Dorfleben in der Region Izabal– Lebensrealitäten und ökologische Fingerabdrücke

„You don’t travel to see different things, you travel to see things differently“

 

Hier in der Region Izabal überwiegt die Anzahl der Menschen, die in kleinen Dörfern leben. Ich habe aus Interesse an der hiesigen Lebensweise der lokalen Bevölkerung sowie aus sportlichen Gründen heraus, mehrere kleine bis sehr kleine Dörfer besucht (ca. 20-100 Häuser).

Am Horizont sieht man die ersten Häuser des Dorfes am Rio Bonito
Am Horizont sieht man die ersten Häuser des Dorfes am Rio Bonito

Sportlich, denn die Wege hin zu den Dörfern sind jedes Mal eine echte sportliche Herausforderung. Zu dem Dorf beim Rio Bonito fahren wir beispielsweise erst ein paar Kilometer mit einem „Chicken Bus“ (Minibus des öffentlichen Verkehrssystems) vom Rio Dulce aus Richtung Westen und wandern dann eine Schotterpiste entlang, welche uns mehr als 20 Kilometer bergauf und bergab durch Palmölplantagen und dichte Dschungelvegetation, inklusive Affen in den hohen Bäumen, zu dem angepeilten Dorf führen soll.

 

Nach ein paar Kilometern strammen Marsches haben wir allerdings das enorme Glück, dass ein Pickup von hinten angefahren kommt und fragt, ob er uns mitnehmen kann. Klar! Schließlich ist das Dorf, das wir besuchen wollen 20 Kilometer entfernt und wir müssen ja noch ein bisschen Kräfte für den Rückweg sparen.

 

In voller Geschwindigkeit fahren wir auf der Ladefläche des Pickups durch die wunderhübsche Landschaft, passieren zwei Flüsse und müssen uns gut festhalten, damit wir nicht von der Ladefläche fliegen. Außer uns sind noch zwei Guatemalteken mit ihren Instrumenten auf der Ladefläche. Sie sind auf dem Weg zur Arbeit: Messungen für einen Straßenbau machen, erzählen sie uns. „Aber heute ist doch Sonntag!?“, entgegnen wir ihnen fragend. So etwas wie einen freien Sonntag gibt es hier nicht. Sie arbeiten sieben Tage die Woche.

 

Mitten zwischen zwei Palmölplantagen und umringt von fast zwanzig Männern mit Macheten in der Hand, endet unsere Fahrt. „Wir sind da“, sagt der Fahrer und verlangt nicht mal Geld von uns für die Fahrt.

 

Aber für den ersten Moment sind wir inmitten der Männer mit Macheten und in keinerlei Sichtkontakt zu einem Dorf. Ein bisschen eingeschüchtert zweifeln wir daran, ob wir hier richtig sind. Schließlich kommen wir ins Gespräch mit der Männertruppe und erfahren, dass es fast alles Männer aus dem Dorf am Rio Bonito sind, die beim Straßenbau helfen oder auf den Palmölplantagen arbeiten. Das Dorf am Rio Bonito ist nämlich bisher nicht an eine Straße angebunden und der Großgrundbesitzer, dem das gesamte Land um das Dorf herum gehört, hat nun erlaubt, dass eine Straße auf seinem Landbesitz gebaut werden darf.

 

Ein sehr gutes Beispiel für die Landbesitzverhältnisse in Guatemala. Der Großteil der fruchtbaren Landflächen gehört wenigen Großgrundbesitzern, während der Großteil der Bevölkerung nix von den Reichtümern des eigenen Landes hat und unter Armut lebt. Die Plantagen schaffen vielleicht Arbeitsplätze, aber ein Arbeiter in Guatemala verdient zwischen 10-20 $ am Tag. Da kann man sich ja ausmalen, für welch minimalen Lebensstandard das reicht. Guatemala ist ein weiteres Land, in dem der Kolonialismus im Deckmantel der globalen weltwirtschaftlichen Vernetzung sein Unwesen treibt und ein paar einzelnen Superreichen ein Leben in Saus und Braus ermöglicht.

Wir werden nun von einem der Männer mit Machete ca. einen Kilometer auf einem kleinen Trampelpfad durch die hügelige Landschaft bis zum Dorf beim Rio Bonito geführt. Das Dorf besteht aus max. 20 Häusern, einem kleinen Kiosk, einer winzigen, nur mit einem Wellblechdach überdachten Dorfschule und einem in einem desolaten Zustand befindlichen Fußballfeld. Es liegt direkt an dem Flüsschen namens Bonito, der den Bewohnern sauberes Trinkwasser liefert sowie die Möglichkeit sich und die Wäsche zu waschen. Ein Dorfleben der Quechi Bevölkerung, wie es seit Jahrzehnten ohne große Modernisierung besteht. Einen Kühlschrank kann man hier zum Beispiel lange suchen. Und Strom wird ausschließlich durch einen Generator erzeugt. Die meisten Häuser verfügen aber schlichtweg nicht über Strom.

 

Ein bisschen Ursprungsromantik kommt beim Erkunden des sehr gepflegten Dorfes auf. Die Frauen zeigen uns stolz, wie sie Tortillas zubereiten, Schweine, Hühner, Hunde und ein Truthahn leben frei laufend inmitten des menschlichen Treibens und überall laufen freudestrahlende Kinder umher. Denn auf jeden Haushalt kommen hier mindestens vier Kinder. Die Menschen und die Natur scheinen im gesunden Einklang miteinander zu leben. Während unsere Kinder mit einer Cyber Katze auf dem Smartphone spielen, leben die Kinder hier umgeben von echten Tieren, wie zum Beispiel einem Nasenbär.
 

Die Frauen im Dorf sind nicht auf sich alleine gestellt, wenn es um den täglichen Zeitvertreib, die Erziehung oder um Probleme mit ihren Kindern geht. In unmittelbarer Nähe wohnen schließlich Schwestern, Mutter oder Freundinnen mit eigenen Kindern. Ich kenne ehrlich gesagt kaum mehr eine Familie, bei der alle Familienangehörigen nah beieinander leben, um sich im Alltag gegenseitig unter die Arme greifen zu können. Und es kommt die Frage auf, was der Mensch zum (glücklichen) Leben wirklich braucht, oder wie hoch der ökologische Fingerabdruck eines Einzelnen sein sollte.

 

Aber gleichzeitig kommt auch die Frage auf, ob man denn wirklich tauschen wollen würde und ein Leben ohne unsere modernen Errungenschaften, ohne Emanzipation und unseren Bildungsmöglichkeiten etc. leben wollen würde. Ich meine, wie krass ist es einfach mal 100 Jahre zurückgeworfen zu werden? Bzw. wie krass ist es, dass überall auf der Welt Menschen unter den einfachsten Bedingungen leben, wie hier in diesem kleinen Dorf beim Rio Bonito? Eine Begegnung mit der Vergangenheit, die hier weiterhin gelebte Gegenwart ist. Kaum medizinische Versorgung, nur minimale Bildungsmöglichkeiten, Frauen, die wahrscheinlich in ihrem ganzen Leben nur ein paarmal das Dorf verlassen, kein globaler Austausch usw. Ich als Frau kann nur sagen: „Puh, ... nein, ich bin sehr stolz auf meinen Universitätsabschluss, auf meinen Freigeist, meine Entscheidungsfreiheiten und meine Möglichkeiten mich als Frau zu verwirklichen.“ Aber ich frage mich, warum der Mensch immer gleich so übertreiben muss und nicht wenigstens ein bisschen mehr von der Ursprungsromantik und einen mäßigen Konsum beibehält.

 

Als wir uns schließlich auf den Rückweg begeben wollen, gibt uns der Mann, der uns auch in das Dorf geführt hat, zu verstehen, dass es keine gute Idee ist, zu Fuß zurück zur Hauptstraße zu gehen. Auf dem Weg lauern Diebe, so dass es für uns Ausländer auf keinen Fall sicher ist. Ein Auto, das uns, wie auf dem Hinweg, mitnehmen könnte, fährt vielleicht einmal am Tag. Und das Glück haben wir ja bereits auf dem Hinweg für uns in Anspruch genommen. Und jetzt? Was sollen wir machen? Wenn wir die Gefahr überfallen zu werden nicht eingehen wollen, sitzen wir hier fest bis vielleicht irgendwann mal wieder ein Auto fährt, das uns mitnehmen kann. Dass es so gefährlich ist hier zu wandern, haben wir ehrlich gesagt nicht in diesem Ausmaß in Erwägung gezogen. Und unseren Glücksbonus haben wir nun bereits auf dem Hinweg in Anspruch genommen, wo tatsächlich zur gleichen Zeit ein Auto gefahren ist.

Aber zum Glück gibt es im Leben diese speziellen Zufälle, diese Schicksalsbegegnungen, die es gut mit uns meinen und eigentlich gar nicht in Wörter ausgedrückt werden dürfen, um in Zukunft nicht verschreckt zu werden.

 

Um diese Begegnung zu verstehen, ist ein kurzer Rückblick auf den Spendenlauf der freiwilligen Feuerwehr, bei dem ich vor ein paar Wochen teilgenommen habe, nötig. Es war dort nur ein einziger Einheimischer anwesend, der Englisch sprach und mir so die nötigen Infos von spanisch auf englisch übersetzen konnte.Ein Mann, der eine wichtige Rolle in der lokalen Gemeindearbeit zu spielen scheint, ein Charaktertyp, über dessen Hintergrund wir uns damals schon viele Gedanken gemacht hatten, jedoch leider beim Event nicht tiefgründiger mit ihm reden konnten.

 

Und wer steht nun hier in diesem Dorf, über 30 Kilometer vom Rio Dulce entfernt, mitten im Nirgendwo vor uns? Genau dieser, gut englisch sprechende, Mann. Er hilft selber gerade beim Straßenbau. Er und ein paar andere Männer beseitigen mit Hilfe ihrer Macheten die Landflächen, auf denen die Straße gebaut werden soll, von der Vegetation. Wir schildern ihm unser Problem und er bietet uns an, dass er uns nach getaner Arbeit, in ca. einer Stunde mit seinem Lancha zurück in den Rio nehmen kann. Er müsste allerdings noch in ein paar anderen Dörfern Schüler abholen und wieder absetzen.

 

Wie gut ist das denn? Und natürlich warten wir gerne so lange wie er möchte und kommen überall mithin auf dem Weg zurück in den Rio, gar keine Frage!

 

Auf der Lanchafahrt zu den anderen Dörfern erfahren wir von ihm, dass er Guatemalteke mit deutschem Vater ist und eine Zeit lang in Amerika gelebt hat. Nicht sein Ernst, er ist auch noch halb Deutscher? Was für ein Zufall ist das denn? Außerdem erfahren wir, dass er zusammen mit einem Freund eine Hilfsorganisation gegründet hat, mit der sie Lehrer für Dörfer, wie das Dorf beim Rio Bonito, finanzieren. So ist die kleine Schule im Dorf beim Rio Bonito komplett von ihm gebaut und finanziert. Auf dem weiteren Weg mit ihm holen wir Schüler aus einem noch kleineren Dorf ab und bringen sie in ein größeres Dorf, in dem wir ebenfalls noch eine ganze Weile verbringen.

 

Außerdem erzählt er uns, wo wir die nächsten Male wandern und Dörfer besuchen können, ohne der Gefahr von Überfällen ausgesetzt zu sein. Diese Tipps nehmen wir sehr gerne entgegen und setzen sie in den nächsten Wochen in Taten um.

Die Impressionen aus den Dörfern fernab von Internet und lebenserleichternden modernen Gadgets verweilen intensiv in unseren Köpfen. Nur wer einmal aus seiner Komfort-Blase ausgetreten ist, um sich die unterschiedlichen Lebensrealitäten auf dieser Welt zu vergegenwärtigen, weiß es zu schätzen, in welchem Luxus wir in Deutschland unseren Lebensalltag verbringen dürfen und bringt hoffentlich ein bisschen Ursprungsromantik mit in sein hoch-technologisiertes Leben. 

 

Und hier ein paar Impressionen von unserem Besuch im Dorf beim Rio Bonito:

 

 

Special Thanks to Jerry, der uns mit dem Lancha sicher nach Hause manövriert hat!

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