Atlantiküberquerung - Seenotrettung mitten im Atlantik

Ich liege in der Koje und höre draußen plötzlich jemanden am Satellitentelefon sprechen:

 

Bremen Rescue: „Ist das ein Notfallanruf?“

Crewmitglied: „Ja, ja, ja, ein Notfall, dies ist ein Notfall!“

Bremen Rescue: „Müssen Sie abgeborgen werden?“

Crewmitglied: „Ja, ja, ich muss abgeborgen werden!“

Bremen Rescue: „Okay, dann sehen wir mal was wir für Sie tun können.“

Was war passiert?

Bei unserem Crewmitglied waren zwei Tage zuvor Schmerzen im Bauch aufgetreten. Unser Arzt für alle Fälle wurde kontaktiert und gebeten, uns die Symptome, die bei einer Blinddarmentzündung auftreten, detailliert zu beschreiben. Fieber und Krämpfe waren nicht bekannt, aber die Schmerzen ließen sich ab dato nicht durch Schmerzmitteln lindern.  Am dritten Tag setzt unser Crewmitglied einen Notruf bei Bremen Rescue über das Satellitentelefon ab, da er „es keinen Tag länger mehr aushalte“. 

Dass unser Crewmitglied einen Mayday Call tätigen wird, war uns als Crew vorab nicht bekannt.

 

Wir befinden uns mit unserem Segelschiff irgendwo mitten auf dem Atlantik zwischen den Kapverden und Barbados. 440 Seemeilen liegen die Kapverden hinter uns. Wir befinden uns bildlich gesprochen also so richtig am Arsch der Welt. Hier verkehrt kaum Berufsschifffahrt, auch Kreuzfahrtschiffe sind hier selten unterwegs, wir sehen seit Tagen Nichts und Niemanden.

Und dennoch beginnt hier die Geschichte, an der so viele Menschen, verteilt auf unterschiedlichen Kontinenten, beteiligt sind. Eine von diesen Geschichten, bei der erst durch mehrere Perspektiven die Realität wiedergespiegelt werden kann. Auf Barbados haben wir den Bericht vom Segelreporter erhalten und Details erfahren, die für uns bis dato vollkommen unbekannt waren. Von mir gibt es nun meine subjektive Perspektive der Geschehnisse.

 

Bremen Rescue leitet sofort nach Eingang des Notrufs alle zur Verfügung stehenden Maßnahmen ein. Es werden zunächst Satellitenbilder geordert. Zum einen um uns exakt zu orten. Zum anderen um zu schauen, ob Schiffe in unserer Nähe sind, die uns eventuell Hilfe leisten können. Mich interessiert hier übrigens sehr, wo diese Bilder angefordert werden. Tätigt man einen Anruf bei einer Institution, wo sich dann ein Mitarbeiter an den Joystick setzt, die gewünschte Stelle auf der Welt mit dem Satelliten anvisiert, ranzoomt und die gewünschten Bilder macht? Oder hat Bremen Rescue die Möglichkeit selber auf Satelliten zurück zugreifen? Man weiß es nicht. Aber es fühlt sich merkwürdig an, zu wissen, dass nun ein Satellit auf uns gerichtet wird, um uns zu fotografieren. Man kann ja auf solchen Bildern mittlerweile haargenaue Details erkennen...also lieber erst mal die Leinen aufräumen, damit es auch ordentlich aussieht ;).

 

Im nächsten Schritt werden alle Schiffe in unserem Umkreis, die medizinische Hilfe leisten könnten, per Funk um Hilfe gebeten. Zudem erfolgt eine Anfrage beim amerikanischen und europäischen Militär. Bremen Rescue meldet sich in den nächsten Stunden mehrfach bei uns, um neue Entwicklungen, Pläne oder Planänderungen durchzugeben. Wir sind sehr beeindruckt, wie gut die Welt der Schifffahrt vernetzt ist und welche Kontakte der deutschen Seenotrettung für den Notfall zur Verfügung stehen. Zunächst scheint der Plan zu sein, dass uns ein 900 Seemeilen entferntes spanisches Hospitalschiff zur Hilfe kommen wird. In etwa 54 Stunden wäre dies bei uns. Kurze Zeit später erhalten wir einen erneuten Anruf. Planänderung: nicht das spanische Hospitalschiff nimmt sich unser an, sondern eine französische Fregatte, die sich etwa 600 Seemeilen entfernt von uns befindet. Sie wäre in etwa 30 Stunden bei uns.

 

Die französische Fregatte meldet sich kurze Zeit später per Satellitentelefon und wir bekommen die Anweisung, ihnen „as fast as possible“ mit Kurs 108 entgegen zu fahren, was uns jedoch nicht möglich ist. Der Wind kommt aus Osten, so dass der maximale Winkel der für uns zu segeln ist, 130 Grad ist. Mit zweimal 27 PS Motoren gegen 25 Knoten Wind und Wellen bis zu 3 Meter Höhe wäre auch motoren sinnlos.

 

Die Fahrt auf Kurs 130 gegen Wind und Welle wird nun richtig unangenehm. Die Genua ist fast komplett gerefft und trotzdem ist extrem Druck auf dem Segel. Schironn kämpft sich durch die massiven Wellen von der Seite und von Vorne. Es kracht und schaukelt in einer sehr unangenehmen Art und Weise. Wenn wir noch 30 Stunden so weiter fahren, sind wir nachher auch ein Seenotfall. Einen Motorschaden oder eine defekte Genua, das wäre jetzt noch der Supergau. Wir probieren unser Bestmöglichstes und überstehen die Nacht schlaflos, aber zumindest ohne Schäden!

Den gesamten nächsten Vormittag und frühen Mittag stehen wir  dann mit Bremen Rescue und der französischen Fregatte in Kontakt. Selbst die Captain Sarah Internetseite wird nun mit einbezogen, um uns an Hand dort veröffentlichter Fotos besser ausmachen zu können.

 

Okay......, hallo Welt, dies sind wir ;).

 

Der Tag gestaltet sich segeltechnisch durch die Wellen weiterhin sehr unangenehm: ein Schritt vor, zwei gleich wieder zurück. Genau wie bei Dinner for One. Apropo, Dinner for one... so ein Drink könnten wir auch bald mal vertragen!

Gegen 15 Uhr klingelt unser Satellitentelefon erneut. Wir entnehmen dem Gespräch, dass die Fregatte bereits in 45 Minuten bei uns sein wird. Ui, wie haben sie das so schnell gemacht? Nach ca. 45 Minuten bekommen wir auf Kanal 16 UKW einen Call. Ein Mann sagt, dass er in 2 Minuten bei uns sein und uns für zwei Stunden begleiten wird.  Wir  verstehen nur noch Bahnhof. Wie, zwei Stunden begleiten? Ich frage nach. Er wiederholt, dass er in 30 Sekunden bei uns ist, er ist von der Airforce: ein Flugzeug!!!! Und dann, kaum ist der Satz über Funk beendet, donnert mit ohrenbetäubender Lautstärke ein Militärflugzeug im Tiefflug -fast auf Masthöhe - über uns rüber.

Oh mein Gott! Dieser Augenblick, der für immer im Gedächtnis bleibt, der einen in einer so abgefahrenen Situationen, mit allen Sinnen in die Realität schubbst, der ist eigentlich kaum in Worten zu beschreiben!!

Das Militärflugzeug  fliegt nun zwei Stunden enge Kreise und hält währenddessen Funkkontakt zu uns. Der Pilot stellt diverse Fragen und übermittelt Fragen des Arztes an Bord der Fregatte: wie ist der Blutdruck des Patienten, welche Medikamente wurden eingenommen, welchen Kurs werden wir nach der Abbergung einschlagen, wie viel Personen sind an Bord, wie sind dessen Namen usw.

 

Ich würde am liebsten noch tagelang weiter mit dem Piloten funken, so betörend ist seine Stimme. Nachdem er sich schließlich nach zwei Stunden flirtend und gleich drei mal hintereinander verabschiedet sowie einen sensationellen flügelwacklenden Abschiedsflug hinlegt, ist es voll und ganz um mich geschehen. Das nenne ich mal einen filmreifen Flirt. Eine Liebesgeschichte für Hollywoods Drehbücher ;). Wann wird man schon mal von einem charmanten Mann im Flieger umkreist? Haha...

Naja, er ist nun wieder zurück in seinem Stützpunkt in Dakar und ich habe ja meinen Admiral J.

 

Die nächsten Stunden sind dann wieder sehr zehrend. Die Wellen zerlegen Schironn, wir sind alle übermüdet, unser Patient von Emotionen übermannt. Ab 23 Uhr stehen wir per Satellitentelefon wieder mit der Fregatte im Kontakt. Sie sind in zwei Stunden bei uns. Per UKW geht die Kommunikation dann ab 24 Uhr weiter. Sie rufen uns ständig auf der 16, aber scheinen mich nicht zu hören. Ist unsere Sprechvorrichtung des UKW Geräts nun plötzlich kaputt? Verzweifelt probieren wir alles am Gerät aus. Nix! Aber die Fregatte hat zum Glück ihre Nummer auf dem Satellitentelefon übermittelt, so dass ich da einfach mal frech anrufe. Erstaunlich, dass sie die preisgeben.

 

Auf jeden Fall geht sofort jemand ran und sagt mir, dass sie mich per UKW hören, aber nur sehr schwach und deswegen in 20 Minuten wieder funken. Na toll, dass hätten sie mir ja auch per Funk sagen können, dann wären wir nicht so um Sorge um unsere Technik gewesen!

 

Um ca. 1 Uhr werden wir informiert, dass die Fregatte in etwa 30 Minuten bei uns ist. Kurz darauf sehen wir die Lichter bereits am Horizont. Um besser manovrierfähig zu sein, holen wir die Genua rein und fahren unter Motor auf die Fregatte zu. Diese gibt uns die Anweisung Kurs und Geschwindigkeit beizubehalten. Sehr vorsichtig tasten sie sich an uns ran. Per Funk hört man, dass sie sehr misstrauisch und ernst uns gegenüber sind. Sie fragen sogar, warum wir denn keine Segel oben haben, wir seien doch schließlich ein Segelschiff.  Zudem bitten sie uns, alle weißen Lichter außen am Schiff auszumachen!

In ca. einer halben Seemeile Entfernung lassen sie unauffällig ihr Schlauchboot ins Wasser. Sie haben keine Beleuchtung an, um nicht gesehen zu werden. Sie machen Fotos von uns, durchleuchten uns mit Wärmebildkameras und umkreisen uns mit dem Schlauchboot, an dessen Spitze zwei Soldaten hinter einem Maschinengewehr hocken, welches sie auf uns richten. Schließlich nähert sich die Fregatte und umkreist uns ebenfalls. Wenn wir jetzt irgendeine falsche Bewegung machen, würden sie sicherlich sofort agieren, daher lieber keine hektischen Bewegungen machen.

Die ganze Szenerie ist wahnsinnig!

 

Wir stehen oder sitzen alle wie angewurzelt an einem Platz, bewegen uns so wenig wie möglich, schweigen und gucken. Was bleibt uns gerade anderes übrig. Es ist wirklich ein gaaaaanz merkwürdiges Gefühl, eingekreist zu werden und Zielscheibe der Fregatte zu sein. Das hier fühlt sich nicht nach Seenotrettung an, sondern nach einem Anti- Terroreinsatz, mit uns als potentiellen Terroristen. Krass! Also wirklich einfach nur krass!

 

Das Schlauchboot kommt an unsere Steuerbordseite gefahren, hakt sich ein und vier französische Navys springen an Bord. Sie verteilen sich und sichern das Schiff ab. Aber ein bisschen schüchtern kommt von jedem doch ein „Hi, we are the french navy“. Nun kommen ein Arzt und eine Krankenschwester an Bord, die sich dem Patienten annehmen. Das Maschinengewehr wird auch abgebaut.

 

Ich werde unterdessen ins Kreuzverhör genommen. Mein Perso wird gefilmt und ich werde immer und  immer wieder gefragt, warum wir nicht den angeortneten Kurs gefahren sind. Meine Erklärung, dass wir den gewünschten Kurs nicht segeln konnten und es mit unseren leistungsschwachen Motoren auch nicht möglich war, dauerhaft zu motoren, hat so semi überzeugt. Auch warum wir nun nicht weiter nach Mindelo auf den Kapverden fahren, wo sie den Patienten hin bringen, können sie überhaupt nicht verstehen. Dennoch werde ich aus dem Kreuzverhör entlassen.

 

Schließlich wird unser Crewmitglied und sein Gepäck mit aufs Schlauchboot genommen und so schnell wie sie gekommen sind, sind sie dann auch schon wieder weg. Ich frage per Funk, ob es okay ist, dass wir nun wieder auf unseren alten Kurs in Richtung Barbados gehen und bekomme ein „Roger". Wir hissen die Segel, gehen auf Kurs und plötzlich wird das Segeln mit dem Wind und den Wellen wieder leise und angenehm.

 

Wir bleiben allerdings ziemlich verwirrt zurück und reden reden reden.

Zu mindestens versuchen wir uns mit Worten zu erklären, was da gerade alles passiert ist und wie krass das war.

Da wir alle mit dem Notruf überrumpelt wurden, frage ich, wie es dazu kommen konnte, und ob so eine Maßnahme nicht zuvor mit der gesamten Crew erörtert hätte werden müssen. Letztendlich kommen wir aber zu dem Ergebnis, dass dies nichts an dem Geschehenen geändert hätte. Ein Erwachsener Mann ist wohl durchaus in der Lage seine Situation einzuschätzen und wenn jemand für sich die Entscheidung fällt, dass er es nicht einen Tag länger aushält und sich in Todesgefahr sieht, dann hätten wird definitiv  nicht über seine Empfindung hinweg entscheiden können, dass es noch irgendwie 14 Tage gehen wird, geschweige denn einen geplatzten Blinddarm riskieren wollen.

 

Wie es dem Patienten ab Verlassen des Bootes  erging, ist dann wohl wieder eine Geschichte, die nicht von mir erzählt werden kann. Wir wüschen an dieser Stelle alles Gute!

 

Roger and out.


Siehe auch Bericht des Segelreporters

http://segelreporter.com/panorama/blinddarmentzuendung-franzoesischer-marine-rettet-deutschen-kat-segler-mitten-im-atlantik/

Blinddarmentzündung: Französische Marine rettet Deutschen Kat-Segler mitten im Atlantik

 

Rettung in letzter Minute

 

25.01.2016 von Michael Kunst

 

Rettung auf Hoher See, Katamaran, Seenot

 

Die Zodiacs der “L’Adroit” längsseits der “Schironn” – Rettung in letzter Minute © Marine Nationale

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Linus (Mittwoch, 24 Februar 2016 19:43)

    Wow spannende Story! Hoffe ich sehe Euch bald irgendwo auf der Welt wieder - und zwar froh und munter =D

    Ich drücke Euch und wünsche Euch nur das beste Wetter !!!

    Linus