Dominikanische Republik – gefangen im Paradies

Zwei Tage segeln wir von den US Virgin Islands in die Dominikanische Republik. Die Strecke und die Wetterbedingungen sind ein Traum. Mit stetem Rückenwind segeln wir 12 Seemeilen vor Puerto Ricos Küste entlang. Segelschiffe sieht man hier nun weit und breit keine mehr. Und auch die größeren Schiffe, die uns begegnen, können wir an einer Hand abzählen. Es ist eine von diesen längeren Fahrten bei denen ich den ganzen Tag an der Nähmaschine sitze und Lederarmbänder, Kissenbezüge, Taschen oder ähnliches kreiere, Sven am Schiff rum handwerkert und wir die Nachtwachen draußen oder im Wohnzimmer zusammen verbringen.

Das wir auf See sind, fällt mir bei diesen entspannten langen Touren irgendwann kaum mehr auf und ich muss mich regelrecht 10 Minuten raus setzen, nix tun und mir wieder ins Bewusstsein rufen, dass wir gerade mitten auf dem Ozean sind, der sich über 2000 Meter tief unter uns ausbreitet. Schon ein bisschen verrückt. Ich glaube, nach diesem halben Jahr, kann ich wirklich sagen, dass ich auf dem Meer zu Hause bin. Die Anzahl der Tage und Nächte auf dem offenen Meer haben sich so massiv erhöht, dass es mein Alltag geworden ist.

 

Was soll ich sagen, zurück zu unserem Weg zur Dom Rep. Wir sind uns bis kurz vor Ankunft nicht ganz sicher, welchen Ort wir ansteuern. Einen Revierführer haben wir nicht, so dass wir uns auf ein paar Informationen, die wir im Internet abfotografiert haben, beziehen müssen. Bei den meisten dieser Berichte wird erzählt, dass Ankern in der Dom Rep verboten ist, dass das Einklarieren ziemlich lange dauert, die Behörden extrem korrupt sind und man bei jedem Ortswechsel wieder Ein- und Ausklarieren muss. Zudem sei die ganze Prozedur alles andere als günstig.

 

In der Marina von Punta Cana haben wir ab dem 4.4. einen Platz reserviert. Das ist aber erst in vier Tagen. Nach langem hin und her überlegen, ob wir erst in den Süden fahren und dann langsam wieder an die Ostküste zurück fahren, entscheiden wir uns doch für die scheinbar sichere Variante und steuern Punta Cana an.

 

Kurz vor Punta Cana erreiche ich die Marina per VHF. Leider gibt es zwei Marinas, von denen nur eine in der Seekarte verzeichnet ist und wir können uns beide nicht mehr an den Namen der Marina erinnern bei der wir einen Platz reserviert haben.Naja, zur Not ziehen wir eben einmal um. Hauptsache wir haben erst mal eine sichere Ankunft. Wie sich herausstellen wird, haben wir nicht bei dieser Marina reserviert und wie sich herausstellen wird, werde ich es als enormen Glücksfall betrachten, dass wir zunächst in dieser Marina gelandet sind.

 

Die Einfahrt in die Marina ist nämlich richtig abenteuerlich und unsere Seekarte von Navionics zum ersten mal richtig schlecht! Wir steuern Richtung Land, als die Marina uns per VHF anfunkt und im hektischen Ton schreit: „Schironn, bitte dreht sofort um! Ihr fahrt in gefährliches Territorium. Sofort umdrehen! Schironn bitte kommen! Sofort umdrehen!“ Krass, wir sind genau auf das Riff zugefahren. Die Einfahrt in die Marina ist nämlich links, rechts und auch dazwischen von einem Riff umzingelt, so dass man wirklich nur eine ca. 3 Meter breite Einfahrt hat, die durch Bojen gekennzeichnet ist. Zum Glück kommt uns nun ein Speedboot entgegen, das uns durch die Einfahrt leitet.

 

Wie sicherlich schon erwähnt, werde ich vor den Anlegemanövern im Hafen richtig nervös. Man weiß halt nie, was einen erwartet und mit nur zwei Mann an Bord hat man schon Angst, dass irgendwas nicht gut laufen wird. Außerdem ist das unser erstes Anlegemanöver seit drei Monaten (!). Meine Nervosität erweist sich zum Glück als völlig unbegründet. Uns wird ein großer Platz längs an der Kaimauer zugewiesen und es warten bereits fünf Männer, die die Leinen entgegen nehmen. Ich bin begeistert und erleichtert. Meine durch Adrenalin angestiegene Nervosität kann sich so, bei einem Gespräch mit den vielen Männern neben Schironn, getrost wieder in den neutralen Zustand zurück begeben.

 

Auf der Dom Rep ist es verboten das Schiff zu verlassen, bevor man ordentlich einklariert ist. Das heißt, nun gilt es auf die Behörden zu warten. Als erstes kommt ein Mann in Tarnanzug mit einem Begleiter an Bord. Sie setzen sich mit uns ins Wohnzimmer und füllen ein Formular aus. Wie ich verfolge, wird allerdings nur das nötigste ausgefüllt und das zusätzlich abgekürzt, so fern es zu lang ist. Mein Name wird kurzerhand mit Sarah G. abgekürzt J.

 

Das ich der Kapitän bin, sorgt für besonderes Erstaunen und Getuschel unter den beiden Männern. Nach 5-10 Minuten stillem Zusammensitzen (die Englisch - Spanisch Kommunikation läuft eher schlecht als recht) betreten fünf weitere Uniformierte unser Wohnzimmer. Sie werden in der Tür von den beiden bereits Anwesenden als Erstes darüber informiert, dass ich der Kapitän bin und nicht der Mann. Es herrscht großes Staunen, bei allen denen, die diese Information mitbekommen haben. Nachdem alle sieben einen Platz an unserem Wohnzimmertisch gefunden haben, geht es super gelaunt und geschwätzig her. Es wird sich herzlich begrüßt, gequatscht und gelacht. Jeder packt seine Formulare aus und dann werden unsere Reisepässe rumgereicht.

 

Es ist wie in einer Schulklasse in der dauerhaft gequatscht und deswegen jede Frage fünf mal gestellt wird. Nachdem der Erste Fragen gestellt hat, um sein Formular „vollständig“ auszufüllen, fängt nun der Nächste an und stellt von neuem Fragen wie „Wie heißt das Schiff? Wer ist der Kapitän? Welche Nationalität?“ Das geht dann sieben mal so. Wenn es um die Kapitänsfrage geht, geht immer wieder ein Raunen durch die Menge. Sie ist der Kapitän, korregiere la capitania. Die Männer sind alle höchst erstaunt, wissen zunächst gar nicht, wie sie auf mich reagieren sollen und fangen dann meistens an ein wenig zu flirten. Ein bisschen Gezwinker ist da durchaus drin. Die Frau von der Immigration feiert mich richtig. Wild gestikulierend erhebt sie freudig die Stimme für alle Frauen auf dieser Welt und schlägt dann mit mir leidenschaftlich ein. Haha, so gefällt mir das ;)

Hier fängt es also schon an, dass eine Frau als Kapitän alles andere als normal ist. Ich bin wirklich sehr gespannt, was uns noch so alles erwarten wird.

 

Nachdem wir 120$ bezahlt und ich etliche Formulare unterschrieben habe, sind wir durch mit den Formalitäten an Bord. Entgegen der Horrorberichte, die wir im Internet gefunden haben, fanden wir die große lustige Runde bei uns an Bord richtig nett und von Korruption war bei uns keine Spur.

 

Mal schauen, wo wir denn hier eigentlich gelandet sind. Es scheint ganz so, als seien wir im Hobbyhochseefischerparadies. Die ganze riesige Marina ist voll mit teuren Motoryachten, die für den Hochseesport ausgerüstet sind. Ich finde es gruselig! Also nicht das Hochseeangeln an sich, schließlich haben wir kurz vor der Dom Rep auch zwei enorme Thunfische gefangen. Gruselig finde ich nur die Aufmachung der Boote, bzw. speziell das Phänomen „Kampfstuhl“. Jeder Bootsbesitzer versucht sich in Design und Kosten seines Kampfstuhles überbieten zu wollen. Diese Stühle sehen aus wie Gynäkologenstühle und naja, sind hier bei einigen Booten bestimmt 8000 Euro wert. Wahnsinn!

 

Entsprechend ist der Ort hier auch sehr merkwürdig. Es fühlt sich ein bisschen an wie in Dubai in einem Appartmentkomplex oder wie in der Hafencity in Hamburg. Alles scheint zu geplant zu sein und es gibt scheinbar zu wenig Menschen, als dass das Areal mit Leben gefüllt werden könnte. Alles ist künstlich, unbelebt und eingezäunt. Wegstrecken werden ausschließlich mit dem Auto oder dem Golfcar zurückgelegt und die Restaurants sowie der kleine Supermarkt sind schweineteuer L

Dafür sind allerdings die Strände ein Traum. Wie aus der schönsten Urlaubsreklame, die man sich vorstellen kann. So wunderschön weiße Strände mit dutzenden Palmen und einem Licht, dass jede Fotografie wunderschön aussehen lässt. Man kennt die Dom Rep ja bei uns nur durch den Pauschaltourismus. Dieses Klischee hatte für mich bis heute so eine abschreckende Wirkung, so dass ich freiwillig die Dom Rep nicht als Urlaubsziel gewählt hätte. Aber man kann es wirklich nicht anders sagen, es ist richtig hübsch hier!!!!!!!!!!!!!!!

 

Am nächsten Tag wollen wir rüber in die Nachbarmarina, in der wir den Platz reserviert haben. Die ist nämlich viel billiger, so dass wir nach Möglichkeit spätestens morgen umziehen wollen. Obwohl die Marinas nur durch eine Meerzunge voneinander getrennt sind, schaffen wir es nicht mit dem Fahrrad dort hinzukommen. Das Resort gleich neben der Marina hat sich mit einer hohen kilometerlangen Mauer von der Marina abgegrenzt. Wir folgen der Mauer, aber befinden uns irgendwann fast am Flughafen. Wir fahren den ganzen Vormittag rum und passieren dabei etliche Straßensperren. Es sind wirklich alle paar Kilometer Wachposten, die kontrollieren, wer man ist und wo man hin will. Wir durften sogar durch welche nicht durch und mussten dann einen Bogen wieder zurück fahren. Typischer Fall von Gated Community. Es scheint durchaus nicht so sicher zu sein auf dieser Insel.

 

Naja, da wir mit dem Fahrrad nicht an unser Ziel gekommen sind, geht’s mit dem Dingi kurz rüber, et viola, in 2 Minuten sind wir da und bekommen bestätigt, dass wir morgen rüber kommen können.

 

Das Umparken erweist sich dann als Alptraum und wie anfangs erwähnt, bin ich sooooo heilfroh, dass wir nicht gleich hier gelandet sind. Dieses Einparkmanöver mit zwei Mann wäre kaum möglich gewesen. Nun waren wir zum Glück zu viert, da wir Spontanbesuch von meinem Bruder und seiner Freundin erhalten haben. Was soll ich sagen, die Jungs von der Marina wollten uns in eine 6,30 m breite Lücke reinlotsen. Wir sind 6,24 m breit!!! Haha, Witzbolde! Zumal in dieser Marina ordentlich Swell reinkommt. Wir sind uns alle nicht einig, denn die Jungs versuchen alles, damit wir die Lücke nehmen, aber wir weigern uns und legen vorne am Steg an. Hier planen wir alle zusammen, wo wir stehen können. Es ist eine ganz kleine Marina und die zwei Plätze wo wir stehen könnten sind beide belegt.

 

Letztendlich wird ein Platz an einer Ecke gefunden und wir setzen zum Anlegemanöver an. Zu diesem Manöver kann ich nur sagen: hektisch, chaotisch, Leine nicht über Poller bekommen, Swell drückt uns an den anderen Pfeiler, unser Dingi haut am Steg fast die Laterne um, schwitz schwitz schwitz., aber schlussendlich sind wir fest. Genau das war eines dieser Anlegemanöver, vor denen ich immer Angst habe. Danke an dieser Stelle an Sascha und Andrea für ihre Hilfe.

 

Nun befinden wir uns also auf der anderen Seite der Mauer. Das heißt, wir kommen nicht mal mehr zum Supermarkt. Wir sind komplett abgeschottet. Zur anderen Seite erstreckt sich nämlich nur kilometerlang Resort an Resort.

 

Dafür offenbart sich ein Kilometer neben unserer Marina ein Areal, auf dem ein verlassenes Resort steht. Es handelt sich um das ehemalige Punta Cana Spa and Beach Resort, dass wohl Anfang 2000 aufgegeben wurde. Man spaziert durch einen leeren Pool, der von der Natur zurückerobert wird, einer Lobby, einer Rezeption, einem Restaurant mit Blick aufs Meer, Hotelzimmer, Appartmenthäusschen, Mitarbeiter Wohn- und Essareale, Sportplätze, Lager- sowie Technikräume und alles ist leer und verlassen. Als wären alle Menschen außer uns gestorben. Das Areal ist unendlich groß und wir entdecken jeden Tag neue Dinge. In den Hotelzimmern befinden sich Tonnen von Akten der damaligen Touristen, bei der Wechselstube finden wir Ausdrucke mit Namen und Kreditkartennummern, in dem großen Raum über dem Empfang stapeln sich Kaffemaschinen, Geschirr und Mobiliar. Es ist genau der richtige Spielplatz für uns.

 

Und zwischendurch geht’s dann neben den Mangroven schnorcheln, wo mir glatt ein Rochen gegen das Bein schwimmt.

 

Mit einem Tag Verspätung kommen dann Tammo und Sören an und wir machen uns bereit für den Sprung nach Jamaica.

 

Das Ausklarieren verläuft noch netter als das Einklarieren, schließlich kennt man jetzt schon den Einen oder Anderen. Bei den neuen Gesichtern gibt es wieder großes Staunen, dass ich der Kapitän bin. Die Gesichtsausdrücke werde ich definitv in meinem Gedächtnis speichern. Es ist meistens ein Blick, der Staunen, Unglauben und Bewunderung gleichzeitig ausdrückt. Oft werde ich dann mit großen Augen und offenen Mund eine halbe Minute gemustert oder die Männer kichern wie 16 jährige Mädchen, weil sie einfach nicht wissen, wie sie reagieren sollen.

 

Nach den Formalitäten wird unser Schiff noch schnell „durchsucht“, sprich, es wird in den einen oder anderen Schrank, unters Bett und in alle Kojen geschaut und schließlich verabschieden sich alle gut gelaunt und sehr nett von uns.

 

Jamaica, here we come!

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