Jamaica –  Land of the Homegrown

 

Die Eindrücke von Jamaica in Worte zu fassen, fällt mir irgendwie schwer. Jamaica ist das erste Land auf unserer Reise, bei dem wir das Gefühl haben, auf einem anderen Planeten gelandet oder in eine vergangene Zeit gereist zu sein.

 

Beim Spazieren durch das Zentrum von Kingston offenbaren sich uns Szenarien, bei denen wir uns wie Luke Skywalker fühlen, der auf seiner Mission auf einem der vielen Planeten des Universums gelandet ist.

 

Wir sind mitten in der Menschenmenge und dem bunten Treiben des täglichen Lebens der Jamaikaner, erregen aber überhaupt keine Aufmerksamkeit. Die Menschen gehen an uns vorbei, als wären sie in einer Wolke, blicken nicht nach links oder rechts, sind irgendwie total in ihren Gedanken oder ihrem Schaffen versunken.

 

Es ist laut. Aus allen Richtungen ertönt Reggea-Musik, Lastwagen fahren durch die Gassen und aus den Läden dröhnt in Endlosschleife Marktgeschrei, das die Kunden auf den Laden aufmerksam machen soll.

 

Der Markt ist enorm groß. Wir bummeln durch Straßen mit Klamottenläden, durch riesige überdachte Areale sowie durch Straßenstände mit Haushaltswaren oder Obst und Gemüse. Die Stände, die nicht unter einem Dach stehen, haben Planen über Ihren Laden oder auch über Ihren Laden und dem Nachbarladen oder auch über den Weg oder einfach kreuz und quer gespannt. So kommt es, dass man beim Bummeln durch diese Marktstände den Himmel vor lauter blauen Planen gar nicht mehr sieht. Die Planen sind zudem alle auf „kurz über Sitzhöhe“ gespannt, so dass man sich, im wahrsten Sinne des Wortes dauerhaft seinen Weg durch die Planen schlägt. Nach einer Weile fragt mich Sven, ob es denn hier wohl auch „normale“ Läden gibt.

 

Was für uns so fremd wirkt ist die Art der Unternehmen. Es handelt sich nämlich ausschließlich um Kleinstunternehmen. Wir gehen an kleinen Schreinereien vorbei, in denen Schminkkommoden, Bettgestelle usw. von Hand angefertigt werden, an Läden, in denen Töpfe, Pfannen sowie klassische Waagen für die Küche aus Emaile hergestellt werden, an Läden, die ausschließlich Holzkohle verkaufen, an Läden, die in China produzierte Klamotten anbieten und an einer Menge Haushaltswarenstände.

 

Einen Stand, der Haushaltswaren verkauft, kann man sich ewig angucken und findet immer wieder neue Produkte, die verkauft werden. Reissiebe, Salzbeutel, Frischhaltefolie, Streichhölzer, Hacke, Macheten, Damenbinden, Besteck, kleine Beutel mit Waschmittel, Seife, Teppiche, Flaschen mit merkwürdigen Flüssigkeiten usw. Außerdem einen Spiegel. Sörens Mission ist es nämlich einen Spiegel für seine Koje zu finden. Tatsächlich zieht die Verkäuferin aus irgendwelchen Untiefen einen einzigen Spiegel hervor.

Es ist ein Handspiegel mit einem großen Plastikrand samt niedlichen Verschnirkelungen. Einen anderen gibt es nicht. Nach hartem Verhandeln mit der Verkäuferin geht der wunderhübsche Spiegel in Sörens Besitz über. Hier auf Jamaika scheinen die Frauen das Ruder in der Hand zu haben. Auf dem Markt treffen wir auf knall harte Händlerinnen, die Ämter sind reichlich mit Frauen bestückt und von den Einheimischen wird uns durchweg bestätigt, dass die Frauen die Macherinnen sind. Ob das am Weed liegt, dass den Männern besser schmeckt als den Frauen, das wäre jetzt eine zu gewagte These. Apropo, das Weed, das gibt es hier natürlich auch an jeder Straßenecke. Gras wurde in Jamaika nämlich dekriminalisiert und jeder Haushalt darf drei Pflanzen besitzen. Die Information, wie viele Pflanzen man haben darf, variiert dabei von Erzähler zu Erzähler und als ich frage, was denn mit Haushalt gemeint ist, weiß das auch keiner zu konkretisieren. Fakt ist, dass es auf Jamaica ein Überangebot an Gras gibt. Zum Spaß fragen wir am Marktstand, an dem auch Obst und Gemüse verkauft wird, wie viel wir denn für 5 $ bekommen würden. Ich kann nur sagen, es ist irrational viel. Also in Relation zum deutschen Markt soooo viel, dass ein leidenschaftlicher Kiffer in Jamaica ziemlich glücklich wäre.    

 

Das bunte Treiben auf dem Markt und die Art der Läden, bzw. die vielen verschiedenen Eindrücke beglücken uns mit Euphorie. Grinsend verlassen wir den Markt.

 

Mit Schironn liegen wir vor dem Royal Jamaica Yacht Club vor Anker. Das kostet uns 12 Euro für Schiff und zwei Personen. Jede weitere Person kostet 2 Euro. Dafür dürfen wir aber Internet, Pool, Duschen etc. in der Marina mit benutzen.

 

Man ist hier ganz schön abgeschottet vom Zentrum Kingstons und insbesondere die Szenerie vor Anker ist sehr einsam. Wir sind das einzige Segelschiff und blicken in der Ferne auf die Lichter der Innenstadt sowie auf die Industrie- und Gefängnisanlagen rundherum. Das Jamaica sehr gefährlich sein soll, davon haben wir aber zum Glück nichts mit bekommen.

In der Marina treffen wir auf sehr nette Einheimische, die wir mit Fragen über Jamaica löchern sowie zugezogene Charaktere wie z.B. Paul Noble. Paul Noble war in den 60ern ein DJ bei Radio Caroline, dem ersten Privatradio Großbritanniens. Radio Caroline sendete als Piratensender von einem Schiff aus, um das Verbot von privatem Radio zu umgehen. Der Radiosender trägt eine wichtige Bedeutung bei der Verbreitung neuer Pop- und Rockmusik und ist aus heutiger Sicht richtig revolutionär gewesen. Entsprechend wilde und spannende Geschichten bekommen wir aus dem Leben von Paul Noble zu hören. Ich hoffe sehr, dass er eines Tages seine Memoiren veröffentlichen wird.

 

Das Landesinnere ist hügelig und beschert uns schöne Wasserfälle und Spaziergänge durch tropische Vegetation.

 

Die Zeit verfliegt mal wieder wie im Flug und ehe wir uns versehen, ist es auch schon Zeit den Anker zu lichten. Das Ausklarieren dauert dann erneut einen ganzen Tag, verläuft aber nett und problemlos.

Weiter geht’s zu den Cayman Islands.

 

Nächster Bericht: Cayman Brac - Mikrokosmos unter der Lupe

Kommentar schreiben

Kommentare: 0