Saint Maarten- Ein Seglererlebnis, dass man selber eigentlich nicht erleben wollte

Philipsbourgh auf Saint Maarten ist ein ziemlich komischer Ort. Man kann hier steuerfrei einkaufen. Und das sieht optisch und preislich quasi genau so aus wie in Gibraltar. Gleiche Läden, gleiche Ware, gleiche Preise und scheinbar, genau wie auf Gibraltar, alles in indischer Hand.

 

Nach unserem Einklarierungsmarathon spazieren wir durch die Einkaufs- und Strandmeile und wundern uns doch sehr, für wen denn bloß diese vielen Geschäfte sind. Kunden sehen wir nämlich keine.

Die Läden, Restaurants und der Strand sind komplett leer. Wir wundern uns auch, dass am Strand hunderte von Strandliegen gestapelt rumstehen. Wann werden die wohl alle benötigt? Zwei Stunden nach dem Einklarieren finden wir uns dann merkwürdigerweise auf einem Bierbike wieder, mit dem wir die Strandpromenade entlang fahren.

 

Bierbike? Ja, genau, diese gruseligen Fahrräder, auf denen Junggesellenabschiede in Deutschland zelebriert werden oder einfach nur grundlos von einer Horde besoffener Männer zur eigenen Bespaßung missbraucht werden. Wie kommt denn bloß ein Bierbike hierher?? Man weiß es nicht, aber es gibt scheinbar auch hierfür keine Kunden. Das große Bike wird nämlich von drei etwa 9-jährigen Jungen gefahren. Haha, die perfekte Einladung für uns, die Bierbike Crew zu komplementieren. Die Jungs erzählen uns, dass sie das Bike jeden Tag fahren. Es scheint niemanden zu stören.

 

Wir fahren die Pier entlang und bekommen noch einen weiteren Weggefährten: Mr. Butterfly aka „Nice people have nice names“. Mr. Butterfly kommt mir sehr bekannt vor und schnell merke ich, dass er der Obdachlose ist, den ich heute morgen beim Joggen wahrgenommen habe. Er schlief auf einer Liege, neben der ich mich gedehnt habe und den ich, super erschrocken, dann erst sehr spät bemerkt hatte. Hallo Mr. Butterfly, du bist also unser neuer ortskundiger Mensch, den wir alles über diesen Ort und seine Menschen fragen können.

 

Aber zurück zum Ort Philipsburgh. Das hier alles günstig sein soll, können wir nicht bestätigen. Ein Dingi Kauf ist damit passé. Wir ergattern statt dessen zwei Kinderbetten, also zwei Schaumschoffmatratzen, die durch Zufall exakt auf unsere Außenbänke passen und zahlen hierfür nur 120 $. Mit dieser Variante haben wir nun ein neues Gästebett und ein riesen Outdoorchillbereich. Die nächsten Tage bin ich damit beschäftigt, mit der Nähmaschine Polsterkissenbezüge zu nähen. Der Überzug soll ja regenfest sein. Sven repariert den Ferryman und baut neue Kühlwasserpumpen in die Motoren ein.

 

Zwei Tage vergehen und der Ort ist weiterhin leer. Und dann am dritten Tag schaue ich morgens zum Strand und sehe, dass alle Liegen und alle Sonnenschirme aufgebaut wurden. Der Strand ist nun komplett bestückt. Was ist denn hier los? Als ich mich in die andere Richtung drehe, verstehe ich: drei Kreuzfahrtschiffe haben angelegt. Krass. Dann dauert es auch nicht mehr lang und plötzlich sind überall Menschen. Die Liegen am Strand sind voll, die Restaurants und Geschäfte ordentlich beschäftigt, um uns herrum fahren kleine Fähren, die Menschen von den Kreuzfahrtschiffen an den Strand bringen und der Jetskiverleih blüht. Wow! Gegen 16 Uhr wird der Ort wieder schlagartig leer und die Kreuzfahrtschiffe laufen nacheinander aus. Dieses Szenario wiederholt sich ab diesen Tag jeden Tag, und zwar mit bis zu 5 Kreuzfahrtschiffen, die gleichzeitig anlegen.

 

Leider muss ich bei den meisten anrollenden Menschen immer an den Film Wall-E denken und wie wahrheitsgetreu die Darstellung der Menschen in diesem Film schon geworden ist. Insbesondere beim Anblick vieler Engländer verschlägt es einem die Sprache. Wie auch immer, für Philipsbourgh bedeutet dieser Massenturistrom definitiv gutes Einkommen.

 

Nun aber zu der eigentlichen Geschichte, die ich erzählen wollte:

In der letzten Nacht haut es uns so richtig raus aus der schönen Seglerromantik.

Gegen 2 Uhr nachts wache ich auf und habe das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Ich bin auf der Couch eingeschlafen und daher nur drei Schritte davon entfernt, um nach dem Rechten zu schauen. Nach dem ersten komischen Geräusch, bin ich noch zu verschlafen, um mich zu regen. Beim zweiten komischen Geräusch kreisen meine Gedanken vehement darum, schnell aufzustehen und nach dem Rechten zu sehen. Als die Glocke unserer Uhr dann läutet, fliegt der Gedanke „Hallo, eine Glocke, hörst du nicht das Zeichen? Steh auf und geh gucken! Merk es doch endlich, die Glocke läutet schon!“ durch meinen Kopf und ich schwinge mich endlich flux von der Couch.

 

Puhh, aber mit dem was ich jetzt sehe, habe ich gar nicht gerechnet. Wir sind nicht mehr an unserem Ankerplatz. Die anderen Schiffe sind alle weg. Ich erkenne nix von der Umgebung wieder. Total verwirrt, glaube ich schon, ich sei verrückt. Aber dann verstehe ich endlich: „Sven, wir treiben aus der Bucht. Wir sind bestimmt schon eine halbe Seemeile von unserem Ankerplatz entfernt! Wir haben den Anker verloren!!!!! “ Krass!! Die Sicht ist super schlecht und wir treiben genau auf die Steilküste zu. Unter Motor geben wir Vollgas und tasten uns im Dunkeln zurück zur Ankerstelle.

 

Unser großer Anker ist komplett weg. Der Bolzen hat sich gelöst. Krass!

 

Am Ankerplatz werfen wir den Zweitanker und schauen uns das alles nochmal ganz genau an. Es grenzt an ein Wunder, dass wir keines der Schiffe, die hinter uns geankert haben, gerammt haben. Schironn ist genau durch eine Lücke durchgetrieben. Wenn ich mir das so angucke, ist es mehr als Glück im Unglück, dass wir niemanden gerammt haben!

Die restliche Nacht halten wir Ankerwache und im Morgengrauen soll es dann auf die Suche nach unserem Anker gehen.

 

Ja, und während ich morgens draußen an meinem Handy sitze und Sven auch schon rumläuft, schaue ich auf und sehe, dass wir schon wieder slippen und schon fast auf den Katamaran hinter uns auffahren. Wir haben den Zweitanker auch verloren!!!

 

Zwei Anker weg in einer Nacht. Was ist denn hier los? Beim Zweitanker ist das Ankerseil gerissen. Wie unwahrscheinlich ist das denn????

 

Und jetzt? Wir haben keinen weiteren Anker an Bord, also was tun? Zum Glück guckt etwas neben uns eine große Mooringtonne aus dem Wasser. Nützt nix, egal für wen die eigentlich ist, wir müssen uns da jetzt fest machen. So sind wir erst mal fest und können von hier aus auf die Suche nach unseren Ankern gehen. Sven findet den Zweitanker recht schnell, so dass wir mit diesem gleich wieder vor Anker gehen. Ich begebe mich anschließend auf die Suche nach unserem Erstanker. Statt des Ankers finde ich allerdings erst mal ein paar große Flügelrochen, die mich beim Schnorcheln begleiten. Und dann auf dem Weg zurück zur Schironn, entdecke ich genau vor unserem Schiff den Anker auf dem Grund. Yippie, zwei Anker verloren und beide wieder da. Zum Glück haben wir einen Katamaran und ankern sofern es geht, immer auf 3 Meter Tiefe. So kann Sven gut zum Anker tauchen und wir hieven den großen Anker mit festgemachter Leine per Hand wieder aufs Schiff. Dennoch sind wir nach diesem Erlebnis mit dieser Bucht definitiv durch. Also sehen wir zu, dass wir schnell ausklarieren und gegen Mittag segeln wir auch schon davon.

 

 

Nächster Bericht „British Virgin Islands: Das ist doch Alienmaterie, oder?“ folgt in Kürze

 

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