Isla Beata – garstiges Inselabenteuer

 

Langsam kommen wir an die Orte der Welt, auf die wir uns besonders gefreut haben, nämlich an Orte, die man nur mit dem Schiff erreichen kann und an denen bisher wenig Menschen waren: verlassene Inseln; zum darauf leben zu klein oder auf Grund ihrer Beschaffenheit für den Menschen lebensunfreundliche Inseln.

 

Zu dieser ersten Insel führt uns der Umstand, dass wir nicht genug Wind zum Weitersegeln haben. Seit dem wir Punta Cana auf der Dom Rep verlassen haben, tuckern wir in Minimalgeschwindigkeit übers Meer. Unsere täglich zurückgelegten Seemeilen sind ein Witz und kurz vor der Grenze zu Haiti schläft der Wind schließlich komplett ein. Zusätzlich brauen sich am Morgenhimmel Gewitter mit düsteren Wolkenformationen zusammen.

 

Alles schreit nach einem Zwischenstopp auf der vor der Dom Rep vorgelagerten Insel Beata. Kaum liegen vor Anker, zieht das Unwetter auch schon über uns hinweg. Der Ankergrund besteht aus Korallenstein, so dass unser Anker eher schlecht als recht liegt. Ich stehe am Fenster und warte regelrecht darauf, dass der Anker slippt. Und das tut er 10 Minuten später auch. Im strömenden Regen sowie extremen Wind hole ich den Anker hoch und Sven kämpft uns unter Motor von der Küste der Insel weg. Isla Beata heißt uns nicht sehr willkommen!

 

In etwas weiterer Entfernung vom Land werfen wir den Anker erneut. Der Grund scheint aber überall nicht gut zu sein, so dass der Anker eine gefühlte Ewigkeit über Grund zieht und ich daher gerade schon beschließe, den Versuch aufzugeben, als mich im strömenden Regen ein heftiger Ruck umwirft. Okay, der Anker sitzt jetzt wohl. Wo auch immer er sich einhaken konnte, wir sind nur froh, dass wir fest sind und dass wir aus den nassen Klamotten raus können.

Sobald alle wieder wach sind und der Regen sich verzogen hat, wird Mission Isla Beata oder kurz Mission Beate gestartet. Ich packe den wasserdichten Rucksack und schwimme mit Sören und Tammo an Land. Beate empfängt uns erneut nicht mit offenen Armen. Der Weg an Land ist mit Seeigeln gespickt und das Land ist kein normales Land, auf das man sorglos spazieren kann. Es ist irgendein picksiges Gestein oder Koralle. So einen fiesen Bodenuntergrund habe ich noch nie gesehen!

 

Nachdem wir es an einer Stelle schaffen, aus dem Wasser zu kommen und eine Felsmauer hochzuklettern, sind wir bereit die Insel zu erkunden. Aber nee, Beate ist noch garstiger: aus dem garstigen Boden auf dem man kaum laufen kann, ragen überall Kakteen, Büsche mit Dornen oder dichtes Gestrüpp empor. Kein Durchkommen durch diese Vegetation. Keine Chance! Was für eine garstige Insel!

 

Ein Stück weiter an der Küste entlang führt dann doch eine Art Weg in das Dickicht, dem wir sehr engagiert folgen. Meine Hoffnung, dass der picksige Boden irgendwann zu einem normalen Boden wird, löst sich schnell in Luft auf. Beate ist eine riesige garstige Koralle! Wie wir in meinem ethnologischen Klassiker „Kollaps“ von Jared Diamond später lernen, heißt das Gestein aus dem die Insel besteht „makatea“ und die Insel ist tatsächlich ein Korallenriff, dass durch geologische Verschiebungen aus dem Wasser gehoben wurde.

 

Der Weg führt immer weiter ins Innere der Insel. Wir biegen zweimal links ab und dann endet plötzlich der Weg. Und was macht der schlaue Großstädter? Dreht sich dreimal im Kreis, läuft wild drauf los und Schwups weiß er nicht mehr wo er ist. Alles sieht gleich aus, vom Weg keine Spur mehr zu sehen, die Sonne steht exakt über uns, so dass sie zur Peilung der Himmelsrichtungen wenig hilft und keiner von uns hat auf die Mission Beate einen Kompass, Wasser oder eine Machete mitgenommen...

 

Ja, und Mr. „ich geh nicht ohne Überlebensgadgets aus dem Haus“ Sven ist bei Schironn geblieben. Und jetzt? Wir sind wirklich verloren!

 

Unsere einzige Möglichkeit ist, zu orten in welcher Richtung sich das Meer befindet. Da wir weit im Inselinneren sind, kann man in diesem Dickicht nicht weiter als ein paar Meter sehen. Also müssen wir auf Bäume klettern, um uns einen besseren Weitblick zu verschaffen. Das Meer ist jedoch so weit weg, dass man es auch von einer Anhöhe nicht sehen kann. Zum Glück erstreckt sich von Norden nach Süden längs über die Insel eine Steilwand, die wir von den Bäumen partiell sehen können. Wir müssen uns also von der Steilwand fortbewegen, um zum Meer zu gelangen. Da ja aber kein Weg in Sicht ist, schlagen wir uns durch dichtes Gestrüpp und sind nach kurzer Zeit alle vollkommen zerkratzt, voll mit Dornen, vollkommen verschwitzt durch die schwüle Hitze und teilweise sogar nah der Verzweiflung gegenüber dieser fiesen Beate! Irgendwann nachdem wir bestimmt einmal im Kreis gelaufen sind, entdecke ich einen Baum, den ich auf dem Hinweg fotografiert habe. Von hier waren es ca. 10 Minuten bis zu den ersten Fotos, die ich an der Küste gemacht habe. Wir sind also wieder auf unserem Weg! Von hier peilen wir nun in kleinen Abständen die Richtung in die wir gehen müssen, indem wir alle paar Meter auf einen Baum klettern. Der Weg, den wir gekommen sind, sieht aus dieser Richtung so gar nicht mehr wie ein Weg aus, sondern muss wirklich alle paar Meter neu überdacht werden. Schließlich gelangen wir tatsächlich zurück zu unserem Ausgangspunkt, von dem wir erleichtert Schironn erblicken. Das war wirklich ein Outdoorerlebnis, das gezeigt hat, dass man es auch ohne Kompass schafft seinen Weg zu finden, aber uns deutlich gemacht hat, dass man im Rucksack einfach immer Kompass, Wasser und Machete dabei haben muss! Ich bin indes trotzdem super glücklich darüber, dass ich endlich mal wieder auf so viele Bäume klettern konnte.

 

So und jetzt heißt es noch ins Wasser zu kommen, ohne in den Seeigelminen zu landen und schnell zurück zu Schironn zu schwimmen, um dort literweise zu trinken. Sören lässt seine Schuhe, dessen Sohlen komplett von Beate aufgerissen wurden konsequent an Land zurück. Die Jungs schaffen es unter Krämpfen zurück zu Schironn J.

 

Wir beschließen, die Nacht hier zu bleiben. Aber nach Sonnenuntergang umkreisen uns drei Fischerboote. Als ich sie mit „guten Abend“ auf Spanisch anspreche, ergreifen sie panisch die Flucht. Das irritiert uns doch etwas und wir fragen uns ernsthaft was sie von uns wollen. Da wir nun eh Nachtwache halten müssen, um zu schauen, was die Fischerboote im Schilde führen, entscheiden wir uns weiter zu segeln. Mission Beate wird hiermit beendet!

 

Wahrscheinlich wollten die Fischer nur an ihre Fischreuse, über der wir zufälligerweise genau geparkt hatten und waren zu schüchtern, näher an uns ran zu kommen. Aber man weiß ja nie. Und für die Fischer ist es dann ja auch besser, dass wir ihnen ihre Reuse wieder frei gegeben haben.

 

Nächster Bericht: Morant Cays – verlassene Fischerinseln in jamaikanischem Territorium

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Kommentare: 1
  • #1

    Christoph (Mittwoch, 01 Juni 2016 08:32)

    gelernt: Ein Fotoapparat/Smartphone ist auch ein Überlebensgadget