Anekdoten aus dem Leben im Portobelo Nationalpark

Traumhafte, wenig erschlossene Küste
Traumhafte, wenig erschlossene Küste

Auf Grund unserer Probleme mit den Motoren, leben wir nun seit über einem halben Jahr im Portobelo Nationalpark. 34 846 Hektar umfasst das Naturschutzgebiet. 70 km Küste am karibischen Meer, naturbelassene Strände, Korallenriffe, Mangrovensümpfe, Lagunen, krokodilreiche Flüsse sowie extrem wenig oder gar nicht erschlossene bergige Landfläche samt tropischem Regenwaldbewuchs stehen seit 1976 unter Naturschutz.

 

Wir erkunden über Monate hinweg die wilde, naturbelassene und recht unerschlossene panamesische Küste. Von Portobelo, unserer Heimatbasis auf Zeit, nach Osten entlang bis zu den San Blas Inseln.

Affen tummeln sich in unmittelbarer Nähe zu Schironn in den Baumwipfeln, Schwalbenküken ziehen bei uns ein, Schlangen machen es sich auf Schironn gemütlich, langbeinige fliegende Insekten bauen ihre Nester in unseren Gardinen, Tiere erschrecken mich beim Joggen zu Tode, Frösche aus denen das hochgiftige Pfeilgift gewonnen wird, begegnen uns im tropischen Regenwald, Faultiere hängen faul in den Bäumen, Krokodilaugen ragen aus den Mangroven und Krebse begehen Selbstmord. Eine Hand voll Anekdoten, die das Leben im Nationalpark beschreiben.

 

Wer schon immer in einem Tierpark leben wollte, der ist hier auf jeden Fall genau richtig und braucht nicht auf Safari zu gehen, sondern kann die tropische Tierwelt direkt ums eigene Haus herum beobachten. Für mich genau richtig, denn ich kriege immer gute Laune, wenn ich auf Tiere in der freien Wildbahn treffe. Und Sven, der ist glücklich, weil bei jedem Landausflug aka. Abenteuertour eine Machete von Nöten ist.

Brüllaffe
Brüllaffe

Die Brüll- und Kapuzineraffen, welche nie lange an einem Ort verweilen und in Gruppen durch die Baumwipfel ziehen, sind mir fast die liebsten Tiere vor Ort. Das Brüllen der Brüllaffen, das wir schon aus Guatemala kennen, trägt einen großen Teil zur authentischen tropischen Atmosphäre bei. „Das klingt, als würde ein Tyrannosaurus Rex brüllen“, sagte gerade wieder ein Freund, der zu Besuch war.

 

Die Affen gehören zu unserem Alltag. Wir sehen oder hören sie täglich. Nichtsdestoweniger sind wir froh, dass es sich um sehr scheue Gesellen handelt, die den Menschen meiden und selten ihr Refugium in den Baumwipfeln verlassen. Eigentlich haben sie gar keinen Bock auf Menschen und auch kein Interesse an unseren Leckereien. Selbstbewusst drohen uns die Kapuzineraffen mit ihren Drohgebärden, wenn wir uns ihnen nähern oder bewerfen uns mit Palmenfrüchten.

 

Kein Wunder, denn die Affen haben hier alles, um sich autark pudelwohl zu fühlen. Da bin ich aus meinen Zeiten in Afrika ganz anderes gewöhnt. Im Studentenwohnheim in Tansania richteten die Affen ständig Chaos an und hatten keinerlei Scheu davor in unsere Apartments einzudringen oder den Müll auf dem Gelände auseinanderzunehmen. Während meiner Zeit in Malawi nervte ein Affe die Dorfbewohner von Nkhata Bay sogar so sehr, dass sie ihn kurzerhand in eine Gefängniszelle steckten, damit er endlich Ruhe gab. Da ist es mir doch lieber, wenn wir uns gegenseitig aus sicherer Entfernung begutachten.

Die winzig kleinen Küken
Die winzig kleinen Küken

Ganz anders sind die Schwalben. Von Scheu keine Spur. Sie finden Schironn ganz wunderbar, um zu schlafen oder sich einen Nistplatz zu bauen. Jedes höhlenartige Loch auf Schironn wird sogleich als Nistplatz in Beschlag genommen. So werden wir eines Tages, nach einem Wechsel der Ankerbucht ungewollt zu Mutti und Vatti Schwalbe. Einen Hohlraum unter dem Schiff, zwischen den Trampolinen, haben wir übersehen und daher nicht mit Füllmaterial vor den Schwalben versperrt. Beim Überprüfen des Ankers in der neuen Ankerbucht sehen wir vom Wasser aus das Nistmaterial aus dem Loch quellen und drei kleine frisch geschlüpfte Küken sperren ihre Schnäbel in unsere Richtung auf. Die Eltern sind uns leider nicht gefolgt. So begehen wir Massenmorde, um die kleinen aufzuziehen. Töten, damit sie überleben.

 

Käfer und Ameisen sammeln wir am Strand und verarbeiten sie zu einem nahrhaften Brei. Gruselige Prozedur! Aber Otto, Tiny und Herkules verschlingen Brei im Zweistundentakt. Bis zum vierten Tag, als plötzlich der stärkste der Drei, Herkules stirbt. Unmittelbar nach Herkules sterben auch Otto und Tiny.

Nest in der Rollanlage und tote Schwalbe daneben
Nest in der Rollanlage und tote Schwalbe daneben

Leben und Tod - was für ein schmaler Grad. Das beobachten wir auch bei dem zweiten Schwalbennest, dass wir in der Rollanlage der Genua entdecken. Entdecken tun wir es, weil eine tote Schwalbe neben der Rollanlage liegt. Als Sven die Abdeckung anhebt erklärt sich, was hier vorgefallen ist. Anstelle einer brütenden Schwalbe liegt eine Schlange, eine Boa Constrictor im Nest. Sie hat offensichtlich ein Ei verspeist und liegt gemütlich auf zwei Weiteren. Die miese kleine Mistsau hat doch tatsächlich Mama oder Papa Schwalbe getötet und es sich auf ihrem ergaunerten Futtervorrat gemütlich gemacht.

 

So kommen wir aber zurück zu der Frage: Wie um alles in der Welt kommt die Schlange an Bord? Zur Erinnerung: unsere Theorie bei der ersten Boa Constrictor, die wir im Netz von Schironn gefunden haben, war, dass sie mit den Autoreifen, die wir für den Panamakanal an Bord geholt haben, aufs Schiff gelang.

 

Retrospektiv betrachtet kam mir diese Theorie schon spanisch vor. Wenn es wirklich so gewesen wäre, dann hieße das, wir hätten sie über drei Wochen nicht bemerkt. Eine Zeit, in der wir drei Gäste an Bord hatten und die Autoreifen mehrfach von A nach B verfrachteten.

 

Also kommen wir zu Theorie zwei: Die Boa Constrictors sind gute Schwimmer und daher wahrscheinlich zu Schironn geschwommen und an der Ankerkette an Bord gelangt.

 

Na gut, kommt ruhig alle zu Schironn zu Besuch. Obwohl... vielleicht doch nicht, denn im Deckshaus finden wir in einer Gardine einen aus getrocknetem Schlamm gefertigten länglichen Kokon und ich beobachte, wie ein fliegendes Insekt mit langen Beinen ständig durch die Haustür ein- und ausgeht als wäre Schironn ihr zu Hause.

 

Als Sven den Kokon öffnet, trauen wir unseren Augen nicht. Ca. zehn tote Spinnen liegen im Kokon. Und zwar Spinnen mit richtig fleischigen Körpern. Das fliegende Insekt sammelt scheinbar einen Futtervorrat für seine Nachkömmlinge. Richtig widerlich! So eklig, dass ich nicht mal ein Foto davon besitzen wollte. Klar ist allerdings, welches Tier ab sofort auf der „Abschussliste“ steht.

Sancho in der Küche am Honig
Sancho in der Küche am Honig

Aber wir haben auch erfreulichen Nachwuchs an Bord. Unsere Geckos Sancho und Pancho haben ein Kind bekommen (also noch haben wir nur eins gesehen). Unser Pancho ist also eine Panchita und so werden wir wohl noch den einen oder anderen weiteren Gecko an Bord bekommen. Ziemlich gut, denn sie essen das Krabbelgetier, dass wir nicht an Bord haben wollen. Aber ein paar andere Leckereien scheinen sie auch gerne für sich in Anspruch zu nehmen. Neulich komme ich morgens in die Küche und sehe wie Sancho am Honigglas hängt und sich beim Ablecken der Verpackung kein bisschen stören lässt.

 

Soviel zu unseren tierischen Weggefährten an Bord. An Land sieht das entsprechend noch viel wilder aus und es ist immer unvorhersehbar, welches Tier einem beim nächsten Landausflug begegnet. Immer wenn man denkt, dass einen nix mehr überraschen kann, begegnet man doch wieder einem noch nie vorher gesehenen Tier.

Joggen in den Tropen
Joggen in den Tropen

Auf meiner Joggingstrecke in Portobelo, die mich gezwungenermaßen durch tiefste tropische Vegetation führt, begegne ich stets diversen Tieren. Auf der einzigen Straße, die durch den Ort führt, möchte ich nämlich ganz gewiss nicht laufen. Ehrlich, ich werde lieber von einer Schlange gebissen, als von einem zentralamerikanischen Busfahrer umgeheizt. Mir bleibt also nur der kleine Trampelpfad, der mich bis zur höchsten Festung auf 130 Meter Höhe und fünf Kilometer durch dichtesten Dschungel führt.

 

Das Laufen gestaltet sich daher wie eine „Hindernissafari“. Mit einem Stock in der Hand muss ich mich durch die extrem widerstandsfähigen Spinnenweben, die täglich neu über den Trampelpfad gesponnen werden, und die sich zu allen Seiten auswuchernde Vegetation kämpfen.

 

Ich sehe zum Beispiel Toucane, die in den Bäumen sitzen und ihr froschartiges Rufen von sich geben, ich laufe fast eine Schildkröte über, die sich irgendwie auf 100 Meter Höhe verirrt hat, die Affen brüllen mich beim Passieren an, ein Kolibri schwirrt im Affentempo zum Bach, riesige Echsen, Schlangen und Krebse lösen im Unterholz Geraschel aus, ein Specht mit knallrotem Kopf klopft an einen Baum, Papageien fliegen über mich hinweg und in meinem Augenwinkel erspähe ich Frösche, die sich durch ihre leuchtend türkisblaue Maserung massiv vom Unterholz abheben - Pfeilgiftfrösche (das aus diesem Frosch gewonnen Gift wird von Indigenen Völkern zum Erlegen von Wild genutzt).

 

Als ich fest überzeugt bin, dass mich nichts mehr überraschen kann, rennt plötzlich ein Tier auf meiner linken Seite im rasanten Tempo davon. Was war das? Im nächsten Moment rennt auf meiner rechten Seite ein weiteres Tier los und zwar genau auf mich zu. Es will bestimmt zu seinem Kollegen zu meiner Linken.

Ich erschrecke mich zu Tode (gibt es hier wirklich noch Jaguar?) und springe kurzerhand an einen großen Ast auf Höhe meines Kopfes. Da hänge ich nun wie ein Koala und gucke. Und was sehe ich? Nasenbären! Eine kleine Gruppe von Nasenbären. Oh Mann, wie niedlich sind die denn!

Als ich am Strand in einer kleinen Bucht jogge, laufe ich an einem Krebs vorbei, der wie in Meditation versunken aufs Meer hinausblickt. Ihm fehlt ein Bein, aber er lebt noch. Dennoch bewegt er sich nur, wenn ich ihn antippe, ansonsten sitzt er wie paralysiert und lässt sich von den Wellen überschwemmen. Es scheint mir, als hat er sich hier herbegeben, um zu sterben. Dieser ungeschützte Platz am Strand wird so oder so sein Todesurteil sein. Für die Falken und anderen Greifvögel ist er eine leichte Beute. Wirklich merkwürdig, da die Krebse doch sonst bei jeder kleinen Erschütterung des Erdbodens sofort die Sicherheit ihres Loches aufsuchen. Liegt der Krebs tatsächlich hier, weil er auf Grund seiner Verletzung nicht mehr leben will?

Ein paar Stunden später schaue ich nach seinem Wohlbefinden. Er ist tot und sein toter Körper wird von der Brandung hin und her geschuppst.

 

Im Prinzip könnte ich noch ewig Geschichten von Begegnungen mit goldenen Käfern, blauen Schmetterlingen, knallblauen Vögeln, bunten Grashüpfern, Krokodilen in den Mangroven, aus dem Wasser springenden Rochen, Delfinen, Pelikanen, Falken, merkwürdigst aussehenden Spinnen, Blattschneideameisen oder meinen Lieblingen den Echsen erzählen - ganz zu schweigen von den Tieren, die wir unter Wasser beobachten.

 

Ich bin begeistert von diesem naturbelassenen Küstenabschnitt, der beeindruckenden Biodiversität, von den vielen Tieren, die es in wirtschaftlich genutzten Gebieten schon lange nicht mehr gibt, von der Möglichkeit, sich an den vielen Früchten, die die üppige Mischvegetation hervorbringt (Bananen, Kokosnüsse, Papaya, Mango, Avocado, Nüsse) bedienen zu können sowie von den nicht von großen Hotelburgen erschlossenen Stränden.

 

Dies ist nur ein Nationalpark von vielen in Panama. Noch gibt es in Panama über 30% geschützte und naturbelassene Landfläche. In Deutschland gibt es im Vergleich gar keine echten Urwälder mehr (wie ich einem Zeitungsartikel entnommen habe, gibt es allerdings Bestrebungen bis 2020 zwei Prozent der Landesfläche und fünf Prozent der Waldfläche Deutschlands wieder ohne menschlichen Eingriff gedeihen zu lassen).

Bis dahin genieße ich erstmal jede Minute in dieser faszinierenden artenreichen Welt, in der man nicht immer nur Menschen begegnet, sondern schillernden Tieren, dessen Lebensraum hier noch nicht gänzlich dem Nutzen der Menschen zum Opfer gefallen ist.

Bleibt zu hoffen, dass Panama es schafft, sich diese schöne Natur noch etwas zu erhalten!

 

Nächster Bericht: „Jetzt wissen wir warum es keine Fähre zu den San Blas Inseln gibt – Das Wrack der San Blas Ferry“ folgt in Kürze

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