marinaeinfahrt rast ein Motorboot mit Highspeed von hinten auf uns zu. Ich setze mich schnell auf den geräuberten Kram, der in einem Sack zu meinen Füßen liegt. Sven schiebt das geschwungene Messing des uralten Bordkompasses zwischen seine Füße. Das Motorboot holt uns ein, fährt dicht an uns heran und bittet uns den Motor zu stoppen. Es sind zwei Männer von der Armee.

 

„Was ist das?“, fragt einer der Männer und zeigt auf das geschwungene Messingblech, dass zwischen Svens Füßen hervorglitzert. „Wart ihr auf einem der Schiffe? Gib das mal her!“ Wir reichen das Messingblech und bestätigen kleinlaut, dass wir auf einem der Schiffe waren.

 

„Es ist strengstens verboten auf die Schiffe zu gehen. Das sind konfiszierte Drogenboote! Bitte folgt uns!“ werden wir mit böser Mine belehrt.

Wir folgen ihnen die paar hundert Meter zu ihrem Stützpunkt an der Einfahrt zur Marina.

 

So ein Ärger! Das sind Boote, auf denen große Mengen Drogen gefunden und die daher von der Armee beschlagnahmt wurden! Seit Jahren liegen sie unbeachtet vor dem Armeestützpunkt und rotten vor sich hin. Nun macht alles Sinn: Warum die Schiffe wirken, als seien sie Hals über Kopf verlassen worden und warum noch so viele wertvolle Dinge an Bord sind. Hier in unmittelbarer Nähe zum höchstkriminellen Städtchen Colon wäre andernfalls definitiv gar nichts mehr von Wert vorhanden.

 

Am Steg von der Militärstation binden wir das Dinghi fest. Der arme Tyrone, der als einziger spanisch spricht, muss seinen Kopf hinhalten und begleitet die Männer zu ihrer Basis. Der Rest von uns bleibt brav im Dinghi sitzen.

 

Wir schauen uns um. Dutzende weitere konfiszierte und vor sich hin modernde Schiffe unterschiedlichster Art stehen an den Stegen oder an Land: Segelschiffe, kleine Cargoschiffe und dutzende kleine Motorboote mit auffallend starker Motorisierung.  

 

Tyrone kommt nach etwa 15 Minuten zurück zu unserem Dinghi. „Lets go guys!“, sagt er, springt zu uns ins Boot und erzählt was ihm wiederfahren ist.

 

Die Jungs von der Armee haben ihn zurechtgewiesen sowie uns gedroht. Diesmal würden wir noch ohne Strafe davonkommen, aber wenn wir ein weiteres Mal auf einem der Wracks oder in ihrer Nähe gesehen werden, blüht uns ein längerer Gefängnisaufenthalt.Tyrone besitzt sogar so viel Schneid und versucht die Messingverkleidung durch mehrfaches Bitten sowie Geldangebote zurück zu erhalten. Das Messing bleibt jedoch konfisziert. Die Jungs der Armee verabschieden sich mit einem Händedruck.

 

Wir kommen mit einem blauen Auge davon und profitieren ein weiteres Mal davon, dass Panamesios ihren Job gerne mal halbherzig ausführen. Unseren Rucksäcken und demKram auf dem ich saß wurde nämlich keinerlei Beachtung geschenkt. Nach diesem Vorfall sind die vor Anker liegenden Drogenboote jedoch durchgehend mit einem Wachmann besetzt und nachts in Flutlicht getaucht.

 

Schon nach kurzer Zeit merken wir jedoch, dass der Außenbordmotor nicht wirklich für unsere Bedürfnisse geeignet ist. Es handelt sich um einen Langschaftmotor und daher ist das Befahren flacher Gewässer unmöglich. Nach oben kann man ihn auch nicht klappen, um gegebenenfalls direkt an einer Küste anzulegen. Das Manövrieren des Dinghis ist viel schwerer. Wenn ich alleine fahre, fährt sich das Dinghi wie ein wilder Bulle. Wohl oder übel müssen wir uns doch einen neuen Außenbordmotor kaufen. Den Langschaftmotor nehmen wir jedoch mit in den Pazifik. Wir sind uns sicher, dass wir dort jemanden eine große Freude mit ihm machen können.

 

Nächster Bericht: „Erlebnis Panamakanal!“ folgt in Kürze

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