Atlantiküberquerung - Passat auf Abwegen

So eine lange Ozeanüberquerung ist ja schon irgendwie eine spezielle Art, um große Strecken zu bereisen. Wenn man länger drüber nachdenkt, ist es heutzutage eigentlich die einzige Art zu reisen bei der man in der Regel auf der gesamten Strecke keine anderen Menschen trifft, nicht kurz mal anhalten kann, um sich einen Snack zu besorgen oder bei anfallenden Reparaturen eine Werkstatt aufsuchen kann. Im Prinzip lässt es sich mit einer Weltraumreise vergleichen.    

Eine Fahrt mit einem Spaceshuttle ist wahrscheinlich wirklich ähnlich. Körper und Geist sind dauerhaft latentem Stress ausgesetzt, Kommunikation zur Außenwelt funktioniert nur über Funk oder Satellitentelefon, man ist mit kleiner Crew auf engem Raum in einer Maschine gefangen, wenn etwas kaputt geht, heißt es selber reparieren und hoffen, dass ggf. passende Ersatzteile an Bord sind, Lebensmittel halten solange sie halten, dann sind sie weg, Bewegungen für den Körper sind eingeschränkt und irgendwie lebt man ganz allgemein gesagt einen surrealen Alltag  in immer gleicher Szenerie. Man ist also so richtig von der sogenannten menschlichen Zivilisation abgeschnitten.

 

Eine Atlantiküberquerung bedarf also einer guten Vorbereitung. Bei uns hieß das: Leichtwindsegel und angerissene Wante, die vorne zwischen den Rümpfen gespannt ist, reparieren lassen, Wassermacher mit Mühe und Sorge zusammenbauen und im Schiff ordentlich verbauen, Wäsche waschen, Splinte, Bolzen und Rigg kontrollieren, Rumpf abtauchen, Motoren checken sowie Schironn immer und immer wieder nach Auffälligkeiten absuchen. Zudem hieß es einen Großeinkauf für vier Mann zu tätigen.  Da man sagt, dass eine Atlantiküberquerung in der Regel nicht länger als einen Monat dauert - der Passat ist schließlich recht konstant und die Wellen schieben einen zusätzlich ordentlich an - haben wir den Einkauf auf etwa 30 Tage ausgelegt (dennoch Devise: lieber mehr als zu wenig, insbesondere Grundnahrungsmittel). Mit vier Mann ist es gar nicht so leicht zu planen, was und wie viel man wovon braucht. Zudem ist es gar nicht einfach im Supermarkt dann auch wirklich die Einkaufswagen vollzuschaufeln. „Braucht man wirklich so viel“, geht einem ständig durch den Kopf. Am Ende hatten wir 6 Einkaufswagen in zwei Supermärkten und in über 4 Stunden voll. Puuhh, ich glaube, diese Einkauferei ist am Ende das Anstrengenste an der gesamten Reise ;). Zum Glück wird auf Gran Canaria der Einkauf bis zum Schiff geliefert ;).

 

Wir fühlen uns auf jeden Fall gut vorbereitet und sind zu unserem gesetzten Termin am 7.1. für die Weltraumreise in die schöne Welt, namens Karibik bereit.

 

Aber weil ja immer irgendwas ist, offenbart uns die Wettervorhersage am Vorabend der Abreise ein gruselige Nachricht: nördlich des Passatgürtels braut sich ein riesen Sturm zusammen. Laut Vorhersage wird dieses Tiefdruckgebiet unsere Tour stark beeinflussen. Zunächst einmal klaut er sich den Passatwind, saugt ihn weg und soll uns dadurch viel Flaute sowie sehr stark wechselnde Winde bis hin zu Gegenwind bescheren. Auf der Passatroute Gegenwind? So eine Voraussage haben wir in den gesamten letzten paar Jahren, in denen wir den Passat verfolgen noch nie gesehen! Zudem ist bisher nicht klar, wie tief der Sturm runter ziehen wird. Angeblich sollen seine Ausläufe bis auf die Höhe der Kapverden ziehen.

Wir entschließen uns die Kapverden anzusteuern. Auf Höhe der Kapverden werden wir dann, an Hand aktueller Vorhersagen, entscheiden, ob wir hier einen Stopp einlegen oder, sofern der Passat wieder normal verläuft, gleich weiter segeln.

 

Die vorhergesagte Wetterirritation offenbart sich dann schon gleich hinter Las Palmas und wird uns dauerhaft bis zu den Kapverden begleiten: Gegenwind, kein Wind, schnell wechselnder Wind, hohe Wellen, Kreuzwellen, Starkwind, Orkanböe, alles querbeet mit dabei und immer wieder anders. Auf jeden Fall haben wir erst mal nix vom Passat.

 

Unsere Tour starten wir unter Motor, da der Wind ganz merkwürdig gegen uns geht und dann ganz versagt. Dies stellt sich im Nachhinein gesehen als großes Glück heraus. 12 Seemeilen hinter Las Palmas verstummt nämlich der Motor auf der Steuerbordseite: Luft im System. Reperatur- und Startversuche sind vergebens, so dass wir gleich wieder umdrehen müssen. Zurück in Las Palmas legen wir uns schnell vor Anker, holen eine neue Batterie und begeben uns gegen 21.30 Uhr wieder auf Fahrt. Wie gesagt, man würde denken: „Fängt ja nicht so gut an.“ Aber in diesem Fall kann man wirklich nur sagen: „Puhh, Glück gehabt, dass der Motor nicht erst mitten auf dem Atlantik versagt hat!“

 

Die nächsten Tage sind geprägt durch Flaute, schwachen wechselhaften Wind, ständige Segelwechsel und viele viele Delphine, die uns mehrfach am Tag aufsuchen und lange begleiten.

Zumindest bringt der Wind  mit sich, dass die neue Crew schnell jegliche Segelwechsel lernt. Aber jeden Tag sitzen wir alle zusammen und fragen uns, wie sehr wir wohl von dem Sturm getroffen werden. Die Meinungen gehen stark auseinander. Letztendlich können wir nur warten. Aber grundsätzlich ist eben die Gewissheit da, dass im Norden der Wind wütet und das Unwetter definitiv nach Süden ziehen wird. Aktuelle Wettervorhersagen erhalten wir täglich per Satellitentelefon.

Der Wind ändert sich nun tatsächlich jeden Tag, so dass wir die ersten 10 Tage mindestens einmal am Tag die Segel ändern oder den Motor starten müssen. Ganz und gar nix mit fauler Haut im Passat!

Der fünfte Tag beschert uns besonders wechselhaftes Wetter: Flaute; Wind aus Nordost; Wind von Norden; Flaute; drehender Wind... Das heißt, Genua und Groß hoch für Raumschotkurs, dann Wechsel auf Schmetterling, Genua und Groß rein, Gennacker hoch, Gennacker runter, Genua raus, Genua rein, Motor an.  In der Nacht dreht der Wind  mehrmals innerhalb von 2 Sekunden um 180 Grad und pustet uns Starkwindboen um die Ohren.

 

Die nächste Nacht wird dann noch krasser. Am frühen Abend erreicht uns die Nachricht, dass sich ein neues Tiefdruckgebiet gebildet hat und heute Nacht über uns rüber ziehen wird. Wir sollen das Schiff UNBEDINGT sturmfest machen. Gesagt, getan. Alles wird verstaut, verzurrt und extra befestigt.  Als wir dann abends gemütlich am Tisch sitzen und unseren frisch gefangenen Bonito in Form von Sushi essen, wird der Wind plötzlich lauter. Oha, wir sind schon auf über 40 Knoten! Da sollten wir doch kurz unser Sushi essen unterbrechen. An dieser Stelle mal ein Hoch auf Katamarane! In einem Mono wäre ein Essen in dieser Form, wo alles einfach so auf dem Tisch steht, auch bei 40 Knoten Wind (!) definitiv nicht möglich!

Wir reffen die Genua, essen zu ende und gehen alle (ausgenommen dem Wachhabenden ) zu Bett. Ein paar Stunden später werden wir dann von über 60 Knoten Wind aus der Koje geholt. Wahnsinn! Windstärke 11! Orkanböe!!!

 

Aber Schironn, mit nur leicht gereffter Genua, macht gar keinen Mucks und schippert unbeeindruckt durch die Starkwindböen! Ich wiederum kann es immer noch nicht glauben die 60 auf unserem Windanzeiger gesehen zu haben!

Die Nacht bleibt rough, mit dauerhaften 30-35 Knoten Wind und großer Welle. Aber Schironn fährt uns mit 5 Knoten Geschwindigkeit gemütlich durch die Nacht.

 

Erst ab dem 10. Tag auf See ist das Tiefdruckgebiet abgezogen und der Passat setzt wieder in gewohnter Form ein. Wir machen also keinen Stopp auf den Kapverden und steuern auf Kurs 265 Grad Barbados an. Der Passat ist ab sofort richtig heftig und bläst tagelang mit um die 25 Knoten Wind. Die gewohnten Squalls bleiben fast ganz aus, aber ehrlich gesagt, haben wir nach allem Erlebten vor denen ganz hochnäsig gar kein Respekt mehr. Am Ende sucht uns dann noch eine kleine Flaute heim.

Wettertechnisch war diese Atlantiküberquerung auf jeden Fall eine Herausforderung und ganz und gar nicht, wie wir uns das vorgestellt hatten. Mit dem Schiff, mit dem wir vor knapp 2 Jahren den Atlantik überquert haben, wären wir bei diesen Bedingungen definitiv abgesoffen!

 

Die meisten fragen sich wahrscheinlich, warum man so etwas überhaupt freiwillig macht: Entbehrung, Gefahr und Stress.

Die größte Herausforderung ist zudem, dass man auf jeder Ebene mit sich selbst konfrontiert wird. Zum einem ist da die viele Zeit, die man auf engem Raum zur Verfügung hat. Man wird damit konfrontiert, ob man sich tagelang selbst beschäftigen kann, welche Interessen man eigentlich hat oder auch wie man die  freie Zeit zu Hause verbringt. Zum anderen sind da die Extremsituationen, die Gewissheit auf hoher See fernab von allem zu sein.  Da ist der Schlafmangel, der durch die Nachtwachen entsteht. Und gegebenenfalls sind da Ängste, die einem Heimsuchen und mit denen man sich auseinandersetzen muss. Wie verhalte ich mich in hektischen Extremsituationen? Wie geht mein Unterbewusstsein damit um, dauerhaft im Wachzustand zu sein, da jederzeit irgendetwas passieren könnte usw.

Und nicht zuletzt sind da die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wie verhalte ich mich mit drei Menschen auf so engem Raum, welche Dynamiken entstehen, wie werden alltägliche Rituale, wie kochen oder Ordnung halten, gemaneged? Welche unterschiedlichen Ansichten und Charaktere geraten aneinander? Für mich ist dies nun die zweite Atlantiküberquerung zusammen mit meinem Lebenspartner und zwei mir vorher völlig fremden Männern. Wenn man da nicht ganz unreflektiert und blind ist, lernt man sehr viel darüber, wer man eigentlich ist, wo seine Schwächen und Stärken liegen und wie andere Menschen  auf einen klar kommen oder wie man selber auf andere Menschen auf so engem Raum klarkommt. Ich kann nur von meinen beiden Atlantiküberquerungen sagen, dass es am Ende immer zu angespannten Situationen kommt, dass man sich früher oder später wünscht, einfach mal einen Tag niemanden zu sehen oder einfach diese immer gleiche Szenerie mit den gleichen Menschen zu verlassen. Im Große und ganzen unterzieht man sich einem echten menschlichen Experiment. Und ich kann wirklich nicht verstehen, wie es sein kann, dass in Las Palmas dutzende junge Leute spalier stehen, um mit einem fremden Boot und einer fremden Crew über den Atlantik  zu fahren. Alle die uns nach einer freien Koje gefragt hatten, waren sogar komplett ohne Segelerfahrung. Sorry, aber ich finde die gehen da alle sehr naiv an die Sache ran!

 

 

Lange Rede kurzer Sinn, ich weiß nicht warum man so etwas mit macht. Aber ich würde auch nach dieser Überfahrt  den Atlantik noch ein drittes Mal überqueren. Und auch sofort an einer Weltraumreise teilnehmen J.

Perspektiven zu sehen, die nicht  alltäglich sind und ich darf sie in meinem visuellen und emotionalen Gedächtnis abspeichern. Mega! Zudem finde ich, dass man nicht besser wachsen kann, als sich ständig selbst herauszufordern und durch oben genannte zwischenmenschliche Dynamiken unglaublich viel über seine charakterlichen Stärken und Schwächen lernen kann.

 

Sven am 29. Tag auf See: „Ich habe das Gefühl, schon immer auf dem Atlantik gewesen zu sein. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie es ist an Land zu sein. Alle Erinnerung sind so, als hätte ich nur etwas darüber im Fernsehen gesehen. Aber dennoch, könnten wir wirklich langsam mal ankommen!"

Haha, wie eine Gehirnwäsche so eine lange Fahrt auf See ;)

 

Nach 31 Tagen Tour und 5200 Kilometern haben wir die Atlantiküberquerung geschafft. Barbados here we are!

 

Atlantiküberquerung Teil 2: "Seenotruf" und Teil 3 "Mein Highlight auf der Atlantiküberquerung" …comming up soon...

  

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