Mit Wind und Welle auf dem Heimweg in Villasimius/ Sardinien

Schironn
Schironn

Die Bucht ist am Morgen traumhaft ruhig. Ich wache auf und bin für einen kurzen Augenblick regelrecht orientierungslos, weil das Schiff überhaupt gar nicht wackelt. Das Meer ist Spiegel glatt. Es ist immer wieder faszinierend, wie der Wind und das Meer sich verändern. Wir sind jetzt drei Nächte hier in der Bucht und von hohen Wellen auf denen sogar Surfer gesurft sind, bis spiegelglatt war jetzt schon alles dabei. Ich finde das wahnsinnig schön und kann gar nicht oft genug betonen, dass ich mir nichts witzigeres vorstellen kann, als dass man in einem Bett schläft, bei dem man nie richtig voraussehen kann, wie es vom Wind geschaukelt wird und welchen Blick man aus dem Fenster wohl als nächstes präsentiert bekommt.

 

Heute ist Sonntag. Nach dem Frühstück entscheiden wir, dass wir in die andere Seite der Bucht wechseln. Dort ist die richtige Marina und die Mechaniker sind dort anwesend. Da wir immer noch den Autopiloten reparieren müssen, sind wir in der gegenüberliegenden Bucht also näher am Geschehen.

 

Wir befinden uns jetzt gerade auf dem südostlichsten Zipfel von Sardinien. Momentan liegen wir auf der Ostseite des Zipfels und wollen nun rüber auf die Westseite. Die Landzunge ist von unserem Ankerplatz bis rüber zur Marina nur ca. 1 km breit. Zu Fuß brauchen wir also gerade mal 15 Minuten.

 

Die Fahrt mit Schironn um die Spitze der Landzunge zur Marina wird dafür länger und unangenehmer als erwartet. Wir lagen so schön ruhig in unserer Bucht, dass wir gar nicht mitbekommen haben, was für ein starker Wind aus Westen bläst. Genau aus der Richtung in die wir nun wollen. Die Wellen türmen sich entsprechend gegen uns und wir kommen selbst unter Motor nur mäßig schnell voran. Verdammt. Das heißt jetzt auch, dass wir die schöne windgeschützte, ruhige Bucht für eine neue Bucht aufgegeben haben, die direkt im Wind liegt. Kein schützendes Land wird mehr zwischen uns und den bis zu 30 Knoten Wind sein.

 

Nach dem wir den Anker auf 5 Meter Tiefe gesetzt haben, schnappen wir uns das Dingi und paddeln an Land. Mmh, wir liegen doch gaaanz schön weit weg vom Land und die Wellen sind gar nicht Ohne. Um uns rum sind ein paar Windsurfer, die den guten Wind nutzen um Ihre Schirme vor sich her zu treiben. Und ich gucke mich nur um und denke: „Oh ha, ob wir da jemals wieder zu unserem Boot zurück kommen? Naja, schauen wir dann später.“

 

In der Marina ist die Werkstatt geschlossen, so dass wir nur im Internet rum hängen und ein paar Lebensmittel einkaufen. Zudem haben wir entschlossen, dass wir morgen schnell weiter nach Cagliari hopsen, um dort den Autopiloten reparieren zu lassen.

 

Gegen 16 Uhr machen wir uns wieder auf den Heimweg. Haha, sehr schön, es Heimweg zu nennen. „Heimweg“ steht ja eigentlich für einen festen Weg, den man in der Regel in und auswendig kennt und der einen zu seinem zu Hause bringt. Ich meine, wie oft ist man schon zu sich nach Hause gegangen? Und zwar aus jeder beliebigen Himmelsrichtung kommend? Man weiß, was einen erwartet.

 

Bei uns hieß dieser heutige Heimweg: Aus der Marina raus, den ersten Strand passieren, einen kleinen Weg folgen, der an einem Campingplatz vorbeiführt (wo wir schnell noch ein paar große Paninis essen), um schließlich einen Kilometer an unserem Strand zur Höhe unseres Bootes zu marschieren. Wie zu erwarten und zu meinem Bedauern sind die Wellen kein Stück kleiner geworden und wir sind leider noch nicht gut mit Wasserfesten Rucksäcken ausgestattet.

 

Unser erster Versuch durch die Wellen zu kommen, scheitert kläglich. Eine große Welle reißt über die Spitze des Dingis und bringt uns literweise Wasser ins Boot. Schnell manövrieren wir zurück an Land und nehmen gleich den zweiten Versuch in Angriff. Mittlerweile ist uns ein italienischer Windsurfer zur Hilfe geeilt. Sven und er schnappen sich die Griffe des Dingis, um es weiter Richtung Steilküste zu tragen, da hier die Wellen nicht so hoch sind. Bei diesem Versuch schaffen wir es auch tatsächlich über die Wellenberge, die sich nah an der Brandung brechen, hinaus zu kommen und paddeln und paddeln und paddeln.

 

Sven: „Los Schub! Schub! Schub! Gib Gas“.

Sarah: „Schub, Schub Schub. Machen wir schon Schub? Schub Schub Schub! Ja, die Boje kommt näher.“

 

Doch die Strömung ist soooo krass, dass wir irgendwann nur noch auf der Stelle paddeln. Und eh wir uns versehen, ist die Boje schon wieder kilometerweise von uns entfernt. Ohh nein, wir schaffen es nicht. Wir müssen zurück an Land. Zurück an Land, springe ich mit all unseren Sachen aus dem Dingi und fliege voll auf die Fresse.

Yippie! Klitschnass mit blutendem Knie marschiere ich jetzt den Strand runter. Sven geht parallel zu mir und zieht das Dingi durchs Wasser. Wir müssen ganz bis zur Steilküste vorrücken, damit wir dort etwas Schub nach draußen geben können und dann hinter den Wellen irgendwie zu unserem Boot kommen.

 

Ich bin in Gedanken so auf unsere IPhones und IPads , die in unseren klitschnassen NICHT wasserdichten Rucksäcken liegen, fixiert, dass ich vorschlage, einfach heute Nacht in einem Hotel zu bleiben. Schnell merke ich allerdings, dass diese Idee bei dem Mann auf gar keine gute Resonanz trifft.

 

Er baut also die Ruder so um, dass er alleine rudern kann (die Befestigungen sind kaputt, so dass wir jetzt immer zu zweit gerudert sind) und gibt richtig Gas. Wir brauchen dennoch eine Ewigkeit. Zeitweise sind wir an krassen Strömungspunkten gefangen, so dass wir wie in so einem Wellensimulator, rudern rudern, rudern und trotzdem immer an der gleichen Stelle bleiben. Nun wird Sven auch langsam böse und rudert wild schimpfend mit aller Kraft gegen die scheiß Wellen und die Strömung an. Erst als wir richtig weit hinter unserem Boot sind, wechseln wir den Kurs in Richtung Boot und lassen uns mehr oder minder von den Wellen zu unserem Boot treiben. Wahnsinn, ich habe unseren Katamaran noch nie so weit aus dem Wasser kommen sehen. Ich kann durch den Wellengang teilweise die ganze Höhe des Unterwasserrumpfs sehen. Aber wir schaffen es Schironn zu packen, an Bord zu springen und das Dingi hoch zu ziehen.

 

Verrückt. Was war das denn bitte für ein Heimweg? Und lagen wir heute morgen nicht noch am ruhigsten Ankerplatz, den man sich vorstellen kann? Irgendwas ist ja immer bei diesem Segeln ;).

 

Am Morgen öffne ich die Haustür und das Meer ist doch tatsächlich wieder spiegelglatt, so dass ich bis zum Meeresgrund gucken kann. Hatte mich dieses Surrounding hier gestern wirklich beängstigt? Kaum mehr zu glauben!!

 

To do:

- Dingi Löcher finden, damit es nie wieder so schwabbelig mit uns durch die Gegend eiert

- Paddel des Dingi auf die gleiche Länge bringen, damit man richtig rudern kann

- Einen kleinen leichten Motor kaufen, den man ohne große Mühe, an das Dingi befestigen kann

- erst nochmal Windprognose angucken, bevor man losfährt, auch wenn es nur ne kleine Motoretappe ist

 

 

21. September 2015

Villasimius, Sardinien -> Cagliari, Sardinien

 

Leider müssen wir trotz Gegenwind losfahren. Der Autopilot ist nicht eigenständig zu reparieren, so dass wir nach Cagliari wollen, um dort einen Mechaniker zu beauftragen.Cagliari ist die Verwaltungshauptstadt Sardiniens und hat 180 000 Einwohner. Die Stadt hat somit voraussichtlich alles was wir momentan brauchen. Wie gesagt, einen Mechaniker, Nauticshops, Fahrradläden usw. Zudem soll Cagliari zu den schönsten Hafenstädten des Mittelmeerraumes zählen. So können wir die nötigen Reparaturen mit Sightseeing verbinden.

 

Wir kreuzen raus und fahren hart am Wind. So erlangen wir eine gute Geschwindigkeit. Der Wind dreht aber zunehmend, so dass er genau aus Richtung Cagliari kommt und wir kaum eine Chance haben mit dem Fahren von Wenden an unser Ziel zu kommen. Also, schon, aber dann halt erst in 11 Stunden. Haha, 11 Stunden für 12 Seemeilen. Man stellt sich nur mal vor, man wäre an Land auf ein Fortbewegungsmittel angewiesen, dass von einer Naturgewalt abhängig ist.

 

Ein paar Stunden und ein paar Wenden später, schmeißen wir den Motor an. Leider hören wir von sehr vielen Seglern, dass man im Mittelmeer oft das Gefühl hat, man sei eher mit einem Motorboot unterwegs, als mit einem Segelschiff.

 

Vor Ankunft kontaktieren wir den Hafen per Telefon und per Funk und fragen nach einem Liegeplatz sowie nach Hilfe beim Anlegen. Ich bin ziemlich nervös: Das erste Mal zu Zweit im Hafen anlegen. Und das bei um die 20 Knoten Wind.

Seile werden zurecht gelegt und mögliche Eventualitäten durchgesprochen. An der Hafeneinfahrt wartet bereits ein Mann im blauen T-Shirt und lotst uns zu unserem Liegeplatz. Zum Glück ist es ein Platz kurz hinter der Hafeneinfahrt am Ende des Anlegestegs. Wir haben nur an einer Seite ein Boot neben uns und der Wind und die Wellen stehen so, dass sie uns vom Steg wegdrücken.Sven motort exzellent in die Lücke, ich werfe die Seile zum netten Mann im blauen T-Shirt, belege die Festmacherseile auf den Klampen und widme mich dann zusammen mit Sven den Muringleinen. Fest! Wunderbar. Das hat echt mal gut geklappt. Ich bin richtig happy!!

 

Nun heißt es für die nächsten Tage wieder: Strom und Wasser im Überfluss. Hau die Stereoanlage an und schmeiß die Waschmaschine an. Yippie.J

 

Die nächsten Tage bestehen aus: Dingi flicken, Fahrräder aufmotzen, dafür in der Stadt den nächsten Fahrradladen auskundschaften, Sightseeing, joggen, putzen, Hamsterlebensmitteleinkäufe machen, wasserfeste Rücksäcke und Neoprenshirts kaufen und LOST gucken J

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