Jetzt wissen wir warum es keine Fähre zu den San Blas Inseln gibt - das Wrack der San Blas Ferry

Von der Panamericana, der längsten Straße der Welt, welche im äußersten Norden Alaskas beginnt und durch Nord-, Zentral- und Südamerika bis zum südlichsten Punkt Argentiniens führt, hat wahrscheinlich schon jeder mal gehört. Das dieser Highway jedoch nicht durchgängig verläuft – also, dass man gar nicht mit dem Auto die ganze Strecke durchfahren kann, weil die Straße zwischen Panama und Kolumbien unterbrochen ist - davon hatte ich ehrlich gesagt, bevor wir in unmittelbarer Nähe zu diesem sogenannten „Darien Gap“ lebten, noch nie etwas gehört.

De facto hört der Panamerikanische Highway nämlich ein paar hundert Kilometer nach Portobelo einfach auf und fängt erst nach ca. 150 km in Kolumbien wieder an. Dazwischen befindet sich eine Region, die für den Normalbürger unerschlossen bleibt: die Darien Region.

 

Öffentlicher Nahverkehr ist das letzte, was man hier findet. Durch den Urwald führen nur kaum auszumachende und wenig frequentierte Trampelpfade. Gefährlich ist es auf mehrere Arten. Im Dschungel warten giftige Schlangen, Jaguare, tropische Hitze, Krankheiten, wie Malaria und Orientierungslosigkeit. Darüber hinaus verhindert auf der panamaesischen Seite die staatliche Spezialeinheit SENAFRONT, welche Schmuggler, Banditen, paramilitärische Gruppen und Flüchtlinge aufgreift, das Passieren des Gebiets. Und auf der kolumbianischen Seite führen die schwer bewaffneten FARC-Rebellen und die skrupellosen Drogenschmugglerbanden das Regiment.

 

Die Region dehnt sich über die gesamte schmale Landfläche von der atlantischen bis zur pazifischen Küste aus. Eine Überquerung der Grenze zwischen Panama und Kolumbien auf dem Landweg ist daher quasi unmöglich. Der Darien Gap ist, wie ein zu beiden Seiten der Grenze errichteter Wall, wie eine Festung, die den Grenzverkehr blockiert.

 

Und so richten wir unser Augenmerk auf die atlantische Küste der Darien Region. Wenn es kein offizielles Verkehrswesen an Land gibt, gibt es dann wenigstens eine offizielle Fähre, mit der man von Panama nach Kolumbien und vice versa kommt?

 

Vor der Küste der Darien Region sprießen 365 palmengesäumte Inseln, die von den Kuna Indianern teil-autonom regiert werden, wie Pilze aus dem Boden. Die San Blas Inseln sind das Topreiseziel!

 

Jeder Segler träumt davon, eines Tages vor einer dieser schön anzusehenden San Blas Inseln im türkisblauen Wasser zu ankern. Jeder Backpacker in dieser Region verfolgt in erster Linie das Ziel, zu diesen Inseln zu gelangen.

 

Und? Gibt es einen Fährverkehr zwischen Panama und Kolumbien mit Zwischenstopp auf den San Blas Inseln? Nein, gibt es nicht! Und wir wissen jetzt auch warum.

 

Bei Ankunft auf den Chichime Inseln sticht uns das Wrack der 54 Meter langen San Blas Ferry sofort ins Auge. Wie als hätte sich eine Beute im Spinnenweben verheddert, liegt das Wrack in der messerscharfen Falle der Korallen nur etwa 200m von der kleineren der beiden Chichime Inseln entfernt. Die eine Seite des Wracks hat sich auf dem Korallenriff festgefahren, die andere Seite hängt tief im Wasser. Das Schiff liegt dementsprechend in kritischer Schieflage.

 

Als wir mit dem Fernglas die Hängeleiter erspähen, die sich vom Deck bis runter zur Wasseroberfläche an den bauchigen Rumpf des Schiffes schmiegt, fangen wir sofort mit der Planung eines neuen Abenteuers an. Dieses Wrack müssen wir unbedingt erklimmen!

 

Und so tasten wir uns mit dem Dinghi durch das korallengespickte flache Wasser bis zum Wrack vor und erklimmen die Hängeleiter. Die Wellen brechen unter ohrenbetäubenden Lärm mit enormer Gewalt gegen die Steuerbordseite des Wracks. Als wir auf dem Deck der Fähre stehen, muss sich unser Gleichgewichtssinn erstmal auf die Schräglage des Schiffes einstellen.

 

Unsere Oberkörper tarieren den Stand auf dem schiefen Untergrund durch eine weit nach hinten ausgerichtete Lage aus. Das Stehen und die Fortbewegung in Schräglage fühlt sich nicht nur seltsam an sondern sehen auch vollkommen wirklichkeitsfremd aus. Wir lachen uns tot, als wir uns gegenseitig betrachten. Das Gehirn suggeriert uns zudem, dass der Boden sich bewegt. Auf wackeligen Beinen hangeln wir uns daher in Schräglage an der Reling entlang oder halten uns an den Wänden fest, um nicht auf dem Boden im steilen Winkel nach unten zu rutschen.

 

Und so erkunden wir den großen Innenraum, einen Kiosk, ein paar Kojen, den Rumpf des Schiffes, der zum Transport von Autos diente, die völlig durchwühlte und geplünderte Brücke sowie die Außenbereiche.

 

Jeder Bereich des Schiffes ist vollkommen geplündert. Alles was von Wert war, ist verschwunden. Die Witterung und das Meerwasser zerren ohne Unterlass an der Substanz des Schiffes. Fast alle Fensterscheiben sind bereits zerborsten und säumen den Boden.

Der Stahl trieft vor Rost.

 

Obwohl die Szenerie traurig anmutet, hat der Verfall des Stahlkolosses etwas unglaublich Hübsches und Faszinierendes an sich. Zudem ist der Abenteuerfaktor phänomenal. „Das ist das Beste, was ich auf meiner Backpackerreise durch Zentralamerika bisher erlebt habe“, äußert unsere Freundin Kate mit glückerfüllten Augen am Ende der Tour.

 

Wir sind schon seit Anbeginn unserer Reise von Wracks fasziniert. Bisher hatten wir jedoch noch nie das Glück auf ein Wrack zu treffen, das man betreten kann. 

 

Wie es dazu kam, dass die San Blas Fähre Schiffbruch erlitt, erfahren wir hinterher. Die Fähre gehört dem österreichischem Unternehmer Fritz, den wir in Portobelo selber kennen lernen. Er kaufte die Fähre, um die Nachfrage nach einem Fährverkehr für Passagiere und Autos zwischen Panama und Kolumbien zu stillen. Noch bevor er von der Regierung Panamas eine Genehmigung hierfür erlangen konnte (scheinbar hat die panamesische Regierung nicht sehr viel Interesse an einer Fähre in dieser Region), also noch bevor die Fähre überhaupt im Dienst war, ereignete sich das Unglück. Die Geschichte klingt wie ein schlechter Scherz. Die Fähre kam zum Einsatz, um den eigenen zweiten Charterkatamaran vom selbigen Riff zu ziehen. Während des Manövers fiel ein Motor der Fähre aus, so dass sie selbst auf dem Riff landete.

 

Das Ende der Geschichte: die Fähre war nicht zu retten, dafür konnte der Katamaran vom Riff geborgen werden und ist heute, nach einem langen Refit, wieder als Charterkatamaran zwischen Portobelo und San Blas im Einsatz (auf Grund der fehlenden Fähre floriert das Chartergeschäft extrem. Für die Überfahrt von Portobelo nach Carthagena in Kolumbien zahlen Backpacker zwischen 300-500$, für ein Motorrad zahlt man gut und gerne weitere 300$).

 

 

An dieser Stelle möchte ich noch eine andere Sache, die die Darien Region betrifft, erwähnen:   Flüchtlinge.

 

Auf den Cayman Islands trafen wir auf ein kubanisches Flüchtlingsboot und erfuhren, dass die kubanischen Flüchtlinge mit ihren kleinen improvisierten Böotchen den langen Seeweg bis nach Südamerika auf sich nehmen (siehe Bericht: „Cayman Islands - Mikrokosmos unter der Lupe"). Da Länder, wie zum Beispiel Ecuador keinerlei Visumspflichten aufweisen, gehen sie dort an Land und versuchen sich schließlich über den Landweg bis in die USA durchzuschlagen.

 

Nun, da wir die Darien Region kennen, wird uns noch viel bewusster welche Hindernisse und extremen Gefahren der Landweg von Südamerika nach Nordamerika für die Flüchtlinge mit sich bringt. Wen es interessiert, dem möchte ich gerne folgende journalistische Videodokumentation über den Weg der Flüchtlinge durch die Darien Region empfehlen: https://www.youtube.com/watch?v=v8WQLW66Lvo

 

 

Nächster Bericht: "Ungewöhnliche Ordnungswidrigkeit in Panama City“ folgt in Kürze

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