Izabal-See – Kayakparadies inzwischen von Krokodilen, Godzilla, King Kong und tiefster Wildnis

Zu siebt und mit zwei Katamaranen brechen wir auf, um den Izabal-See zu erkunden, den größten See Guatemalas. Der Izabal-See ist der größte, aber gleichzeitig wohl auch der einsamste See Guatemalas. Einen regulären öffentlichen Schiffsverkehr gibt es hier nämlich nicht und auch nicht viele Segler fahren raus, um den See zu erkunden. „Es sei gefährlich, man werde hier beklaut“ raunen die alten Dinosaurier im Rio Dulce, als wir ihnen erzählen, dass wir zu einer Erkundungstour aufbrechen.

Castillo San Felipe
Castillo San Felipe

Die Dinosaurier des Rios sind zumeist Rentner, größtenteils amerikanischer Herkunft, die im Rio auf ihren Schiffen leben, aber eigentlich nicht mehr wirklich segeln.

 

Früher hatte der See, auf Grund seiner Verbindung zum Ozean, für den Handel eine große Bedeutung und die spanischen Kolonialherren mussten sich immer wieder gegen Überfälle britischer Piraten zur Wehr setzen. Daher stammt auch die kleine Festungsanlage an der Mündung zum Izabal-See, die man heute inklusive Parkanlage besichtigen kann (Castillo San Felipe de Lara).

 

Sollte die damalige Gefahr der Piraterie heute in Form von Raubzügen der lokalen Bevölkerung auf Touristen weiterbestehen und den See daher für uns Segler wirklich so unattraktiv machen? Wir sind ehrlich gesagt nicht wirklich eingeschüchtert, da wir mir einer großen Gruppe los fahren. Oder wie unser kanadischer Freund einem alten Dinosaurier, als sie ihn warnt, dass doch garantiert etwas geklaut werde und fragt, ob er denn gar keine Angst hätte, entgegnet: „Ich fahre da mit zwei volltättowierten Deutschen raus, als ob ich mich da vor einem Überfall fürchten müsste.“

Insgesamt neun Tage erkunden wir den Izabal-See. An vier von sechs Ankerplätzen ist der See so ruhig und die Bucht so geschützt, dass wir mit unseren Katamaranen im „Päckchen“ ankern können. An einem Anker liegen wir gemeinsam, durch Fender voneinander geschützt und mit Seilen aneinander befestigt, wie eine Doppelhaushälfte in den, von Mangroven umgebenen Buchten. Am westlichen Ende des Sees münden die Flüsse Rio Polochic, der wichtigste Zufluss des Izabal-Sees, der Rio Amatillo sowie der Rio Oscuro mit seinem kleinen Seitenarm, dem Rio Zarquito, in den Izabal-See.

Wir erkunden sie alle bis in die kleinsten Abzweigungen mit unseren Kajaks und tauchen ein in faszinierende Naturschauspiele. Nur mit einer kleinen Plastikschale unter dem Arsch paddeln wir die verhältnismäßig tiefen Flüsse hoch. Vorbei an Brüllaffen, die uns interessiert, aber wenig begeistert von den Bäumen begutachten oder auch gerne mal als nicht-Willkommensgruß in unsere Richtung pinkeln. Vorbei an dichtem Mangrovenbewuchs, der sich zu beiden Seiten der Flüsse erstreckt und so eine Illusion von Land erzeugt. Der dichte Mangrovenbewuchs lässt uns richtige Landfläche nur in weiter Ferne erahnen und konstruiert ein unbetretbares Ufergefilde. Erst weit im inneren des Landes tun sich dann noch Reis- und Palmölplantagen hinter der dichten Vegetation auf.

Rio Zarquito ist nicht der große sichtbare Fluss auf dem Bild, sondern der Kleine durch die rote Linie gekennzeichnete
Rio Zarquito ist nicht der große sichtbare Fluss auf dem Bild, sondern der Kleine durch die rote Linie gekennzeichnete

Am besten gefällt uns die Szenerie und die starke Strömung des Rio Zarquitos. Je weiter wir diesen Fluss hoch paddeln, desto wilder, dichter und uriger wird die Vegetation. Die Strömung in Richtung des Izabal-Sees nimmt stetig zu und ist irgendwann so heftig, dass man nur mit aller Paddelkraft nicht auf der Stelle bleibt. Zusätzlich zur Armarbeit ist Koordination gefragt. Überall lauern Hindernisse, wie riesige aus dem Wasser ragende Äste, Baumteile oder im Weg hängende Lianen. Das Manövrieren im Kampf gegen die Strömung gestaltet sich nicht leicht und jede Berührung mit dem Uferbewuchs, einer Liane oder anderer vor sich auftauchender Vegetation hat zur Folge, dass dutzende kleine Tiere sowie ein Haufen Blätter und Geäst ins Kajak oder auf einen selber gelangen. Beim Fassen einer Liane, um mich vor einer Kollision mit der Ufervegetation zu schützen, habe ich sofort an die 50 kleinste Dornen in der gesamten Hand stecken.Wir sehen auch eine tote Vogelspinne an uns vorbei treiben.

 

Auf dem Rückweg werden wir für unsere Mühe, kilometerlang stromaufwärts zu paddeln, belohnt. Die Strömung leitet unsere Kajaks ohne eigenes zutun in einer guten Geschwindigkeit den Fluss zurück zum Izabal-See. Mit wenigen Paddelschlägen, um in den scharfen Kurven nicht aus der Bahn zu kommen, können wir so die Natur mit all unseren Sinnen aufnehmen und das Dschungeltreiben beobachten. Der Rückweg dauert daher nur die Hälfte der Zeit des Hinwegs.

 

Wie soll ich nach diesem Erlebnis, wohl je wieder Spaß an einer Wildwasserbahn haben? Diese wunderschöne, abenteuerliche, menschenverlassene und nur von der Natur geformte Wildwasserbahn wird durch kaum etwas getoppt werden können.

 

Getoppt wird dieses Erlebnis nur durch unsere letzte Erkundungstour bei der wir alle in verschiedene kleine Seitenarme vorrücken. Ganz alleine, jeder für sich in seiner Plastikschale, kajaken wir, wie bezaubert durch die kleinsten Seitenarme und gehen alle verloren und verlieren kurzzeitig die Orientierung. Denn während wir den Hauptstrom, der in den Izabal-See mündet verlassen, um die Seitenarme auszukundschaften, merken wir nicht, dass der Hauptfluss merkwürdigerweise vom Izabal-See weg strömt. Klar, dass diese Gegenströmung auf dem Rückweg für Verwirrung sorgt, ich mich plötzlich sehr allein in diesem Nirgendwo fühle und wir uns alle freuen, als wir uns bei einer prägnanten Abzweigung wieder treffen.

 

Die gesamten Zeit, die wir am westlichen Ende des Izabal-Sees verbringen sehen wir außer ein paar Quiche-Maya in ihren Einbäumen keine Menschenseele.    

Die Ruhe dieser einsamen Region wird nur durch das Brüllen der Brüllaffen (Howler Monkeys) unterbrochen. Insbesondere zu Sonnenauf- und Sonnenuntergang geben sie ein Gebrüll von sich, dass man fünf Kilometer weit hören kann und das mit Worten eigentlich nicht zu beschreiben ist. Sven beschreibt es so: „Es klingt, als würden King Kong und Godzilla gegeneinander kämpfen.“ Das Gebrüll klingt als würde es aus der Urzeit stammen, vielleicht ähnlich wie Dinosauriergebrüll. Dieser Sound, der durch die Berge und die Flusstäler über Minuten ertönt, verleiht dem Gebiet einen umso urigeren und ehrfürchtigeren Charme. Wenn wir nicht wüssten, dass das Gebrüll von - im Verhältnis zu diesem Gebrüll - wirklich kleinen Affen stammt, würden wir sicher nicht so entspannt auf einer Plastikschale die Gegend erkunden. Aber apropos „entspannt“, Krokodile gibt es hier auch. Sven hat bei einer seiner Fahrten mit dem Jetski eins im Wasser gesichtet. Auf unseren Kajaktouren sind wir jedoch- zum Glück - keinem begegnet.

Im Rio Oscuro haben wir zudem sehr große auftauchende Fische bestaunen können. Als sich das erste Mal eine Rückenflosse aus dem Wasser erhebt, denke ich, dass ich fantasiere. In diesem kleinen Fluss wirkt die Größe des Fischrückens fast wie die eines Delfins. Doch kurze Zeit später tauchen gleich vier Rückenflossen auf, die wir alle sieben zu Gesicht bekommen. Wir zücken sofort die Angeln, jedoch beißt keiner der großen Fische an. Nur die ganz kleinen Fische scheinen Interesse an unseren Köderfischen zu haben. Als wäre ein König zu Ihnen gekommen, folgen sie im Rudel dem Köder und schauen ihn mit Begeisterung nach. Wir haben dieses nette Unterwasserszenario natürlich gefilmt J.

 

Die Tage im Izabal-See starten früh zum Sonnenaufgang und enden noch früher. Denn nach unseren an die 10 Kilometer langen Kajaktouren, essen wir gemeinsam und fallen in der Regel mit dem Eintritt der Dunkelheit ins Bett. Und dunkel wird es hier gegen 19 (!) Uhr.

Zum Abschluss besuchen wir noch die heiße Quelle mit Wasserfall Finca Paraiso. Hier kann man in dem 36 Grad warmen Wasser, welches direkt aus dem Erdinnerinnen kommt und einen kleinen Pool bildet bevor es das Steingefälle hinunterstürzt, baden, sich mit Schwefelschlamm abreiben und durch das Wasser in Steinhöhlen eintauchen.

 

Neun Tage auf dem See verfliegen wie im Flug und es war definitiv kein Tag zu viel. Wir sind alle eher ein bisschen traurig, das klare Wasser und die spektakuläre Weite des Sees sowie das Kajakbootcamp wieder für das städtische Treiben im Rio Dulce einzutauschen.

 

Zurück in den Rio geht es genau wie auf dem Hinweg leider unter Motor. Der Wind bleibt entweder gänzlich aus oder richtet sich gegen uns. So können wir also Schironn 2.0 doch noch nicht unter Segeln erleben, sind aber unter Motor mindestens einen Knoten schneller als früher.

 

Nächster Bericht: „Dorfleben in der Region Izabal– Lebensrealitäten und ökologische Fingerabdrücke“ folgt in Kürze    

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