Atlantik: für eine Ewigkeit für immer, noch drei Tage auf dem Meer

Unsere Route haben wir wie folgt geplant: möglichst weit entlang der spanischen Küste segeln und dann am Ende des Verkehrstrennungswegs schon ziemlich weit im Atlantik (bereits auf der Höhe der Kanaren) nach Westen "abbiegen".

Leider macht uns das spanische Militär aber einen Strich durch unsere Rechnung.

Die Guardia Civil kommt mit ihrem Speedboot herangefahren und gibt uns per Lautsprecher zu verstehen, dass wir mindestens sieben Seemeilen westlich vom Festland entfernt bleiben müssen. "Es werde geschossen!" Oooookay, na gut, dann fahren wir weiter westlich und einfach parallel zum Verkehrstrennungsweg. Nachdem wir nochmal von einem Kriegsschiff per Funk gebeten werden, unseren Kurs raus aus seinem Bereich zu ändern und Schüsse hören, bleibt uns schließlich doch nichts anderes übrig, als das Verkehrstrennungsgebiet jetzt schon zu kreuzen. Schon krass, wie viel Militär uns hier an der spanischen Küste insgesamt begegnet ist.

 

Das Kreuzen des Verkehrstrennungsgebietes ist dann ein bisschen wie bei dem Froschspiel, bei dem man der Frosch ist, der die vielbefahrene Straße überqueren muss. Und zwar erst die Straße mit Verkehr von der rechten Seite und dann die Straße mit dem Verkehr von der linken Seite. Wir schlängeln uns zwischen einigen Tankern durch, bei denen wir bereits ihre Bugwellen sehen, kommen aber im Großen und Ganzen gut durch. Dennoch sind wir ziemlich froh, dass wir das nicht im Dunkeln gemacht haben. Und dann spüren wir den Atlantik in seinen vollen Zügen und lieben ihn!!!! Die lang gezogenen Wellen, das türkise Blau, die Wärme und die endlose Weite. Der Wind und die Wellen lassen uns gen Westen gleiten. Unsere Haut kommt nach wochenlangem Tragen der Skiunterwäsche endlich wieder an die Luft und unter die Sonne. Selbst die zwei Flauten zwischendurch stören uns überhaupt nicht. Wir machen einfach den einen Flautentag ein bisschen "Urlaub", liegen in den Netzen und bestaunen den wie eine zauberhafte Aquarellzeichnung anmutenden Ozean. Das Meer wirkt endlich nicht mehr so kalt und beängstigend wie das Mittelmeer.

 

Auch die Riesenschildkröten um uns rum lassen sich einfach treiben. Sie liegen auf der Wasseroberfläche, lassen sich durch Geräusche nur kurz stören und treiben dann weiter mit der Strömung dahin.

 

Den zweiten Flautentag widmen wir uns den Arbeiten am Schiff: Eine Fensterscheibe wurde gewechselt, der Innensteuerstand verschönert, ein Leck in Svens Kleiderschrank gefunden und dicht gemacht, witterungsbeständige Kissenbezüge für Draußen genäht, Teak neu angestrichen, das ganze Schiff aufgeräumt, geputzt usw. Wir fragen uns schon, wie Schironn wohl nach der Atlantiküberquerung aussehen wird: voraussichtlich Blitzblank und wie neu. Ansonsten ist für mich das Highlight der Flaute ein Fisch!!!

 

Ich bin ja eh immer die, die sehnsüchtig aufs Meer starrt und ganz traurig ist, weil unter uns soooo viele Tiere leben und sie sich einfach nie an der Wasseroberfläche zeigen.

 

Und dann ist endlich einer da. Er begutachtet neugierig die Essensreste, die ich über Bord geworfen habe. Laut unserer Fischtafel ist es ein grauer Drückerfisch. Richtig mutig und dreist ist er.

 

Wir halten die Kamera unter Wasser und der kleine Kerl beißt doch glatt sofort in sie rein. Eigentlich jagt und beißt er alles, was man ins Wasser hält. Aber meinen Finger, auf den hat er es ganz besonders abgesehen. Ich kann's kaum glauben, dass so ein kleiner Fisch mich mit so einem Selbstbewusstsein aufessen will. Haha, natürlich mach ich das ganze zum Spiel und locke ihn mit der rechten Hand nach rechts, ziehe die Hand weg sobald er da ist und locke ihn dann mit der linken Hand zur anderen Seite. Dabei kann ich ihn sogar streicheln. Verrückter Kerl, er ist so wild auf meinen Finger, dass er fast über die Stufe aufs Boot springt. Wir nennen ihn also Pitti den Pittbullfisch. Er lauert die gesamte restliche Flaute am Boot und wartet darauf, dass wir einen Fehler machen und er uns aufessen kann. Als wir dann weiter fahren folgt er uns sogar ein Stück. Wenn man bedenkt, dass die eigentlich in 20-200 Meter Tiefe leben, dann frage ich mich wirklich was der hier macht. Und wie gesagt, diesen Übermut den er an den Tag legt, wirklich erstaunlich. Mich hat er auf jeden Fall über Stunden beschäftigt und ich hatte meine erste Bekanntschaft mit einem Fisch. EINEM FISCH!!!! Ich hätte ihn gerne mitgenommen und frage Sven nun ständig: "Meinst du, wir treffen nochmal so einen wie Pitti?"

 

Es wäre aber nicht segeln, wenn nicht auch immer irgendwas nicht so schönes passiert: so reißt uns der Gennacker beim Versuch langsamer (!) zu fahren, um den Fisch an der Angel einzuholen. Den verlieren wir dabei auch noch. Unser Dingi macht eines Morgens den Versuch abzuhauen und stürzt sich Kopf über ins Meer. Wir bekommen es zum Glück wieder eingefangen. Aber Dingipumpe und Dingitank sind davon geschwemmt. In der 5. Nacht bekomme ich zudem das erste Mal etwas Sehnsucht nach Land, nach spazieren gehen, Menschen treffen und Abwechslung. Und durch die Flauten und die relativ langsame Geschwindigkeit, die wir an den Tag legen, sagt uns unser Routenplaner tatsächlich drei Tage lang, dass wir noch drei Tage bis zum Ziel brauchen. Das ist schon irgendwie sehr amüsant, wenn man das Gefühl hat für immer drei Tage auf dem Meer zu sein. Naja, irgendwas ist ja immer.

 

Am letzten Tag haben wir richtig viel Wind, kommen also gut voran und werden den ganzen Tag von Delfinrudeln aufgesucht. Ich frag mich, ob die irgendwann auch mal langweilig werden.

 

Nach sechs Tagen sind wir schließlich abends im Dunkeln am Ziel angekommen: Hallo Lanzarote!

 

 

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