Hochseefischen auf dem Weg nach Panama: eine Kurzgeschichte

Ein schöner Segeltag war vorbei und schon am nächsten Tag, dem dritten auf hoher See zwischen der Insel Providencia und der zentralamerikanischen Republik Panama, sollten Sie wieder Land sehen: Panama - die Endstation ihrer Reise im karibischen Meer, welche durch die künstlich erschaffene Wasserschneise durch die Landenge von Panama das Tor zum Pazifik geworden war.

 

Das Sirren der Angelrolle, ein nicht zu überhörendes Geräusch, das beim Segeln jedermann auf dem Schiff hellhörig aufhorchen lässt, verfehlte an diesem späten Nachmittag, kurz bevor die Dämmerung das Sonnenlicht trübte und den Himmel zusehends verdunkelte, nicht seine Wirkung. Jeder Winkel des Schiffes war durch das akustisch wahrnehmbare Auslaufen der Angelschnur durchdrungen.   

Es war keiner dieser kurzen wiederkehrenden Knattertöne, welche für üblich daraufhin deuteten, dass ein Büschel des hellbraunen, mit kleinen Kugeln bestückten Saragossakrauts am Angelhaken hing und durch sein Gewicht die Angelleine Stück für Stück ein klein bisschen weiter raus aufs Meer zog. Nein, dieses schnelle Sirren konnte nur durch einen Fisch mit viel Kraft ausgelöst worden sein. Die Angelschnur rollte sich in rasanter Geschwindigkeit von der Rolle.

 

Er, der starke Mann war als erster bei der Angel, um die Bremse anzuziehen. „Das muss ein riesiger Fisch sein“, dachte er sich, während er den Hebel der Bremse gefühlvoll weiter nach vorne schob, um das Abrollen der Angelschnur zu verlangsamen und dem Fisch Druck entgegen zu setzen. Mit einem Ruck zog er die Angel nach hinten und ließ den Fisch dann wieder gegen den Druck der Bremse arbeiten. Nun, da der Haken sich fest im Mund des Fisches verhakt haben musste, sollte der Fisch ruhig kräftig ziehen und sich im Kampf gegen die Bremse selber ermüden.

 

Die Frau des starken Mannes erreichte die Angel nur einen Augenblick später, nachdem sie - wie immer, wenn sie das Geräusch der Angel vernahm – aufgescheucht empor sprang und im Lauf zur Angel freudig „Ein Fisch, ein Fisch, ein Fisch!“ rief. Sie kam gerade rechtzeitig, denn im selben Augenblick ging auch die zweite Angel los. Das Sirren der auslaufenden Schnur war diesmal noch kraftvoller, noch schneller, noch ohrenbetäubender.

 

„Das muss ein noch größerer Fisch sein. Bleib du bei dieser Angel“, sagte der starke Mann und machte einen Satz zur zweiten Angel auf der Steuerbordseite des Katamarans.

 

Jeder für sich begannen sie gemeinsam den Drill gegen den unbekannten Fang.

 

„Ich hoffe, es ist nicht wieder ein Hai!“, bemerkte die Frau in Anbetracht des kräftigen Zugs der Leine. Gerade erst auf dem vorangegangenen Segeltörn nach Providencia hatte ein ca. ein Meter großer Hai ihren Köder als Beute gewählt. Sie hatten ihn unter viel Kraftanstrengung an Bord gezogen – nur um ihn dann vom Köder zu befreien und ihn wieder in die Freiheit des 3000 Meter tiefen Ozeans zu entlassen.

 

Diese Ungewissheit des Fangs war unweigerlich mit dem Angeln auf hoher See verbunden. Nicht selten trübten nicht ausgewachsene oder nicht für den Verzehr geeignete Fische am Haken die Freude am Fang. Oder, wie im Falle eines Hais, kam es nicht selten vor, dass der Zug von zu kampfstarken Fischen stärker war als die Angelschnur sowie die Bremse und in Sekundenschnelle die auf 80 kg ausgelegte Angelschnur von der Rolle riss. Die beliebten, aus Gummi imitierten Tintenfische wurden zudem gerne mal mühelos samt Vorfach und Schnur durch die scharfen Zähne eines Meeresriesen entwendet.

 

Welche kraftvollen Geschöpfe durch die vermeintlichen Tintenfische an die Angelhaken geraten waren und sich gegen die Zugrichtung der Angelschnur wehrten, blieb dem starken Mann und seiner furchtlosen Frau auch heute zunächst verborgen. Bisher hatte sich noch keiner der Fische durch einen Sprung aus dem Wasser gegen die Zugkraft zur Wehr gesetzt und in der Ferne war bisher noch keine Silhouette oder eine Flosse durch die Wasseroberfläche geschimmert. Vielmehr schienen die sich noch weit hinter dem Schiff befindlichen Fische, jedes Auslaufen der Schnur unermüdlich zu ihren Gunsten zu nutzen. Das Einholen der Angelleine ging nur langsam voran. Geduldig wiederholten die Beiden die Handgriffe an der Rute und der Rolle.

 

„Was sind das bloß für Fische? Sie haben so viel Kraft. Was ist das bloß?“ wiederholte die Frau mit kindlicher Neugier während die Zeit verrann.

 

„Wir müssen noch mehr Druck rausnehmen, indem wir noch langsamer fahren“, entgegnete der Mann, der sich bereits vor die Stufe des Katamarans auf den Boden gesetzt hatte. Sein Fisch war so stark, dass sich seine Angel durch den Zug des Fisches zu einem Bogen krümmte und er beim Drill zusätzlich die Kraft und Stabilität des Oberkörpers gegen den Fisch einsetzte.

 

Die Frau hatte ihre Angel indes bisher noch nicht aus der verchromten Routenhalterung an der Reling des Schiffes genommen und konnte sich so mühelos von der Angel fortbewegen. Sie zog die Bremse fest, stieg ins Cockpit zum Steuerstand und änderte erneut den Kurs. Schon kurz nachdem die Fische angebissen hatten, hatte sie den Autopiloten bedient, um höher am Wind zu fahren damit sich die Geschwindigkeit des Schiffes verringerte.

 

Bei den vorherrschenden Bedingungen bewegte sich das Schiff schon den ganzen Tag mit einer herrlichen Geschwindigkeit fort. Die vom kräftigen Ostwind prall gefüllten Segel beschleunigten das Schiff auf über sieben Knoten. Zudem waren die Wellen am heutigen Tag - trotz des kräftigem Windes - sehr klein, so dass die Oberfläche des Meeres das Schiff nicht bremste oder ins Wackeln zwang sondern wie eine Eisenbahn auf Schienen beständig und schnell fortbewegte. Das Anluven verringerte die Geschwindigkeit um die Hälfte, änderte aber an den angenehmen Bewegungen des Schiffes nichts.

 

Endlich sahen sie einen der Fische. Ihr Fisch zeigte sich als Erster.

 

„Eine Rückenflosse ragt aus dem Wasser. Es ist wieder ein kleiner Hai.“ stellte sie mit Ernüchterung fest während sie, die spitz nach oben aus dem Wasser ragende Flosse scharf fokussierte.

 

„Ach nein, doch nicht schon wieder ein Hai!“ Sie hatte nun ihren Kopf zur Backbordseite des Katamarans gedreht, so dass sie ihren Mann direkt ansah und rümpfte die Nase, so wie sie es immer tat, wenn sie irgendetwas als „nicht gut“ befand.

 

Aus unerfindlichen Gründen bewegte sich die Flosse ohne Widerstand gegen die Angelleine zu zeigen auf das Schiff zu.

 

„Es ist doch kein Hai! Der Fisch ist so entkräftet, dass er auf der Seite liegt und sich dem Zug der Angel wehrlos hingibt. Es ist eine Brustflosse, die mir eine Haifischflosse vorgetäuscht hat.“ revidierte sie.

 

Jetzt sah sie den silbernen Körper, die blau gefärbte Rückenpartie, die großen Augen und etwas Gelb am Körper des Fisches durch die Wasseroberfläche schimmern.

 

„Es ist ein Thunfisch, ein großer Thunfisch!“ Ihr Gesicht erstrahlte. Thunfischfilets waren ihnen von allen Fischen am allerliebsten.

 

„Warte, ich komme rüber und helfe Dir.“ Der starke Mann hatte bereits Arbeitshandschuhe an, holte auf dem Weg zur Backbordseite noch ein Messer sowie die auf Gran Canaria erstandene Baseballkeule, welche sich als idealer Todschläger bewährt hatte und übernahm die Angel. Sie schnappte sich den für diesen großen Fisch eigentlich zu kleinen Kescher und stieg die Stufe des Katamarans hinunter, um auf Höhe der Wasseroberfläche den Kescher ins Wasser zu halten. Nach der langen Zeit auf See arbeiteten sie sehr routiniert zusammen. Er zog den Fisch mit der Angel zum Kescher hin, sie tauchte den Kescher tief unter den Körper des Fisches und hob ihn ins Netz. Der Fisch wehrte sich kein bisschen und das Netz reichte gerade so um den Thunfisch komplett einzufassen. Er hatte sichtlich aufgegeben und ergab sich seinem Schicksal. Das größere Problem stellte das Anheben des Fisches dar. Mit beiden Händen umschloss sie den Griff des Keschers und hob den Fang mit der Kraft beider Arme an. Ihr Rücken krümmte sich und ihr entwich ein Stöhnen vor Anstrengung.

 

Oberhalb der Stufe nahm der Mann den Fang entgegen.

 

„Der wiegt bestimmt um die 20kg. So einen riesigen Thunfisch habe ich noch nie gesehen. Ich habe kaum geglaubt, dass es im karibischen Meer überhaupt noch so große Exemplare gibt.“ 

 

„Wir sind sicherlich durch einen Schwarm von Thunfischen gefahren und an der zweiten Angel ist noch ein Exemplar. Wahrscheinlich sogar noch größer als dieser, wo er doch so viel stärker zu sein scheint. So viel Thunfisch können wir gar nicht zu zweit essen.“ sagte er während er den Kescher samt Thunfisch vor sich hinlegte. Er zog den Fisch an der Schwanzflosse aus dem Netz und setzte mit der Baseballkeule zu einem gezielten Schlag auf den Kopf des Fisches an. Waidgerecht setzte er noch einen Hirnstich. Der Fisch war tot und gab letzte Nervenzuckungen von sich. Das für Thunfische übliche dunkelrote, dickflüssige Blut quoll aus und bedeckte die unmittelbare Umgebung des Fisches.

 

Der starke Mann richtete sich auf und legte das Messer mit der blutverschmierten Klinge beiseite. Seine vom Handrücken aufwärts bis zu der Armbeuge verlaufenden stark unter der Haut hervortretenden Adern waren durch die Muskelanspannung beim Töten des Fisches noch augenscheinlicher. Drei Schritte und er war zurück an der zweiten Angel, die er aus der Rutenhalterung nahm, um sich zum Drill wieder auf den Boden kurz vor der Stufe des Katamarans zu setzen. Der Druck, den der Fisch entgegensetzte war noch kein bisschen schwächer geworden.

 

Zur gleichen Zeit hockte die Frau sich neben den bereits gefangenen Fisch und zerrte den Haken aus dem Mund. Der Haken hatte sich hinter den kleinen Zähnen einmal durch den Unterkiefer gebohrt und war nur schwer wieder zu entfernen. Ihr Blick verweilte lange auf dem prächtig aussehenden Thunfisch. Sie fuhr mit den Fingern über die äußerst stabile, glatte, schuppenfreie Haut, drückte leicht gegen diese um den prallen Körper zu fühlen, schaute in das riesige lidlose Auge, in dem sie keine Emotion vernahm und studierte die Anatomie des Fisches mit Bewunderung.

 

Der Körper des Fisches zuckte noch immer in regelmäßigen Abständen.

 

Das Gefühl „beobachtet zu werden“ riss sie aus den Gedanken.

 

Sie schaute auf und blickte fragend zu ihrem Mann, der sie tatsächlich von der Seite her anstarrte. „Was ist denn los? Warum schaust du?"

 

Weil ich sehe, dass dir der Tod nicht gefällt.“ entgegnete er mit einem sanften Lächeln. Sie schaute ihn traurig an. Ja, das Sterben eines Lebewesens war in der Tat nicht verständlich für sie.

 

Die Dämmerung setzte ein. Im Westen, dort wo die Sonne hinter dem Horizont verschwinden sollte, verschleierte ein Streifen aus Wolken die Sicht auf die untergehende Sonne. Das letzte Strahlen der Sonne färbte den Himmel über dem Wolkenstreifen in ein kleines, mit Wolkentupfern durchzogenes, Farbspektakel. Der Himmel leuchtete in orange, rosa und blauen Pastelltönen.

 

Es war nun schon mehr als 30 Minuten her, dass sie den ersten Fisch an Bord gezogen hatten und der zweite Fisch zeigte immer noch keine Ermüdungserscheinung. Sie hatten ihn sogar immer noch nicht zu Gesicht bekommen. Im Gegensatz zu dem ersten Fang war dieser hier ein richtiges Biest. Jedes Mal, wenn er nur ein kleines bisschen näher zum Schiff gedrillt wurde, entriss er sich sogleich wieder Leine indem er mit viel Kraft zur Seite abtauchte oder von einer zur anderen Seite kreuzte. Der starke Mann und seine Frau wechselten mehr als einmal erstaunte Blicke über die Zugkraft des Fisches.

 

„Wenn ich jetzt der Fisch wäre, hätte ich richtig Angst. Das Blut des ersten Fangs tropft nach und nach über die Bordkante ins Wasser und hinterlässt eine Blutspur hinter dem Schiff. Das signalisiert nicht nur höchste Gefahr sondern lockt auch die Haie an.“ sagte er.

 

Die Angel stand auf dem Aluminiumboden des Schiffes zwischen den angewinkelten Beinen des Mannes. In regelmäßigen Abständen lehnte der Mann seinen Oberkörper nach Hinten damit seine Arme den nötigen Platz hatten, um die Angel ebenfalls nach Hinten zu ziehen. Das „gewonnene“ Stück Angelleine rollte er sogleich ein. Von den kraftaufwendigen Bewegungen fingen seine Arme an zu schmerzen.

 

Nicht nur für den Fisch begann der ausdauerndste Teil des Kampfes.

 

Die Umrisse des Fisches schimmerten für einen kurzen Moment durch die Wasseroberfläche. Doch schon im nächsten Augenblick machte der Fisch einen Seitwärtsruck und war wieder verschwunden.

 

„Das gibt es doch nicht!“ raunte der Mann mit einem Lächeln voller Erstaunen und Bewunderung.

 

Der Fisch wurde einfach nicht müde. Wenigstens hatten sie ihn nun endlich gesehen und wussten, dass es noch ein Thunfisch von selbiger Größe war.

 

Es war bereits dunkel, als sie den zweiten Thunfisch endlich an Bord hatten. Selbst an Deck des Schiffes zappelte er noch, als hätte er die Hoffnung, frei zu kommen, nicht aufgegeben. Er wollte nicht sterben.

Für einen kurzen Augenblick überlegten sie, ob sie den zweiten Fang wieder frei lassen sollten. Doch morgen früh schon würden sie Panama erreichen und mit dem zweiten Thunfisch hätten sie selber Fisch für die nächsten Tage und könnten eine Menge Filets an die neuen Nachbarn und potentiellen Freunde verschenken.

 

„Die Fische sind so groß, dass es sich anfühlt, als würde man einen Hund aufschneiden“, stellte der Mann fest während er die Eingeweide des zweiten Fisches durch einen gezielten Schnitt am Bauch entfernte. Die Frau filetierte derweil das pralle Fleisch des ersten Thuns. Den ganzen Abend und noch den nächsten Morgen war sie damit beschäftigt die beiden Thunfische zu zerlegen. Am Ende hatte sie acht mehrere Kilo schwere, feinste Filets feinsäuberlich in Folie im Kühlschrank verstaut.

 

Die Zeit in Panama würde gut beginnen, das war ihnen nach diesem Fang gewiss.

Na, wer hat erkannt, wessen Hochseeangelgeschichte sowie lakonische Ausdrucksweise mich zu diesem Bericht über unseren Thunfischfang inspiriert hat? Richtig. Die Geschichte von dem Autor, der einem in der Regel als erstes einfällt, wenn man an eine Geschichte über das Hochseefischen denkt: Ernest Hemingway und seine Geschichte „Der alte Mann und das Meer“. Wahrscheinlich hätte ich auch einfach nur schreiben können, dass wir die größten Thunfische, die wir je gefangen haben geangelt haben. Aber das hätte ja lange nicht so viel Spaß gemacht...

 

Nächster Bericht: Portobelo - eine wirklich interessante Geschichte folgt in Kürze.

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Kommentare: 2
  • #1

    uli (Dienstag, 06 Juni 2017 21:01)

    Das war wunderschön geschrieben.
    Euch weiter eine so schöne Reise und nur positive Erlebnisse.

  • #2

    Bernd (Donnerstag, 23 November 2017 12:04)

    Schön, dass Ihr mal wieder was postet. Tolle Geschichte und Ernest wäre stolz auf Dich. Schön geschrieben...