Rio Dulce - was für ein wirklich ungewöhnlicher Ort auf der Welt

Die Gefühle, die ich für den Rio Dulce habe, sind eine reine Achterbahnfahrt.

 

Bei der ersten Begegnung raubt mir dieser Fluss den Atem, so schön ist der Augenblick, in dem wir mit Schironn den vor uns liegenden Canyon ansteuern, dann langsam zwischen die knapp 100 Meter hohen Steilwände eintauchen und schließlich immer weiter in den Urwald abtauchen.

Wir sind überwältigt von diesem Naturschauspiel, von der Schönheit des dichten und artenreichen Dschungelbewuchses auf den Steilküsten zu beiden Seiten unseres Schiffes, von den intensiven Grüntönen und dem massiven Sound der Vogel- und Insektenwelt.

Das erste Mal hier mit seinem Schiff rein zu fahren ist wirklich ein absolutes Highlight auf unserer bisherigen Weltreise! Auf dieses Hoch der Gefühle folgt allerdings ein stetiger Fall. Je tiefer man in den Rio eindringt, um so heißer und heißer und heißer und luftfeuchter und noch heißer wird es. Man fühlt sich, als würde man eine Wüste durchqueren. Die Sonne strahlt fast zerstörerisch auf unsere Köpfe nieder, während wir tiefer und tiefer ins Landesinnere vordringen.

 

"Ins Landesinnere vordringen", ich glaube diese Tatsache, dass wir von Land umringt sind und tief in den Urwald rings um uns mit unserem zu Hause eindringen, macht den Rio so speziell.

Am Ende des Rio Dulce, kurz bevor er in den Lake Izabal mündet, wirkt dann irgendwie alles auf den ersten Eindruck bedrückend, schäbig und glatt ein bisschen schmuddelig/ sumpfig. Der Ort Fronteras besteht eigentlich nur aus der Verkehrsader A13. Eine von Lastern viel befahrene Straße, zu dessen Straßenseiten sich die Geschäfte angesiedelt haben. Viel zu entdecken gibt es hier also nicht. Zudem ist die Straße so eng, dass jeder Gang zu Fuß schon zu einem Slalomlauf wird, bei dem man ständig aufpassen muss nicht von einem riesigen Viehtransporter überfahren zu werden.

Die trübe Stimmung wird verstärkt durch das Wetter. Wir kommen in der schlimmsten Phase der Regenzeit an. Es regnet wochenlang. Teilweise regnet es wirklich drei Tage ohne Unterbrechung. Zudem ist es so heiß und schwül, dass man im Sitzen schwitzt. Die Fenster zu öffnen bringt im Prinzip nicht viel, aber ist sowieso nicht möglich, denn es regnet ja. Und dann sind da noch die Gewitter. Blitze zucken im Sekundentakt über den Himmel und werden unmittelbar verfolgt von Donnern, wie ich sie noch nie zuvor in meinem Leben gehört habe. Die Donner lassen den Erdboden beben und erzeugen eine massive Geräuschkulisse über mehrere Sekunden lang. Ein Gewitter in Deutschland ist verglichen mit dieser Szenerie in der Regel ein Witz. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein Haus vom Blitz getroffen wird, ist sehr sehr gering und beträgt in Deutschland, laut Internet 1:6 Millionen. Nach kurzer Zeit im Rio, kennen wir bereits vier Boote, bei denen der Blitz eingeschlagen ist und ein enormes Disaster bei der Bootselektronik hinterlassen hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein Haus/Boot im Rio von einem Blitz getroffen wird ist also um ein vielfaches Höher als an anderen Orten. Auch wenn Aluminium ein natürlicher Blitzableiter ist, befestigen wir sofort zusätzlich noch zwei Blitzableiter.

 

Bereits nach ein paar Tagen im Rio Dulce, will ich nur so schnell wie möglich wieder weg. Ich kann mir nicht vorstellen die gesamte Hurrikansaison, die bis Ende November geht, hier zu verbringen, geschweige denn bei der Hitze an Schironn arbeiten zu müssen. Die Marinas sehen für mich auf den ersten Blick auch nicht so einladend aus.

 

Und dann, je mehr Zeit wir hier verbringen, wächst mir dieses Dschungel Moloch richtig ans Herz. Der Rio Dulce ist einer dieser Orte, dessen tiefgehende Schönheit man erst erkennt, wenn man in das tägliche Geschehen eintaucht und heimisch wird.

 

An die Hitze und die Luftfeuchtigkeit zu dieser Jahreszeit gewöhne ich mich nicht, aber das Dschungel Moloch offenbart sich mehr und mehr als bezauberndes Urwaldidyll.

Die Landschaft, die Artenvielfalt der Vegetation und der Tierwelt ist spektakulär. Sehr schön finde ich die Stelzenhausvariationen entlang des Rios. Auf Grund des Mangrovenbewuchses, ist ein Stelzenhaus quasi obligatorisch. Die Holzbauweise und die Palmwedelgedeckten Dächer passen perfekt in das landschaftliche Bild.

Außerdem fasziniert mich die Tierwelt. Alle paar Wochen gibt es irgendeine neue „Plage“. Dutzende schwarze Käfer, dann dutzende grüne kleine fliegenden Dinger, dann Kröten, dann eine fliegende Variation, die sich beim Arbeiten frech auf unseren Armen niederlässt usw. Leider habe ich in der Selbstverständlichkeit des Alltags keine Fotos von diesen Tierchen gemacht. Aber sicher ist, dass der Rio ein Ort ist, an dem man immer eine Kamera dabei haben muss, denn irgendeinem lustigen Tierchen begegnet man immer.

Naja, und dann sind da noch die Menschen. Die Piraten der Neuzeit, wie ich sie nenne. Irgendwie entsteht in meinem Kopf der Vergleich zu den damaligen Zeiten, in denen spanische und britische Piraten diese Gefilde für sich in Beschlag genommen haben, sich hier für eine kurze Zeit oder auch für Lange niedergelassen haben. Auf der Suche nach Ruhe von der See, Spaß, einer netten Lebensweise und einem geeigneten Versteck fern vom Geschehen der restlichen Welt. Nur dass es sich heute nicht um Piraten handelt, sondern um die speziellen Charaktere, die mit Ihren Segelschiffen ankommen, um Schutz vor der Hurrikansaison zu suchen oder ein neues zu Hause auf Zeit finden. Denn viele bleiben hier hängen.

 

Wir freuen uns sehr darüber, endlich auf junge und spezielle Charaktäre zu treffen, die auf der gleichen Wellenlänge des Lebens balancieren wie wir. Die die Welt besegeln oder einfach nur hier gestrandet sind. Das Leben im Rio Dulce fühlt sich für uns so nach kurzer Zeit wie ein Parallelleben zu Hamburg an. Ohne daran zu denken, dass man in ein paar Monaten weiter zieht, arbeiten wir täglich am Schiff, leben unseren Alltag mit Freunden, die wir genau so auch zu Hause haben würden und erkunden nebenbei Land und Leute. Wir sind richtig fest verortet für eine Weile und es fühlt sich gut an.

 

Der Rio gilt als das sicherste "Hurricanhole" in der Karibik. Und wie viele andere Segler wollen wir die Hurrikansaison dazu nutzen, an Schironn zu arbeiten. Unsere Liste der Arbeiten, die wir verrichten müssen oder möchten, ist lang. Zum Glück ist der Rio auf die vielen Segler eingerichtet und es gibt gute Möglichkeiten das Schiff aus dem Wasser heben zu lassen. Dies nutzen wir und lassen Schironn bereits kurz nach Ankunft im Rio an Land Kranen. Uns steht nun eine heiße und arbeitsreiche Zeit an Land bevor.

 

Nächster Bericht: "Schironn wird vom Trecker aus dem Wasser gezogen" folgt in Kürze

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