Cayman Islands - Mikrokosmos unter der Lupe

Die Cayman Islands sind drei kleine Inseln (Grand Cayman, Cayman Brac und Little Cayman) unterhalb von Kuba zwischen Jamaika und Mexiko. Uns hat es nach Cayman Brac verschlagen. Obwohl, dass wir Montagmorgen von Jamaika lossegeln, kommen wir erst Freitagabend an. Arghh, dieses Unglück, am Wochenende irgendwo anzukommen, verfolgt uns regelrecht. Der Nachteil daran, am Wochenende anzukommen, besteht nämlich darin, dass die Behörden zum Einklarieren natürlich außerhalb ihrer regulären Arbeitszeiten eine Überstundengebühr verlangen. Gar nicht dumm, wenn ich bedenke, wie oft wir diese Gebühr nun schon zahlen mussten. Aber hier auf Cayman Brac haben wir Glück.

 

Gegen 18 Uhr funke ich die Port Control an und gebe ihnen Bescheid, dass wir dabei sind die Hoheitsgewässer der Cayman Islands zu betreten. Zwei Stunden später erreichen wir im Stockdunkeln The Creek, wo wir an einer Mooringtonne festmachen sollen. Hier werden wir einklarieren können. 

Das Finden der Mooringtonne gestaltet sich in der Dunkelheit allerdings wie ein lustiges Schauspiel. Während wir mit unseren Taschenlampen das Meer vor uns ausleuchten, weist uns der Lotse per Funk den Weg. Irgendwie schaffen wir es jedoch mehrmals an der Boje vorbei zu fahren oder finden Bojen, die wir nicht ansteuern sollen. Für den Lotsen ein lustiges Entertainment zur Abendstunde. Als wir die Tonne endlich gefunden haben und ich dem Lotsen funke, dass wir fest sind, bekomme ich ein herzliches: „Oh, that is good news! Welcome to the Brac!“ als Antwort. Zudem gibt er Bescheid, dass die Behörden heute noch zu uns kommen. Leider revidiert er diese gute Nachricht fünf Minuten später. Die Behörden seien am Flughafen beschäftigt, so dass sie es erst morgen früh zu uns schaffen. Sehr höflich, entschuldigt er sich drei Mal für diese Umstände. Nett hier!Wir dürfen das Schiff nun aber nicht verlassen.

 

Am nächsten Morgen kommen wir aus dem Staunen über das türkisblaue Wasser gar nicht mehr raus. Die Sicht unter Wasser beträgt bis zu 200 Metern!!!

 

Um 10 Uhr funkt uns Customs an und entschuldigt sich erneut, dass sie gestern nicht mehr kommen konnten. Wirklich nett hier!

 

In Jamaika haben wir eine ganze Nacht und einen ganzen Tag auf die Behörden gewartet und ich glaube, denen ist das nicht mal aufgefallen. Der gute Eindruck wird dann aber mit der nächsten Bitte zunichte gemacht. Und zwar bitten sie darum, doch jetzt den Kapitän sprechen zu dürfen.Ich:“ Ich bin der Kapitän. Mein Name ist Sarah.“ Darauf folgt zwei Minuten lang nix, Totenstille!!! Wir vier gucken uns alle verwirrt an. War das so ein großer Schock für sie? Nach zwei Minuten dann: „Can you please repeat!“ Ich: „I’m the captain of the vessel and my name is Sarah.“ Haha, nun fahren sie mit der üblichen Prozedur fort. Wir sollen mit dem Dingi an Land kommen, um den Herr vom Customs und einen Mann von der Mosquito Research and Control Unit abholen. Der Herr vom Mosquito Institut sprüht das Boot einmal komplett mit Etwas aus, dass schätzungsweise eingeführte Insekten abtöten soll.

 

Wie ich später lese, gibt es auf Grand Cayman den Zyka Virus. Hier auf Cayman Brac wird im Mosquito Research Institut zur Bekämpfung des Virus eine genmanipulierte Mücke gezüchtet. Diese Mücke soll auf Grand Cayman ausgesetzt und sich mit der Mückenspezies, welche den Zyka Virus überträgt (aedes aegypti) paaren. Die Nachkommen haben keine Chance zu überleben, so dass die Population so drastisch gesenkt werden soll. Interessante Sache, so ein Experiment!

 

Aber zurück zum Einklarieren: an Land fülle ich für die Immigration ein paar Formulare aus, vom Customs wird unsere Speergun konfisziert und Überstundengebühren werden nicht erhoben J

 

Da die Behörden in der Regel die ersten Einheimischen sind, denen man begegnet, fragen wir nach Möglichkeit immer viele Fragen. Auf meine Frage wie viele Einwohner Cayman Brac hat, antwortet mir der rundliche Mann vom Mosquito Instiut: „2000! That is not much. Everybody know each other.“ Hihi, ab diesem Zeitpunkt frage ich jeden den ich treffe, ob sie wirklich jeden auf der Insel kennen und mache Stichproben, indem ich auf Menschen zeige und frage wer das ist und was er macht. Unten am Meer steht gerade ein Mann, also stelle ich gleich die erste Stichprobenfrage an den Mann vom Mosquito Institut. „Wer ist das? Verkauft er was?“ „Nein, er will bloß Alkohol trinken und seine Frau mag das nicht. Deswegen kommt er hier her und tut so als würde er angeln.“ „Okay, und wer ist der alte Mann, der uns gerade hallo gesagt hat?“ „Ach der kommt jeden Morgen zum Schwimmen her. Er war mal Kapitän von Frachtern und Containerschiffen.“ Sie scheinen sich wirklich ALLE zu kennen J.  Ich weiß auch nicht warum mich das fasziniert. Wahrscheinlich, weil man anders als bei einem ländlichen Dorf, bei einer Insel nicht mal eben mit dem Auto oder der Bahn in die nächste größere Stadt fahren kann, um zwischendurch neue Menschen kennenzulernen oder einfach nur zu sehen. Außerdem fasziniert mich die Tatsache, dass es nach Aussage des Herrn von der Immigration durch die fehlende Anonymität keine Kriminalität gibt. Was für ein interessanter Mikrokosmos!

 

Wir bekommen noch viele wichtige Infos zur Insel und den Anlegeplätzen, wie zum Beispiel, dass Ankern verboten ist. Es gibt rund um die Insel mehr als 200 Mooringtonnen an denen wir jeweils für 24 Stunden liegen dürfen, was erheblich zum Schutz der Korallen beiträgt.

 

Weil wir keine Kopien der Bootspapiere haben, fährt der Herr vom Customs in sein Büro und bringt uns sogar Kopien für unsere nächsten Ziele mit und der Herr von der Immigration schmunzelt und sagt, dass bei all den Schiffen, die hier ankommen wirklich sehr sehr sehr selten eine Frau der Kapitän ist.

 

Die Leute sind nett, das bekommen wir die gesamten neun Tage, die wir hier verbringen immer wieder bestätigt.

So ist es auf der Insel beispielsweise ganz normal, dass man per Anhalter fährt. Man steigt ja nicht zu jemandem Fremden ein, schließlich kennt Jeder Jeden J Die Jungs landen gleich bei Ihrer ersten Tour per Anhalter in der Limousine des scheinbar reichsten Mannes der Insel: Scott. Wir liegen gerade vor Anker am Scotts Point. So wichtig scheint er zu sein, dass ein eigener Inselabschnitt nach ihm benannt ist. Nach zwei Tage kennen wir Scotts Buisness. Scotts Development Company Limited versorgt die Region, vor allem Little Cayman mit Stein/Sand/Kies und Zement. In dieser Umgebung fehlt es an Gestein, um z.B. dem Landrückgang entgegenzuwirken. Gestein müsste teuer aus weiter entfernten Regionen importiert werden, so dass Scott sich ein lukratives Unternehmen erschaffen hat. Wo er das Gestein herbekommt, sehen wir hautnah auf unserer Tour über die Insel. Oben auf der Steilküste der Insel geraten wir in eine Straßensperre. Die Arbeiter erklären uns, dass wir kurz warten müssen, da weiter vorne Sprengungen getätigt werden. Fünf Minuten später hören wir die Explosion und eine riesen Staubwolke wird sichtbar. Wir dürfen nun weiter fahren. 100 Meter weiter sehen wir, was hier gesprengt wurde. Wir passieren die Abbaugrube von Scott. Ein weitläufiges Loch und dutzend Maschinenfahrzeuge offenbaren sich uns. Scott trägt Cayman Brac ab, um das Gestein zu verkaufen. Für den ökologisch nachhaltig denkenden Menschen, erscheint mir das nicht gerade als beste Lösung und sieht eher nach schneller Geldmache von Scott sowie Sparmaßnahme der Abnehmer des Gesteins zu sein...

Unsere Tour über die Insel führt uns zudem in die zahlreichen „Caves“, die auf der ganzen Insel in der Steilküste vorzufinden sind. In diesen natürlichen Höhlen suchen die Einwohner Schutz, wenn ein Hurrikan über die Insel zieht. Das Bild der Höhlen ist bestimmt durch Stalaktiten. Es gibt Höhlen, die man vom Boden betreten kann; Höhlen, die sich in einigen Metern Höhe befinden und auch eine Höhle, die sich unter dem Boden erstreckt.

 

Die Anhaltertour der Jungs endete übrigens in der beliebtesten Bar der Insel (Coral Isle), zu der Sven und ich später nachkommen, um das spontane Gitarrenlivekonzert von Sören und Tammo zu verfolgen und die Menschen der Insel kennenzulernen, die sich an einem Sonntag in einer Bar aufhalten. Das Konzert kommt gut an bei der feucht fröhlichen Männerrunde und wir machen Bekanntschaft mit einigen lustigen und verrückten Charakteren.

Ansonsten gibt es auf der Insel nicht viel zu sehen. Charakteristisch ist die Bäckerei, namens Pioneer Bakery. Die kleine Bäckerei verkauft ihre Ware frei Haus und beliefert die Supermärkte mit ihren Backwaren. Im Verkaufsraum, der gleichzeitig-, Knet-, Verpackungs- und Auskühlraum ist sowie im angrenzenden Backraum herrscht ein munteres treiben. An der Wand hängt ein einziges Bild. Und zwar ein Foto von einem nett dreinschauenden alten Ehepaar. Beide tragen eine Brille, sind sehr faltig und schätzungsweise um die 70 Jahre alt. Als mein Blick durch den Raum schweift, entdecke ich die alte Frau vom Foto hinten im Raum stehen. Sie wird halb von einer Maschine verdeckt und sieht nun noch älter aus als auf dem Foto. Diese Bäckerei wirkt wie aus einer vergangenen Zeit, hat aber tatsächlich ein Facebookprofil J    

Die Tour über die Insel ist an einem Tag abgeschlossen. Bei der Autovermietung bringt mich der ca. 20-jährige Arbeiter noch zum Schmunzeln. Ich trage ein T-Shirt vom Miniatur Wunderland und er fragt mich schüchtern, ob ich dort gearbeitet habe. Nachdem ich die Frage bejaht habe, funkeln seine Augen und er fängt an vom Flughafen und von Gerrit zu schwärmen. Als wäre es ihm eine Ehre mich zu treffen, nimmt er meine Hand, strahlt mich an und sagt, dass er sich unglaublich freut uns kennenzulernen. An dieser Stelle ein Gruß nach Hamburg in die Speicherstadt ;)

 

Die Hauptattraktion auf Cayman Brac ist ganz klar die Unterwasserwelt und somit ist die Hauptbeschäftigung von uns das Schnorcheln. Da das Ankern verboten ist, sind die Riffe bis nah an die Küste heil und unglaublich Fischreich. Man kann seinen Blick stundenlang über die faszinierenden Korallenformationen und Fischaktivitäten schweifen lassen. Ich sehe sogar Haie (u.a. Nurse Shark)!! Die ersten Haie, die ich in meinem Leben sehe. Zum Glück sind es keine gefährlichen, so dass ich einfach über ihnen schwimme und sie entspannt beobachte. Naja, entspannt ist übertrieben. Es ist schon recht imposant, wenn so ein imposantes Tier unter einem auftaucht.

 

Und dann ist da noch das russische Kriegsschiff (Captain Keith Tibbetts), dass kurz vor der Küste auf 30 Metern Tiefe liegt. Es ist das einzige russische Kriegsschiff in der westlichen Hemisphäre, dass man unter Wasser bestaunen kann. Und als Segelschiff kann man direkt über dem Wrack an einer von zwei Moorings festmachen, die jeweils am Bug und am Heck des Schiffes befestigt sind. Ziemlich abgefahren über einem Kriegsschiff zu übernachten! Die Szenerie unter Wasser ist mehr als beeindruckend. Das Schiff ist in zwei Teile gebrochen und 330 Fuss lang. Der vordere Teil liegt auf der Seite, so dass man längs in das Schiff rein gucken kann. Die Bajonette sind wild mit Korallen überwuchert. Bilder, die man so schnell nicht vergisst.

 

Nicht nur das Kriegsschiff hält uns die räumliche Nähe von Cayman Brac zu Kuba vor Augen. Als wir eines Abends nach Hause kommen, liegt neben unserem Dingi an der Pier ein Flüchtlingsboot mit ca. 20 jungen Männern und Frauen an Bord. Die Beamten von Cayman Brac sind bereits zur Stelle und nehmen die Personalien der Insassen auf und überprüfen den Gesundheitszustand sowie generell die Versorgungslage auf dem Boot. Das Boot sieht martialisch aus. Eher wie ein schwimmender Container mit einem röhrenden Motor dran. Die Beamten erlauben uns, den jungen Leuten unsere Pizza zu schenken. Alle bestätigen, dass sie sehr hungrig sind und freuen sich freudestrahlend über etwas zu essen. Am nächsten Morgen fahren sie in Ihrer Nussschale an uns vorbei. Sie winken uns freudestrahlend, jubeln und tröten uns mit einer kleinen Mundtröte zu. Wir wundern uns sehr, wo sie denn nun hinfahren. Fahren sie nach Grand Cayman, wo sie besser aufgenommen werden können? Nein, die Realität ist grausam. Beim Ausklarieren erfahre ich vom Herrn vom Customs, dass die Cayman Islands ein Memorandum of Understanding mit Kuba hat. Dieses Memorandum legt fest, dass die Caymans keine Flüchtlinge aus Kuba bei sich aufnehmen. Entweder endet die Reise der Flüchtlinge hier und sie werden sofort nach Kuba zurückgeschickt, oder sie setzen ihre Reise fort. Die Behörden checken gewissermaßen nur, ob die Flüchtlinge fit sind und ob das Boot fahrtüchtig ist, um Ihre Reise fortsetzen zu können. Die Hoheitsgewässer der Cayman Islands muss das Boot allerdings innerhalb von ca. 48 Stunden verlassen.

 

Wie ich weiter erfahre, geht die Reise der Flüchtlinge dann weiter in Länder, in denen für Kubaner keine Visapflicht besteht (wie z.B. Panama). Von dort aus versuchen die Flüchtlinge auf dem Landweg über die mexikanische Grenze in die USA einzureisen. Seit 1966 gilt nämlich der „Cuban Adjustment Act“, der Kubanern ein Bleiberecht bewilligt, wenn sie über den Landweg in die USA reisen. Nach einem Jahr erhalten Sie dann sogar ein unbefristetes Aufenthaltsrecht.

 

Der Weg über Land durch Zentralamerika ist für die Flüchtlinge allerdings extrem gefährlich und endet für viele tödlich. Ein kubanischer Pass stellt quasi eine Eintrittskarte in die USA dar und ist somit auf dem Schwarzmarkt ein sehr gefragtes Gut. Laut der Taz sind im letzten Jahr 40 000 Kubaner über den Landweg in die USA eingereist.

 

Während die Flüchtlinge guter Laune darüber waren, es bis zu den Caymans geschafft und sich über die nette Behandlung seitens der Behörden gefreut haben, wissen diese, dass die Gefahr für die Flüchtlinge eigentlich ab hier erst richtig beginnt. Was für eine scheußliche Realität!

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit im Mikrokosmos von Cayman Brac nehmen wir Anker auf und freuen uns auf unser nächstes Abenteuer: Mexiko!!!

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