Zu Besuch bei unserem Fischerfreund auf Santa Elena – Was ist Fischerlotto?

Nachdem Hurrikan Otto von dannen gezogen ist, sind wir bereit, die sichere Bucht von French Cay zu verlassen und unseren Weg in Richtung Panama fortzusetzen. Schließlich wollen wir möglichst schon Ende Dezember in Panama sein.

 

Unser nächster Stopp gilt aber erst einmal unserem Freund, dem Fischer von der Insel Santa Elena.

 

Von Santa Elena, einer Insel, die nur durch einen kleinen Kanal vom Ende Roatans getrennt ist, fährt er regelmäßig mit seinem Lancha eine knappe Stunde nach French Cay und Coxen Hole, um Fisch zu verkaufen oder andere kleine Jobs zu erledigen. Beim Feilschen um Fisch haben wir uns mit ihm befreundet, so dass er uns nicht aus Roatan verabschieden will, ehe wir nicht seine Familie und sein Dorf besucht haben.

Kanal zwischen Roatan und Santa Elena
Kanal zwischen Roatan und Santa Elena

Von Santa Elena gibt es keine Brücke über den im Mittel 15 m breiten Kanal nach Roatan, so dass es weder Straßen noch Autos auf der Insel gibt. Die Einwohner von Santa Elena sind eine eingeschworene Dorfgemeinschaft. Jeder kennt jeden und eigentlich sind sowieso die meisten der Bewohner irgendwie miteinander verwandt. Zumindest zeigt unser Fischerfreund bei unserer Ankunft auf fast alle Häuser, die wir vom Schiff sehen und sagt, dass hier Verwandte von ihm wohnen. Seine Familie scheint also definitiv einen Großteil der Inselbewohner auszumachen.

 

Das Dorf auf der Insel verfügt über Schule, Kirche, kleine Kioske, Sportplatz, einsame Strände, diverse Fruchtbäume und für die Insel verhältnismäßig große Familienhäuser.

 

Unser Fischerfreund ist Anfang 50 und hat acht Kinder. Alle mit der gleichen Frau, wie er stolz betont. Das älteste Kind ist 16 Jahre alt, das jüngste ist letzte Woche zur Welt gekommen. Er ist sehr stolz auf seine Kinder und sagt, dass er mit ihnen etwas Schöne auf der Welt hinterlässt. Er selber hat vier Geschwister. Seine Schwester hat sieben Kinder, sein Bruder hat einen Sohn und seine Schwester saß fünf Jahre in Amerika im Gefängnis, weil sie versucht hat sieben Kilo Kokain im Flugzeug nach Amsterdam zu bringen. Vom anderen Bruder erfahren wir nix.

 

Das Ankern vor der Insel ist sicher, dass sagt er uns ausdrücklich. Nur heute sei kein guter Tag, um an Land zu kommen, da viele Betrunkene unterwegs sind (Sonntag). Ein betrunkener junger Typ findet später noch den Weg zu unserem Schiff und verlangt, dass wir ihm Sachen schenken („Give me! give me!“). Ein frisch gebackenes Brot mit Käse lehnt er erst verächtlich ab. Als wir aber versichern, dass wir sonst nix haben, insbesondere keinen Alkohol, nimmt er doch das Brot, riecht an ihm und fährt mit seinem Einbaum zurück zur Insel. Eine verlorene Seele aus der viele dunkle, von Gewalt geprägte Geschichten sprudeln. Aber unser Fischerfreund kennt auch diesen Halbstarken gut und weiß, dass man von ihm nichts zu befürchten hat.

Rose Cay
Rose Cay

 

Wir gehen dann erst einmal die Umgebung erkunden. Vor Santa Elena liegt die unbewohnte Insel Rose Cay, dessen wilde Einsamkeit wir für uns beanspruchen. Anschließend geht es noch auf eine Highspeed Dinghi Fahrt durch den, von Mangroven gesäumten Kanal auf die andere Seite von Santa Elena. Auf der Nordseite der Insel finden wir einen weiteren kilometerlangen einsamen Strand vor. Naturbelassen, wild, wunderschön!

Das Haus von unserem Fischerfreund
Das Haus von unserem Fischerfreund

Unsere Tour durchs Dorf am nächsten Tag ist ebenfalls sehr nett. Wir sind zu Gast im Haus unseres Fischers und im sehr modern eingerichteten Haus seiner Schwester. Wir treffen viele Leute, spazieren durch das gesamte Dorf, erfahren, wo unser Fischer geboren ist, dass es keine Polizei gibt, aber durch die steigende Bevölkerungszahl sie zunehmend Bedarf für Streitschlichter haben usw.

 

Und dann erzählt er uns noch folgende sehr interessante Geschichte. Ich nenne sie Fischerlotto:

 

Auf einer seiner Lanchatouren von Santa Elena nach Coxen Hole findet unser Fischerfreund eines Tages ein auf der Meeresoberfläche treibendes, braunes Paket. Ein Paket, von deren Existenz wir hier in Zentralamerika nun schon öfter gehört haben. Ein Paket voll mit Koks. Ein Sechser im Lotto. Fischerlotto!

 

Unser Fischerfreund nimmt das Paket an sich und stellt Kontakte her, um es zu verkaufen. Wie das in diesem Business dann meistens so ist, wird er von den Käufern übers Ohr gehauen. Sein Bruder wird fast erschossen und sie erhalten nur die Hälfte des ausgehandelten Geldes. Von dem Geld baut sich unser Fischerfreund ein Haus für sich und seine Familie, leistet sich einmal im Jahr einen Familienurlaub zur Familie seiner Frau auf dem honduranischen Festland und unterhält seine Großfamilie.

 

Rechts sieht man die Betonpfeiler, die der Staat angeschifft hat
Rechts sieht man die Betonpfeiler, die der Staat angeschifft hat

Aber apropos schönes Haus. Das Haus, das unser Fischerfreund sich und seiner Familie gebaut hat, steht direkt am Wasser. Vor ca. einem halben Jahr kam ein riesiges, im Dienste des Staates stehendes Schiff und hat ca. 20 riesige Betonpfeiler direkt vor sein Haus abgeladen, also quasi in seinen Garten. Betonpfeiler ca. 15 Meter lang und 40cm dick.

Der Staat möchte direkt vor dem Haus unseres Fischers ein neues Dock bauen. Aber seit dem vor einem halben Jahr die Pfeiler abgeworfen wurden, ist nichts weiter passiert. Die Pfeiler verweilen halb im Wasser liegend. Unser Fischerfreund sagte hierzu: „You know, the Hondurian State is very undeveloped and slow. It will take some time till something is happening.“

 

Wahnsinn!

 

Unser Fischerfreund und seine Schwester warnen uns noch eindringlich davor, nicht zu nah an die Küste von Nicaragua zu fahren. Dort werde man nicht nur ausgeraubt, sondern sofort getötet!

 

Schon krass! Während es bei anderen Orten bisher immer so war, dass die schlechten Dinge, die man vorab gehört hat, sich beim näherkommen neutralisiert haben, ist es im Fall Nicaraguas so, dass wir dauerhaft vehement gewarnt werden, und zwar von Hondurianern, Guatemalteken und Reisenden gleichermaßen.

Es scheint mir glatt, dass sich hier eine Situation wie in Somalia entwickelt, bzw. entwickelt hat.

 

Für uns geht die Fahrt an Nicaragua vorbei bald los. Aber erstmal machen wir noch einen Abstecher zu der letzten der drei Bay Islands, Guanaja. Hier klarieren wir offiziell aus Honduras aus.

 

Au revoir Roatan. Wir werden vor allem den guten Radio Sender „107 Sun FM – the party station“ vermissen...

 

 

Nächster Bericht: „ Guanaja Settlement – the future is now“ folgt in Kürze.

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