Schironn zurück vor Anker im Rio Dulce

Schironn ohne Lack vor Anker
Schironn ohne Lack vor Anker

Nach einer gefühlten Ewigkeit (drei Monate) ist es soweit: Schironn wird vom Betonplatz der Marina Nana Juana im Rio Dulce zurück ins Wasser gehoben.

 

Mit seinem Schiff an Land zu stehen ist für die meisten Segler ein notwendiges Übel, so dass man unter Seglern stets bemitleidet wird, wenn das Schiff auf dem Trockenen steht. Einerseits wird es auf einem Betonplatz hier in den Tropen unweigerlich viel heißer als auf dem Wasser und anderseits gehört ein Schiff eben nicht an Land sondern ist zum Schwimmen da.

Das Mitleid der Segler schlägt jedoch schnell in Spott und Hohn um, wenn man überdurchschnittlich lange aus dem Wasser ist. Zweifelsohne entspringt der Spott einem guten Willens, nämlich diesem, dass der Schiffseigner motiviert werden soll, die Arbeiten an seinem Schiff schnell zu verrichten, um es (wieder) Ozean-, bzw. Seetauglich zu machen. Es gibt nämlich nicht wenige Schiffe auf so einem Betonplatz, die es nie wieder zurück ins Wasser schaffen oder sogar noch nie im Wasser waren.

 

Wir waren nun auch definitiv etwas länger als der Durchschnitt aus dem Wasser und haben demnach Mitleidsbekundungen sowie Spott entgegen genommen. Angesichts der Tatsache, dass wir von den drei Monaten, einen Monat in Deutschland waren und das Entfernen des Lackes von Schironn an sich bereits 6 Wochen gedauert hat, denken wir jedoch, dass drei Monate eine perfekte Zeit waren, um unsere Schironn für den Pazifik zu rüsten. Wir finden, dass Schironn ohne Lack großartig aussieht und freuen uns darüber, dass wir im Rio die Chance hatten, dies kostengünstig (in der Nana Juana Marina darf man eigene Arbeiter engagieren und muss nicht, wie in der RAM Marina nebenan dessen weitaus teurere Arbeitskräfte engagieren) sowie mit eigener Arbeitsunterstützung zu vollziehen. Wir haben alle Arbeitspunkte auf unserer Liste abgearbeitet und uns gleichzeitig sehr wohl auf dem Betonplatz gefühlt.

 

Den Pool in der Nana Juana Marina hat man meistens für sich alleine
Den Pool in der Nana Juana Marina hat man meistens für sich alleine

Ehrlich gesagt, habe ich es sogar richtig genossen, die Annehmlichkeiten einer Marina, mit Pool und riesigen, super neuen Waschhäusern nutzen zu können, einen Esel, Enten und Affen direkt hinterm Schiff wohnen zu haben, körperlich zu arbeiten sowie ohne das Dingi startklar machen zu müssen an Land zu spazieren oder zum Supermarkt zu gehen.

 

Dennoch sind wir nun froh unser zu Hause wieder ins Wasser zu bringen und mit den Schwingungen des Wassers einschlafen zu dürfen. Sven und ich sagen beide einstimmig, dass wir gar nicht mehr wissen, wie es sich anfühlt auf dem Wasser zu leben geschweige denn wie es sich anfühlt zu segeln. Das emotionale Gedächtnis ist erstaunlich flexibel, gewöhnt sich unglaublich schnell an neue Bedingungen und hüllt Erinnerungen an den vergangenen Alltag seines Lebens in einer anderen Szenerie in eine nicht greifbare Verschleierung.

 

Man kennt das, wenn man im Urlaub bei 30 Grad am Strand sitzt, kann man sich gar nicht vorstellen, dass man zu Hause eine Wohnung oder ein Haus hat, wo zur gleichen Zeit vielleicht sogar Schnee fällt. Und wenn man dann wieder zu Hause ist, kann man sich kaum mehr vorstellen, dass man eben gerade noch am Strand spazieren war, im Meer gebadet hat und mit dem Geräusch des Meeres eingeschlafen ist.

Fronteras "Skyline"
Fronteras "Skyline"

Zur Sehnsucht nach der Freiheit auf dem Wasser paart sich die Tatsache, das wir uns mittlerweile fühlen, als könnten wir Staubwolken ausatmen. Die Entfernung des Lacks von Schironn und das anschließende Schleifen des Aluminiums produzierten erheblichen Dreck. Zudem sind um uns rum diverse andere Schiffe, an denen jeden Tag gearbeitet wird. Und nicht zuletzt, nervt es, dass man seine Bordtoilette nicht benutzen kann. Schlaftrunken das Schiff verlassen zu müssen, nur um nachts oder morgens pinkeln zu gehen, das nervt!

 

Lange Rede kurzer Sinn: wir sind zurück im Wasser. Vor Anker liegen wir vor dem Örtchen Fronteras und müssen endlich keine Miete mehr zahlen. Dafür sind wir nun inmitten des städtischen Treibens integriert. Die Hauptstraße von Fronteras, vor der wir ankern ist quasi Mönckebergstraße, Hauptbahnhof, Reeperbahn, Fisch- und Gemüsemarkt sowie Haupttransportverkehrsader der Region Izabal. Dementsprechend viel Verkehr herrscht auf dem Wasser

Lancha
Lancha

Nach Fronteras kommt die ganze Region Izabal, um einzukaufen, Dinge zu erledigen oder zu verreisen. Das Hauptverkehrsmittel ist für die lokale Bevölkerung das Lancha, ein Boot aus Fieberglas, welche es im Rio Dulce in allen möglichen Größen und Variationen gibt. Um uns rum fahren daher ständig eine Menge Lanchas, ja man kann quasi schon von einer Lancha-Autobahn reden. Und wir sind nun ein direkter Nachbar von dieser Autobahn.

Zu diesem geschäftigen Treiben kommt hinzu, dass schräg vor uns die größte Brücke Mittelamerikas liegt, welche Dauerhaft von Vieh- oder Warentransportern befahren wird. Die LKWs nutzen hier noch Motorbremsen, die beim Bergabfahren knattern wie ein Maschinengewehr und auf Grund dieser lauten Geräusche bei uns in Deutschland verboten sind.

 

Ach so abpropo Maschinengewehr, ab und zu hört man, wenn es schon dunkel ist, ein paar Pistolenschüsse (ja, hier in Guatemala hat wohl wirklich jeder zweite eine Waffe bei sich). Außerdem wird insbesondere am Wochenende aus irgendeiner Bar laute und leider sehr trashige Musik gespielt.

 

Es ist keineswegs so, dass man hier mit seinem Schiff stehen muss. Im Rio gibt es unzählige gute Ankerplätze. Für uns fühlt es sich aber momentan gut an hier zu wohnen und ich genieße den Ausblick auf die kleine Skyline von Fronteras.

 

Wir bleiben aber zunächst gar nicht so lange, denn es juckt uns in den Füßen. Oder wie sagt man das auf ein Schiff übertragen? Wir sind heiß darauf, zu erfahren, wie sich die neue Schironn, ein bisschen leichter und mit perfektem Unterwasserschiff, durchs Wasser bewegt. Daher brechen wir bereits nach ein paar Tagen zu einer Erkundungstour auf dem Izabal-See auf, dem See, in den der Rio Dulce mündet.

 

 

 

 

 

Nächster Bericht: „Izabal-See – Kayakparadies zwischen Krokodilen, Godzilla, King Kong und tiefster Wildnis“ folgt in Kürze

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