Auf dem Tiefpunkt unserer Reise angelangt: An einem Tag von Piraten gejagt und in der schlimmsten Gewitterfront auf einer Kufe gesurft

Eine der vielen Unwetterfronten am Horizont
Eine der vielen Unwetterfronten am Horizont

Gegen 17 Uhr überrennt uns die vierte schwere Gewitterfront seitdem wir die Riffabdeckung vor der Küste Nicaraguas gegen 12 Uhr fluchtartig auf Grund einer versuchten Piratenattacke verlassen mussten.

 

Die ersten drei Gewitterfronten hatten alle Windböen von über 40 Knoten in sich. Diese vierte Gewitterfront toppt jedoch alles bisherige. Mit über 50 Knoten Wind hetzt sie die See auf. Ich schließe die Tür von Schironn, denn die Gischt der Wellenberge und der Regen wird vom Wind in alle Richtungen katapultiert und die Tropfen sind wie Nadelstiche auf der Haut. Das Windrad dreht sich unter einschüchterndem Sound, so schnell, dass man glaubt es fliege gleich unkontrolliert in irgendeine Richtung weg. Es zischt und heult. Und dann hebt eine riesige Welle Schironns Backbordseite in die Höhe. Wir surfen auf einer Kufe. Ich habe Angst!

 

Wie viel Pech kann man an einem Tag haben? Erst von Piraten verfolgt und dann die heftigste Sturmodyssee, die wir auf unserer bisherigen Reise erlebt haben...

Das die Fahrt von den Bay Islands vor Honduras nach Panama nicht einfach und schön wird, da man, um die Ecke von Nicaragua zu passieren, gegen Wind und Wellen unterwegs ist, das war uns klar. Das sie uns aber so übel mitspielen würde, damit hätten wir im Leben nicht gerechnet.

 

Von Anfang an ist das Segeln hart am Wind eine echte Qual. Das Wetterfenster hält nicht, was es verspricht, wir werden ab der ersten Nacht auf See kontinuierlich von Gewitterfronten heimgesucht und können den Kurs, möglichst fern von Nicaragua zu fahren, nicht halten. Mit maximal gerefften Segeln bewegen wir uns mit 8-9 Knoten über Grund und wettern eine Schlechtwetterfront nach der anderen ab. An ausgiebigen Schlaf ist nicht zu denken. Am zweiten Morgen suchen wir an einem Riff (Media Luna Cays) mit einigen sehr kleinen Inseln vor Nicaragua Unterschlupf. Wir müssen ein paar Reparaturen tätigen, die bei den Wind- und Wellenbedingungen auf hoher See nicht möglich sind und wir brauchen eine Verschnaufpause, hoffen sogar ein bisschen Schlaf aufholen zu können.

 

Als wir die größte der Inseln, namens Bobel Cay ansteuern, sehen wir, dass vor der Insel ein Fischerboot steht. Außerdem befinden sich auf der Insel kleine Hütten und zwei Motorboote (Lanchas). Das sieht uns nicht geheuer aus! Wie war noch die Warnung von allen? „Haltet euch unbedingt von Nicaragua fern!“

 

Auf der Insel laufen drei junge Männer rum, die durch Positionswechsel versuchen, den besten Blick auf Schironn zu gewinnen. Im großen Fischerboot erkennen wir mindestens acht Männer. Zudem tauchen plötzlich um uns drei gelbe Kajaks im Meer auf, die von jungen Männern mit einem Paddel durch die hohen Wellen manövriert werden.

Ohne zu zögern, ändern wir sofort den Kurs.Weg von der Insel, und zwar schnell!

Unter Motor nutzen wir noch den Schutz des Riffes, um die Reparaturen schnellstmöglich zu tätigen.

Doch dann sehe ich, dass die drei jungen Männer von der Insel ins Lancha springen und mit Vollspeed Kurs auf uns nehmen. Wollen sie was verkaufen? Warum kommen sie dann mit drei Mann? Die Wellen sind wirklich extrem hoch und sie fahren verdammt weit raus nur um etwas verkaufen zu wollen. Die können ganz offensichtlich keine gute Absichten haben!

 

Wir schauen uns an und Sven sagt, „Wenn ich ein Pirat wäre, dann wäre dies hier wirklich das beste Hauptquartier, das ich mir vorstellen könnte“ und fragt: „Wollen wir Vollgas geben und abhauen?“ Woraufhin ich ein bestimmtes „Klar!“ entgegne. „Und zwar schnell!“

 

Zusätzlich zu den Motoren holen wir die Genua raus und ziehen mit 8 Knoten Geschwindigkeit von dannen. Außerdem treffen wir Vorkehrungen zur Abwehr einer möglichen Enterung. Im Falle eines Übergriffs, sollten die Piraten teuer für den Irrtum bezahlen, der ihnen bei der Wahl ihrer vermeintlichen Opfer unterlaufen ist.

Das Lancha versucht uns noch ein ganzes Stück zu verfolgen, gibt dann aber auf Grund des starken Windes sowie der hohen Wellen auf und kehrt zur Insel zurück. Adrenalinpegel: sehr hoch!

 

14 Tage später wird an exakt der gleichen Stelle ein Segelschiff, das wie wir Schutz vor schlechtem Wetter sucht, ausgeraubt. Diese Segler werden erst von mehreren Männern in zwei Lanchas aufgesucht und dann von einer ganzen Gruppe von Booten eingekesselt. 25-30 bewaffnete Männer entern schließlich das Segelschiff und nehmen alles mit, was ihnen von Wert ist (siehe ausführliche Berichterstattung von diesem Überfall: http://www.noonsite.com/Countries/Nicaragua/nicaragua-media-luna-cays-piracy-december-2016).

 

Im weiteren Verlauf des Monats werden noch drei weitere Segelschiffe überfallen.

 

Wir haben aber nun das Pech, dass wir von den Piraten zurück in das schlechte Wetter gejagt werden. Bereits kurz nachdem die Pirateninseln nicht mehr zu sehen sind, sucht uns die nächste heftige Gewitterfront mit über 40 Knoten Wind heim. Krass! Wenn das so weiter geht und vor allem, wenn sich das durch die Nacht zieht, schwant mir nichts Gutes. Dann ist kurz Ruhe bis die nächste Gewitterfront mit 44 Knoten Wind über uns knallt. Das ist nicht mehr lustig! Sogleich folgt die nächste Gewitterfront. Diesmal nur mit etwas über 30 Knoten Windböen. Ich mache sogar Fotos, Sven versucht zu schlafen.

 

Aber dann gegen 17 Uhr vergeht uns die letzte Regung im Gesicht. Eine riesige schwarze Wolkenwand bewegt sich unaufhaltsam auf uns zu. Die Windanzeige steigt in Sekunden auf über 50 Knoten.

 

Die See ist unkontrollierbar, der Wind heult, es regnet in Strömen, Blitze zucken im Sekundentakt direkt über uns, Gischt trübt die Sicht, vom Blau des Meeres und des Himmels ist nichts mehr zu sehen, alles ist ungemütlich grau, Schironn kämpft gegen die meterhohen Wellen, wird aber von Ihnen mutwillig in alle Richtungen geschubst, es ist schrecklich laut. Draußen ist Weltuntergang. Man kann zusehen, wie das Wetter dem Schiff zusetzt und anfängt, es zu zerstören. Der Wind zerfetzt den Sonnenschutz der Genua, die neue Deutschlandfahne sowie die Gastlandflagge beginnen sich aufzulösen.

 

Ich stehe wie versteinert im Deckshaus. Sven kämpft indes zusammen mit Schironn draußen am Steuerrad gegen die tobende See. Und dann ist plötzlich alles wieder viel ruhiger. Das Knallen der Wellen gegen den Rumpf von Schironn ist weg. Das Gefühl, welches mich durchfährt entzieht sich den irdischen Maßstäben und ich denke: „Wow, jetzt fliegen wir. Wir heben einfach so ab.“ Ein Blick auf das GPS erklärt das Gefühl des Fliegens. Wir bewegen uns mit an die 20 Knoten über den Grund. Unser GPS speichert sogar den Wert von 24 Knoten als Topspeed.

 

Ein fast unkontrollierbares Szenario. Die viel zu hohe Geschwindigkeit resultiert daraus, dass wir auf den hohen Wellen zu surfen beginnen. Dann erfasst uns von hinten ein besonders großes Exemplar. Schironn läuft aus dem Ruder, der Steuerbordrumpf bohrt sich immer Tiefer ins Wasser, der Backbordrumpf hebt sich, wie in Zeitlupe, aus dem Wasser empor. Es fühlt sich an, als wenn man sich mit einem Flugzeug in den Sturzflug begibt. Zum Glück folgt keine weitere Freakwave, so das wir mit der Backbordseite zurück ins Meer fallen und sich die Kräfte wieder auf beide Kufen verteilen. Im Zuge des Geschehens gehen jedoch beide Motoren aus und springen nicht wieder an. Und das gerade jetzt, wo wir sie so dringend benötigen!

 

Wie das so ist, habe ich im Nachhinein kein Gefühl für die Dauer des Spuks. Als es etwas ruhiger ist, öffne ich die Tür und schaue Sven in die Augen. Seine Augen haben den gleichen schockierten Ausdruck wie meine und er sagt: „Das war das heftigste, was ich je in meinem Leben erlebt habe. Alter, das war zu krass!“

 

Dieses abartige Gefühl, wie Schironn in alle Richtungen gedrückt und geschubst wird, ein Gefühl als würde ein Riese mit uns und Schironn einfach machen was er will und jeden Moment die Gefahr besteht, dass er uns umwirft, bewusstlos schüttelt oder ähnlich schreckliches mit uns anstellt, dieses Gefühl werde ich niemals vergessen.

 

Und nun? Was sollen wir tun? Weit und breit gibt es keine Möglichkeit vor Anker zu gehen. Nicaragua ist zu gefährlich und an der honduranischen Küste gibt es keine geschützte Ankerbucht.

 

Obwohl wir schon die Hälfte des Weges bis nach Providencia, Kolumbien (liegt auf dem Weg nach Panama) geschafft haben, entschließen wir uns umzudrehen, um Wind- und Welle von hinten, und nicht wie bisher von schräg vorne zu haben und nicht unter Motor weiter fahren zu müssen. Wir wollen zurück nach Roatan.

 

Die dreitägige Rückfahrt nach Roatan wird zur absoluten Geduldsprobe. Die Schlechtwetterfront begleitet uns auf der gesamten Rückfahrt. Es regnet und regnet und regnet und regnet, dunkle Wolkenwände umzingeln, verfolgen und überrennen uns. Wir können weder Fenster öffnen noch haben unsere nassen Klamotten eine Chance zu trocknen. An Schlaf ist weiterhin nicht zu denken. Keiner von uns schläft in den folgenden Tagen länger als zwei Stunden am Stück. Der Körper weiss irgendwann kaum noch welche Tageszeit ist, ob er Hunger oder Durst hat. Die Sonne haben wir schon seit Tagen nicht mehr gesehen.

 

Bei jedem Regenfeld auf dem Radar hoffen wir, dass nicht noch ein schwerer Sturm drin steckt. Die Tage und Nächte fühlen sich wie eine Ewigkeit an. Die Minuten verhalten sich wie Sand in einer Sanduhr, sie purzeln in Zeitlupe durch eine kleine Öffnung. Wir können keine Schaumkämme und keine Gischt und kein Grau mehr sehen. Wir wollen einfach nur ankommen.Ein weiteres schwarzes Wolkenmonster verfehlt uns um eine Haaresbreite. Es klaut sich den gesamten Wind im Umkreis und verdunkelt den Horizont. Zwischen den Squalls dann immer wieder stundenlang gar kein Wind. Sven stellt zwischenzeitlich die Vermutung auf, dass wir vielleicht im Sturm gestorben sind und dies nun die Endlosigkeit des Jenseits ist, das wir für immer im schlechten Wetter auf dem Schiff gefangen sind. Eine Fahrt, die nie enden wird?

 

Am Ende gibt auch noch der Autopilot komische Geräusche von sich. Noch eine Nacht per Hand steuern? Oh mein Gott, das wäre jetzt die Krönung allen Übels.

 

Am 7. Morgen erreichen wir dann endlich vollkommen ausgelaugt die sichere Bucht von French Cay. Doch selbst hier müssen wir noch eine Gewitterfront abwettern bis wir endlich durch das Riff fahren können, um in die geschützte Bucht zu gelangen.

 

Der Anker fällt. 

 

Sven: „Ich meine, wie fing diese Fahrt auch an? Wir haben gleich zu Beginn unseren Lieblingsangelköder verloren, dein Lieblingscap ist dir vom Kopf geflogen und in den Fluten verschwunden. Es war ja wirklich ALLES schlecht!“

 

 

Nächster Bericht: „Zweiter Versuch – Segeln nach Panama mit Zwischenstopp auf Providencia, Kolumbien“ folgt in Kürze

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Kommentare: 2
  • #1

    Max Becker (Montag, 03 April 2017 01:51)

    Hey Sarah & Sven,
    mir stockte der Atem als ich eben euer Bericht gelesen habe. Hoffe ihr findet schnell wieder zu Kräften. Mut & Ausdauer habt ihr ja jetzt ausreichend bewiesen. Das dieser Trip kein Zuckerschlecken wird das war uns ja allen Bewusst, aber ein solches Extrem, dass wünscht euch natürlich keiner. Es ist aber erstaunlich wie ihr wohl in dieser Situation über euch hinaus gewachsen seid. Weiß Gott wie viele wohl dort wo ihr wart aufgegeben hätten, aber ihr habt es allen Wiedrigkeiten zu trotz geschafft und habt durchgehalten. Ich zieh Symbolisch meinen Hut vor Euch. Ihr seit ein tolles Team und werdet zum Ausgleich bestimmt noch viele tolle Sachen sehen !!! Wir hier in Hamburg wünschen Euch für die Zukunft natürlich nur noch gut Wetter Fronten, Rückenwind und freundliche Händler auf Euren Wegen !!! Ihr seit der lebende Beweiß wie hart im nehmen Norddeutsche doch sein können. Respekt und weiterhin nur das Beste für Euch und die Schironn !!!

  • #2

    Jan Adebahr (Sonntag, 09 April 2017 08:45)

    Ihr seid der Hammer! Was für Erlebnisse!! Auch wenn ihr das letzte vielleicht lieber nicht durchlebt hättet, kann man euch wirklich für soviele Erfahrungen beneiden... genießt es weiterhin. LG aus Hamburg