Gibraltar und die Fahrt nach Tarifa

Wir halten in Gibraltar, weil wir den Tipp bekommen haben, dass es hier extrem günstigen Diesel gibt. Der Däne, der mir das erzählt hat, war sooo glücklich über den Diesel für 49 Cent, dass ich unter seiner strahlenden Anleitung gleich alles notiert habe und für uns Gibraltar als richtiger Zwischenstopp sofort fest stand.

 

Als ich nun hier so im Bett liege, vor Anker auf der spanischen Seite von Gibraltar - umringt von einer Flugzeuglandebahn, einer Öleraffinerie, etlichen Tankern und vielen anderen ebenfalls

ankernden Yachten - frage ich mich, warum man eigentlich diese Meerenge, die durch ihre geographische Lage eh schon viel befahren und durch die sehr schwierigen Strömungs- und Windbedingungen gekennzeichnet ist, zusätzlich zu einem "Tankmekka" macht? Die Tanker stehen vor Gibraltar Schlange. Also wirklich im wahrsten Sinne: um überhaupt hier in die Bucht zu kommen, schlängelt man sich kilometerlang an ankernden oder minimal treibenden Tankern vorbei. Und das bei heftiger Strömung und in der Regel starkem Wind und hohen Wellen.

 

Also warum macht man das, dass man die Tanker anzieht wie gammeliges Obst die Fliegen?

 

Am nächsten Tag umgehen wir erstmal die Grenzkontrollen, indem wir einfach mit dem Dingi auf die britische Seite fahren und dort in der Marina an Land gehen. (Grenzkontrollen in Europa? Abgefahren!) Und nach unserem Landgang, macht dann alles irgendwie Sinn. Das kleine, merkwürdig anmutende, sich gerade mal auf 6,5 Qkm erstreckende Fleckchen Erde sprüht vor Leben, Geschäftigkeit und freundlicher Energie. Klar, welchen Anreiz hätte man sonst, sich hier niederzulassen, und wie sollte sich so ein kleiner Wirtschaftshaushalt sonst mit positiven Zahlen schmücken? Der strategische Nutzen Gibraltars als Knotenpunkt zwischen Mittelmeer und Atlantik ist durch neue hochtechnologisierte Waffen und technologische Möglichkeiten lange nicht mehr so wichtig. Zudem führt der Besitzanspruch der Engländer über Gibraltar bis heute zu Spannungen mit Spanien. Sprich, die Ausgangslage ist an sich nicht wirklich attraktiv.

 

Durch die, von Gibraltars Regierung geschaffene, Steuer-und Zolloase allerdings werden hier extrem viele Arbeitsplätze geschaffen und der Tourismus floriert. Etliche Firmen verlegen aus Steuergründen ihren Firmensitz nach Gibraltar, überall werden Immobilien gebaut (als Voraussetzung für die Firmenanmeldung braucht man einen Wohnsitz). Viele viele Touristen kommen zum shoppen und dann noch den günstigen Diesel, der den Ort auch für die Schifffahrt so interessant macht. Also viel Attraktivität auf kleinem Raum 👍

 

Unser Eindruck von Gibraltar ist im Großen und Ganzen richtig positiv und unser Urteil lautet: "alles richtig gemacht". Die Menschen sind extrem freundlich, multikulturell, unglaublich nett und strahlen eine wunderbare Zufriedenheit aus (natürlich nur unser oberflächlicher Eindruck nach einem Tag, aber wir haben wirklich lange nicht so viele übertrieben nette Menschen an einem Tag getroffen). Außerdem ist der Affenfels definitiv einen Besuch wert. Unter anderem kann man weite Teile der insgesamt 50 Km langen Tunnel im Felsen besichtigen. Natürlich komplett bespickt mit Kanonen zur Abwehr von Invasoren. Hier ging es kriegstechnisch ja irgendwie durchgehend richtig ab. Einige Bilder von damals mit den brennenden Schiffsflotten sind wirklich beängstigend. Da freue ich mich doch heute vom Fels zu schauen und friedlich wartende Tanker und diverse Segelboote mittendrin zu sehen.

 

Fazit: die Revierführer haben recht, wenn sie sagen, dass Gibraltar ein "Muss" für jeden Segler ist. Für uns ist es genau der richtige Abschied vom Mittelmeer. Ciao ciao und bis bald!

 

Und so machen wir uns munter auf den Weg, aber natürlich nicht ohne das Auslaufen akribisch auf die Uhrzeit zu setzen, bei der die Strömung am wenigsten gegen uns ist, damit wir auch wirklich hier raus kommen. Und natürlich auch nicht ohne vorher zu tanken. Das erste mal tanken 😊. Der Tankwart erwidert mir auf meine Aussage, dass wir ein bisschen aufgeregt sind ganz treffend mit "aber das ist eine gute Aufregung, findest du nicht?"

 

Der Tankwart ist der Beste: er erkennt die Schironn gleich als wahre Perle und lästert bitterböse über die neuen "Plastikboote" und zum Abschluss wird uns sooooo oft "gute Fahrt" und "Viel Glück" gewünscht, dass wir strahlend und glücklich davon fahren. 400 Kilo schwerer, aber dafür nur 194€ ärmer. Getankt: 396 Liter!!!

 

Endgegner des Mittelmeeres: wir kommen!!! 😄

 

Die Strömung nimmt uns ein bisschen Geschwindigkeit, aber an und für sich kommen wir einwandfrei vorwärts. Kurz vor Tarifa macht sich der Endgegner schließlich doch noch an uns zu schaffen: 30 Knoten Wind und wahnsinnige Wellen. In kurzen Abschnitten rollen sie von hinten unter uns durch und lassen uns zum ersten Mal aus dem Ruder laufen. Es fühlt sich genau an wie das Karussell "Dancer" auf dem Hamburger Dom. Nur, dass es keine Gondel ist, die über eine Plattform im Kreis nach links und rechts geschleudert wird, sondern unsere Schironn. Wir staunen nicht schlecht darüber, wie die Wellen uns mutwillig von links nach rechts ziehen können. Die Schironn tanzt also in den Wellen, wir mit der lauten Musik im Cockpit und eh wir uns versehen, sind wir an der Landzunge von Tarifa. Die Wellen werden ruckartig wieder kleiner und scheinen fast zu stehen. Man sieht quasi die zwei Strömungen, die hier aufeinandertreffen. Wahnsinn. Kurz 30 Knoten von der Seite ertragen und dann fahren wir auch schon neben den Kitesurfern in der Bucht von Tarifa ein. Hier werden wir die Nacht Ankern, damit wir den viel befahrenen Verkehrstrennungsweg, der den Schiffsverkehr in die Meerenge von Gibraltar leitet, nicht bei Nacht Richtung Afrika kreuzen müssen.

 

Endgegner besiegt. Hallo Atlantik!

Blick auf den Affenfelsen
Blick auf den Affenfelsen

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