Wir sind auf Grund gelaufen - Segeln von Sardinien nach Menorca

Auf Grund
Auf Grund

Was einem alles so passiert auf einer Überfahrt von Sardinien nach Menorca:

 

Wir haben insgesamt 11 Nächte im Hafen von Cagliari verbracht. Grund hierfür war, dass die neue Pumpe für den Autopiloten aus Belgien geschickt werden musste. Unseren Mechaniker haben wir von der Marina empfohlen bekommen und zum Glück hat sich dieser als echter Glücksgriff rausgestellt. Piercarlo ist technisch sehr kompetent und zudem Besitzer eines Bootszubehörladen, welcher nur 5 Minuten mit dem Fahrrad von uns entfernt ist.

Zusätzlich zur Pumpe bestellen wir uns also gleich noch ein Steiner Fernglas mit Kompass. Unser altes Fernglas ist ja vor Marsala über Bord gegangen. Da Piercarlo uns einen wunderbaren Preis nennt (günstiger als bei AWN in Deutschland 😁😄) trauern wir jetzt nicht doll über den Verlust des alten Fernglases, zumal wir festgestellt haben, dass so ein integrierter Kompass super hilfreich ist, wenn man bestimmte Punkte anpeilt oder den Kurs von entgegenkommenden Schiffen auf diese Weise bestimmt kann.

 

Die Pumpe sollte nun eigentlich schon Montag da sein, aber wie das so ist, ist sie nicht bei der Post mit dabei. Piercarlos Laden liegt perfekter weise auf unserem Weg zum Supermarkt, so dass wir jeden Tag bei ihm vorbeischauen 😊. Nicht unbedingt nur um zu fragen, ob die Pumpe da ist, sondern auch weil wir die Zeit nutzen, um sämtliche Dinge auf dem Schiff zu reparieren oder auf Vordermann zu bringen. Wir kaufen also jedes mal irgendetwas bei Piercarlo ein. Piercarlo scheint irgendwie ein schlechtes Gewissen zu haben, dass die Pumpenlieferung sich verzögert, so dass er uns gleich beim ersten Einkauf auf alles 20-30% Rabatt gibt. Wahnsinn. Er ist nicht mal genugtuerisch, sondern tippt sofort die Prozente ein. Der ungewollt verlängerte Aufenthalt lohnt sich also in jeder Hinsicht. Wir erledigen Dinge, für die wir sonst noch viel länger gebraucht hätten und bekommen alle nötigen Dinge auch noch zu super Preisen. Und nicht zuletzt ist Piercarlo auch noch der Hammer! Er ist Musiker und hat regelmäßig Auftritte in Cagliari. Quasi ein richtig entspannter gut aussehender Typ. So kommt es auch, dass er zu einem morgendlichen Termin bei uns über eine Stunde zu spät kommt: am Vortag hatte er uns erzählt, dass er abends mit Freunden essen geht. Sein Zuspätkommen wird dann 20 Minuten vor Eintreffen mit einer SMS entschuldigt: "Sorry forma delay... I've lost my wallet... Anyway i'm there in 10 min"

 

Haha, seine Stimme und sein Aussehen verraten eine laaange Nacht 😄

 

Unsere neue Pumpe wird dann unter dollsten Sturm und Regenbedingungen von ihm eingebaut. Über Cagliari geht zwei Tage lang ein richtiges Unwetter rüber: krasse Gewitter und bis zu 50 Knoten Wind. Die gesamte Innenstadt wird auf Grund der Wetterbedingungen gesperrt. Unser Autopilot ist dann pünktlich mit Ende des Unwetters repariert. Wir bezahlen unseren Liegeplatz und werden auch hier positiv überrascht: 55€ pro Nacht wurde uns bei Ankunft gesagt. Das hat uns richtig Bauchschmerzen bereit die ganzen 11 Nächte. Jetzt sollen wir aber zum Glück "nur" 350€ Zahlen, 👏👏👏 richtig gut! Wir sind nämlich schon in die Offseason reingerutscht und bei längerem Aufenthalt verringert sich der Preis zusätzlich.

 

Auf jeden Fall war der Aufenthalt in Cagliari wunderbar. Ich konnte alle zwei Tage meine 6-7km joggen gehen, wir haben die Vorräte auffüllen können (4kg Nutella 😊), sind jeden Tag mit den Klapprädern durch die Stadt gedüst, waren mehrmals im Fahrradladen, um Easy, das Klapprad aufzumotzen und haben einen neuen Seilzug für das Dingi angebracht, die undichten Stellen am Dingi gefunden (leider die Nähte 😫), wiedermal ein Klo repariert usw.

 

Enorm erholt und gut ausgerüstet starten wir also unsere Tour nach Menorca. Leider werden wir auf Höhe von Pula allerdings durch fehlenden Wind gestoppt. Da der Wind laut Vorhersage bald auffrischen soll, ändern wir den Kurs und Steuern Pula an. Plan: kurz Ankern und dann wenn der Wind da ist, lossegeln.

  

In Pula befindet sich direkt an der Küste die Überreste der ältesten Stadt Sardiniens. Wir fahren direkt an ihr vorbei. Ziemlich beeindruckend, dass wir vom Boot aus direkt an der Kulturstätten vorbeischippern. So beeindruckend, dass wir beide nicht merken, dass wir plötzlich von fünf Meter Tiefe auf ein Meter irgendwas abfallen. Wir werden von einem "Rums" aus unsere Faszination gerissen.

  

Wieder dieser Moment, in dem alles für eine Sekunde still zu stehen bleibt. In der man denkt: "Stopp, bitte drei Minuten zurück spulen, damit man verhindern kann, was gerade passiert."

 

Meine Hand verkrampft sich, meine Emotionen fahren auf Null. Wir sind auf Grund aufgelaufen....

 

Jeder Versuch uns raus zu manövrieren schlägt fehl, bzw. setzt uns letztendlich komplett fest. Überall um uns rum sind Korallen und Steine. Fuck!!!! Hier ist es so niedrig, dass nicht mal ein Schiff kommen könnte, um uns rauszuziehen.

 

Sven geht tauchen, um nach einem Ausweg zu suchen. Gar nicht so einfach! Ca. 8-10 Meter vor uns wäre die Lage wieder entspannter. Aber auf dem Weg dorthin müssen große Steine passiert werden. Ach ja, und wir liegen mit dem linken Rumpf auf Grund, d.h. momentan kommen wir da eh nicht weg.

 

Schauen wir uns mal die Tide an: wir haben kurz vor 19 Uhr. Um 19 Uhr haben wir den Tiefstand erreicht, danach steigt das Wasser stündlich um ein paar Zentimeter. Ein paar Zentimeter, die uns wirklich helfen könnten. Sven schmiedet also den Plan, dass wir den Anker an der rettenden Stelle vor uns platzieren und die großen Steine, die wir auf dem Weg dorthin auf keinen Fall rammen dürfen, zu markieren. Gesagt, getan: Sven rudert das Dingi unter den Anker. Ich lasse ihn, samt meterweise Kette ins Dingi runter. Sven manövriert sich und das voll beladene Dingi an den richtigen Punkt, wirft den Anker und kommt zurück.

 

Nun bleibt uns nix anderes übrig als zu warten 😳 wahrscheinlich das Schwerste was von einem verlangt wird in so einer Situation: warten! Bis 23 Uhr müssen wir uns gedulden, dann könnten wir eine Chance haben. Ich koche zur Ablenkung ein Abendessen. Essen ist so oder so gut, denn schließlich haben wir noch eine laaange Nacht vor uns. Sven ist gar nicht begeistert.

 

Gegen 22 Uhr setzten wir zur Tat an: Sven rein in seine Neoprenanzüge (es ist echt kalt!!!) und raus ins Wasser. Wir werden uns jetzt in Zentimeterarbeit Stück für Stück durch den gesetzten Anker nach vorne ziehen. Würden wir den Motor starten, hätten wir nicht genug Kontrolle über die Fahrt und die Richtung. Und schließlich sind da einige Hindernisse, die wir vorsichtig passieren müssen. Konkret sieht das also so aus: ich sitze auf der Ankerkette, Sven hängt im Wasser an der Ankerkette. Sobald wir uns ein Stück nach Vorne bewegen, fahre ich das gewonnene Stück Kette mit der Ankerwinsch ein. Eine verrückte Szenerie! Schließlich bewegen wir uns mit dem linken Rumpf genau auf zwei Riesen Steine zu. Also ich sehe von oben ja zum Glück nicht was sich da unter Wasser abspielt, aber Sven muss da unten mit übersinnlichen Kräften das ganze Schiff in die richtige Richtung leiten 😱

 

Ich glaube es bis heute kaum und habe komischerweise auch bis heute keine Emotionen zu dem Ablauf. Auf jeden Fall sind wir tatsächlich wieder frei schwimmend und nehmen erneut Kurs auf Menorca. Echt Glück gehabt!

 

Man sagt ja, es gibt drei Arten von Seglern: erstens, die Segler die einmal in Ihren Segeljahren auf Grund gelaufen sind, zweitens, diejenigen, dis noch auf Grund laufen werden und drittens, die Segler, die sagen, dass sie noch nie auf Grund gelaufen sind, es niemals werden und dabei ganz klar lügen.

 

Aber das wir das gleich in den ersten 6 Wochen mit machen...mmpf 😁

 

Am Horizont hinter der Landzunge der Bucht begrüßt uns dann ein aufgehender riesiger roter Mond. Unglaublich schön!!!

 

Zudem setzt der vorausgesagte Rückenwind schnell ein und wir fahren mit Schmetterlingssegeln durch die restliche Nacht. Ein wirklich schönes Segeln! Nur leider hat es Sven erwischt. Er liegt nach den Strapazen mit Fieber flach. Wir durchsegeln die Nacht mit 7-9 Knoten Geschwindigkeit und auch am folgenden Tag hält der gute Wind bis Mittag an. Dann beschert uns Petrus wieder innerhalb kurzer Zeit eine Flaute 😫. Da Düsen wir eben noch mit neun Knoten davon und träumen schön von unserem ersten hohem Etmal und dann doch wieder nix. Motor an und mit drei Knoten weiter schippern. Wäre ja auch zu schön gewesen 😞. Im Laufe des Tages besucht uns wieder ein Vogel und ruht sich im Deckshaus und in Svens Händen zufrieden aus.

 

Menorca erreichen wir im Dunkeln. Unsere Ankerbucht ist aber angenehm groß und relativ wind- und wellengeschützt. Nun heißt es erst mal schlafen!!!

 

 

Kommentare: 1
  • #1

    Sarah Papa (Dienstag, 22 Dezember 2015 15:09)

    Was für eine Story .. Und richtig Glück im Unglück gehabt