Bonacca Settlement (The Cay), Guanaja – The future is now

Man stelle sich vor, auf der Erde ist der Landverlust durch den Anstieg des Meeresspiegel so weit fortgeschritten, dass es kaum noch bewohnbares Land für den Menschen gibt. Das Erscheinungsbild der Erde, des blauen Planeten, ist nun fast vollständig blau. Der Mensch ist gezwungen sich einen Wohnraum über dem Meer zu schaffen.

 

 

Obwohl der Meeresspiegel jährlich um 3,2 mm steigt, wird dieses Katastrophenszenario zum Glück wahrscheinlich niemals eintreten. Wie so eine Siedlung über dem Meer aussehen könnte, davon kann man sich allerdings hier auf Guanaja ein Bild machen.

Auf der letzten der drei Bay Islands, die wir auf unserem Weg nach Panama besuchen, lebt die Mehrheit der ca. 10 000 Einwohnern nämlich nicht auf der Insel selbst, sondern auf einer 0,5 km vor Guanaja liegenden, künstlich erschaffenden Insel, dessen Grundstein zwei Kalksteinfelsen sind. Bonacca Settlement oder einfach nur The Cay genannt ist Wohnort von über 5000 Menschen, bei einer Größe von weniger als 6 Hektar (ca. 8,5 Fußballfeldern).

 

Die Häuser, die auf einem auf dem Kalkstein gegossenem Betonfundament oder schlicht auf Stelzen gebaut sind (insbesondere die Häuser am Rand der Siedlung), drängen sich so eng aneinander, dass zwischen den Häusern nur Platz für schmale betonierte Fußgängerwege sowie künstlich erschaffene schmale Kanäle ist.Von einem Herren an der Tankstelle bekommen wir bei Ankunft eine Wegbeschreibung, um zum Port Captain zu gelangen, die uns zunächst etwas verwirrt: „You go right, then left, then right, then right, then left, then right, then straight.“

Himmel, wie sollen wir uns das denn merken? Wie oft links und wann rechts? Doch die Wege durch das Häuserlabyrinth stellen sich schnell als sehr überschaubar heraus. Viele Abzweigungen gibt es nicht, und wenn man falsch abbiegen sollte, handelt es sich eh nur um ein paar Meter, die man wieder zurück gehen muss. Dennoch fühlt sich der Gang durch die schmalen Wege, die zu beiden Seiten von Häusermauern gesäumt sind, an, wie ein Spaziergang durch ein Labyrinth.

 

Bei einer so hohen Bevölkerungsdichte erwarten wir, ehrlich gesagt, eine nicht allzu saubere Siedlung, welche von Müll- und Abwasserproblemen geplagt ist. Zu unserem Erstaunen ist dies allerdings überhaupt nicht der Fall. Wir sehen keinerlei Müll auf den Wegen, wir sehen sehr gepflegte Häuser, teilweise sogar mit netten kleinen Gärten, es riecht überhaupt nicht und die kleinen Wasserkanäle sind glasklar. So sauber, dass Fische darin schwimmen und Kinder baden.

 

Verantwortlich für die Sauberkeit der Siedlung ist der vorherige Bürgermeister. Dieser hat es geschafft, ein Abwassersystem zu finanzieren. Durch dicke Rohre wird das Abwasser der 5000 Bewohner zur Insel befördert und hier in einem Klärwerk aufbereitet.

 

Wir sind erstaunt, wie gut organisiert und zivilisiert die vielen Menschen auf so engem Raum zusammen leben. Auch von Kriminalität oder Diebstahl hören wir nix. Haupteinnahmequelle der Bewohner ist der Fischfang.

Guanaja ist auch sonst nicht mit den beiden anderen Bay Islands, Utila und Roatan zu vergleichen, genau genommen ist Guanaja mit keiner Insel, die wir bisher gesehen haben vergleichbar. Tourismus im großen Stil mit Hotelburgen, Kreuzfahrtschiffen und all inklusive Angeboten gibt es hier nicht. Selbst Backpacker treten die Reise nach Guanaja äußerst selten an. Die Besucher, die nach Guanaja kommen sind zumeist Taucher. Das bekannteste und auffälligste Tauchresort ist auf einem kleinen Felsen mitten im Meer gebaut und fügt sich dadurch perfekt in das außergewöhnliche Erscheinungsbild Guanajas ein.

 

Anette und Claus, ein deutsches Ehepaar, dass seit über 20 Jahren auf Guanaja lebt und heute das gemütliche Restaurant „Manati“ beim El Bight Ankerplatz betreibt, erzählt uns, dass sich auf Guanaja eigentlich seit 20 Jahren nichts verändert hat. Es funktioniert. Die Bevölkerung scheint gut zu leben, die Natur der Insel, vom Menschen fast gänzlich unberührt, zu gedeihen.

Stichpunkt Natur: Ein weiteres Merkmal der Insel ist ihre außergewöhnliche Vegetation, die sich trotz gleicher geographischer Lage mit Roatan und Utila gänzlich von dieser unterscheidet. Guanajas bergiges Land ist bis zu den Stränden mit Pinienbäumen übersät. Kolumbus hat der Insel daher bei seiner Ankunft im Jahre 1502 den Namen „Isla de Los Pinos“ gegeben. Ein Nadelgewächs in den Tropen. Würden sich nicht auch Kokosnusspalmen in das Bild eingliedern, könnte man fast denken man sei in Kanada.

 

Wir lassen es uns natürlich nicht nehmen, die Wälder samt Flüsschen und Wasserfällen zu erkunden sowie an einsamen Stränden zu spazieren, an denen statt anderen Menschen ein paar Kühe ihren Weg durch die Pinienbäumen an den Strand gefunden haben.Erkunden tut man die Insel natürlich per Dingi, denn es gibt nur eine Straße, die gerade mal zwei Meilen lang ist. Die Anzahl der Autos auf Guanaja beläuft sich daher auch auf nur ca. 50 Stück.

 

Guanaja ist wirklich anders. So trifft man hier nicht nur auf Chartersegler oder Otto Normalos, sondern hat die Chance auf außergewöhnliche Seglercharaktere der alten Schule zu treffen, wie z.B. auf John. John ist 70 Jahre alt, sieht aus wie ein alter Rockstar und blickt auf viele viele Jahre Seglerleben im karibischen Meer zurück. Gelebt hat er auf ganz unterschiedlichen Schiffen, meist ohne Motor, ohne Toilette oder anderem modernen Komfort. Aktuell lebt er auf einem schönen alten Gaffelschoner aus Holz. Sein Leben auf dem Meer hat er sich überwiegend mit Rum- und Zigarettenschmuggel zwischen karibischen Inseln finanziert.

 

Wir werden zu einem Teil seiner Seglergeschichte, indem wir Ihm Open CPN auf seinen Computer spielen. Digitale Seekarten in Verbindung mit einem GPS-Gerät. Bis dato hat John ausschließlich mit Hilfe des Sextanten navigiert! .Damit ist er wahrscheinlich einer der wenigen noch lebenden Segler, die noch ausschließlich mit Sextant navigiert haben.

 

 

Kein Wunder, dass uns John erzählt, man entwickle im Alter Superkräfte. Seine Superkraft ist beispielsweise das Unsichtbar sein. Wenn er einen Raum mit vielen jungen Frauen betritt, wird er unsichtbar, denn keine der im Raum befindlichen Frauen wird Notiz von ihm nehmen.Diese Superkraft kann ich jedoch nicht bestätigen. Mir fällt dieser außergewöhnlich Mann sogleich ins Auge und ich könnte seinen alten Seefahrergeschichten, die von Schiffbruch, bis hin zu einem aufgestellten Geschwindigkeitsweltrekord mit einem Katamaran handeln, ewig zu hören. Verabschieden tut er uns mit folgenden Worten: „Och Mann, nun muss ich wieder 30 Jahre warten, bis ich einen Aluminiumkatamaran zu sehen bekomme.“

 

Guanaja ist ein Ort an dem Menschen hängen bleiben, die es mögen, dass es hier nicht für jeden attraktiv ist (z.B. wegen wenig Infrastruktur). Und genau das macht Guanaja noch zu einer dieser außergewöhnlichen Destinationen auf der Welt.

 

Für uns geht es aber nach ein paar Tagen schon wieder weiter. Wir setzten zum langen Törn nach Panama an. Das heißt, mehrere Tage auf See, vorbei an der gefährlichen Küste von Nicaragua und segeln unter widrigen Windbedingungen.

 

 

Nächster Bericht: „Auf dem Tiefpunkt unserer Reise angelangt: An einem Tag von Piraten gejagt und in der schlimmsten Gewitterfront auf einer Kuve gesurft – wie viel Pech kann man haben?“ folgt in Kürze

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