Traue keinem Wetterbericht

Der Morgen begrüßt uns wettertechnisch von seiner fiesen Seite: Gewitter, Regen, Windböen und am Horizont können wir sogar eine Windhose sehen (!). Wir machen alle Schotten dicht und verziehen uns ins Wohnzimmer. Gegen Mittag klart der Himmel zum Glück merklich auf und wir recherchieren die Wetterberichte. Die Jungs sind heiß auf die Überfahrt nach Sardinien.

„Mmh", vom Wind her sieht es auf der gesamten Passage auch okay aus. Sprich, die Windgeschwindigkeit bewegt sich so um die 15 Knoten. Aber wir haben keinen Rückenwind, so dass das Segeln definitiv kein „Eier schaukeln“ wird. Am meisten Sorgen machen mir jedoch die Regenwolken, welche laut MeteoEarth die gesamte Nacht zwischen Sizilien und Sardinien hängen. Nachtwachen bei strömenden Regen? Puhh, ich finde das klingt nicht sehr attraktiv. Aber die Jungs haben nix gegen Regen einzuwenden, so dass ich schließlich auch zustimme loszufahren. Stimmt ja auch, was soll schon sein? Relativ wenig Wind und Regen, das passt schon irgendwie. So ein bisschen Regen hat uns ja eigentlich noch nie gestört, also warum nicht probieren.

 

Gegen 14.40 Uhr hissen wir die Segel, alles ist gut und wir kommen mit 3-5 Knoten voran. Doch in der Dämmerung tritt das erste Malheur ein: der Autopilot gibt den Geist auf. Er röhrt, wie ein dicker kleiner Mobs und verabschiedet sich nach ein paar Minuten von seinen Diensten. Okay, das heißt jetzt also, dass wir auf der gesamten Überfahrt (ca.30 Stunden) selber steuern müssen.

 

Ich übernehme als Erste das Steuer und manövriere uns in die Abendstunden. Das kann ja mal eine lange Nacht werden, denn am Horizont zeigt sich bereits die erste riesen große Regenfront. Dennoch, wäre ja alles noch gar nicht so schlimm - kaputter Autopilot und Unwetter - das bekommen wir schon hin. Aber dann werden plötzlich mit einem Mal ALLE an Bord, außer mir seekrank! Den Jungs geht es körperlich richtig schlecht und Isi zieht sich leise leidend zurück. Ich habe Sven wirklich selten so schlecht gesehen, er bewegt sich in Zeitlupe, wie ein Tropfen in der Kurve durch die Gegend und bricht nach jeder Tätigkeit auf dem Boden im Cockpit zusammen. „Fische füttern“ wird bei den Jungs für ne Weile die Hauptbeschäftigung sein.

 

Na gut, dann Reiten wir den Bock mal durch die Nacht, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Kapitänsstuhl fühlt sich durch die Wellen wirklich an wie ein Pferd, dass man durch Stock und Stein reitet. Und juhuu, da ist er schon der Starkregen. Und nix von wegen milder Wind; der Wind bläst uns bereits mit 27 Knoten um die Ohren. Ich bin nach einer halben Stunde steuern vollkommen nass, also solo richtig nass. Die Segel reffen wir Stück für Stück, bis wir schließlich an den Punkt ankommen, dass wir besser das letzte Stück Genua auch einrollen. Der Sturm ist zu stark und am Horizont kommen noch schwärzere Wolken. Ich halte meine Stellung am Steuer und Sven zieht das Seil der Rollanlage auf die Winsch, damit die Genua komplett weggerollt werden kann. Mit einem Mal hören wir einen lauten Knall und statt, dass die Genua sich aufrollt, rollt sie sich frei und schwingt wie ne wilde Sau in der Gegend rum. Sven steht genau hinter mir. Für einen Augenblick sind wir vollkommen versteinert, starren durch den Regen auf die wilde Sau und sagen gleichzeitig: „Ach du Scheisse!!!!“

 

Fuck!!! Was jetzt?? Sven führt nach kurzer Überlegung den Notplan aus: Seil in ungefähr gleicher Dicke finden, über das Deck im strömenden Regen zum Bug eilen, dabei ein Auge immer auf die Genua gerichtet, damit diese ihm nicht in die Fresse haut, Seil an Rissstelle mit zweiten Seil verlängern und zurück zur Winsch, um die Genua unter Kontrolle zu bringen. Während der Wind weiterhin kontinuierlich an Windgeschwindigkeit zu nimmt, schlägt mein Herz nur noch in Zeitlupe.

 

Sven übernimmt jetzt das Ruder, damit ich mich klitschnass auf dem Boden an Deck zusammenkauern und Luft holen kann. Aber da reißt das Seil der Rollanlage kurze Zeit später gleich nochmal und zwar an einer weiteren Stelle. Ich übernehme wieder das Steuer, damit Sven vorne an Deck hantieren kann. Noch nicht mal richtig sitzend, gucke ich auf die Windanzeige und höre mich selber sagen: „Ähh, Sven, wir haben 45 Knoten Windgeschwindigkeit!“ Ein: „Japp“ ertönt als Antwort.

 

Langsam will ich irgendwie nur noch hier weg und sage als Mantra vor mich her: „Gleich ist alles vorbei, gleich ist alles vorbei...“. Maik muss nun leider auch aus seinem seekranken Modus ausbrechen und Sven beim Verknoten der neuen Rissstelle behilflich sein. Der Arme sieht gar nicht gut aus und hängt nach getaner Arbeit gleich wieder über der Reling.

 

Als Maik entkräftet wieder ins Deckshaus wankt, setzt ein winzig kleiner Vogel zum Landeanflug auf die Solarzellen an. Der Wind ist aber so stark, dass er kaum manövrieren kann. Er scheint ziemlich verzweifelt zu sein und nimmt die Gelegenheit wahr sich bei Mike im Wollpullover festzukrallen. Sven legt zur Sicherheit seine Hand über den kleinen Piepmatz und ruft: „Schnell, nimm ihn mit rein, nimm ihn mit rein!“

Der Arme wurde wohl auch vom Sturm überrascht. Er schläft sofort auf der kleinen Fensterbank im Deckshaus ein. Wahnsinn, wenn selbst die Tiere diesen Sturm nicht auf den Schirm hatten...

 

Okay, und weil es so schön war, reißt das Seil der Rollanlage tatsächlich später noch an einer dritten Stelle. Ja, leider kein Witz. Fragt mich nicht nach Uhrzeiten, Seemeilen oder irgendwas. Die Geschehnisse verschwimmen so krass und fühlen sich doch an wie eine Ewigkeit.

Aber nützt ja nix. Sven muss wieder nach Vorne zum Bug. Zu allem Überfluss hat sich jetzt nämlich ein Knoten an einer der vorigen Rissstellen im Blechkasten der Rollanlage verkeilt. Nix geht mehr und die einzige Lösung ist, den Blechkasten auseinanderzuschrauben. Wenn das nicht mal ein Spaß ist, mit Werkzeug im Wind und zwischen den Wellen vorne an der Spitze des Katamarans zu hantieren. Die Wellen schwappen regelmäßig so krass über die Rümpfe und durch die Netze, dass sie Sven bis zur Hüfte reichen. Keine Ahnung wie dieser Mann das macht, aber irgendwie schafft er es in solchen Situationen die Ruhe zu bewahren und Notlösungen zu zaubern.

 

Zwischen Wellen, Regen, und ohrenbetäubenden Wind findet er noch eine kleine Schwalbe, die sich mit aller Kraft versucht in einem unserer Kuschelüberzieher der Fender festzukrallen. Das arme Ding.

Ohne zu zögern, verstaut er sein Werkzeug irgendwie, packt den Vogel in seine Hand und starkst an der Reling entlang zu mir ans Steuer. Die kleine Schwalbe wird schnurstracks ins Deckshaus gebracht.

 

Zwei Vögel schlafen nun mit Maik im Deckshaus. Isi hat sich mit Oropax in die Koje verzogen. Apropos Oropax. Man kann nicht beschreiben, wie laut die Wellen von unten an den Aluminiumrumpf knallen. Jede große Welle, die von der Seite kommt, hört sich an, als würde eine Bombe explodieren. Wirklich, das ist nicht übertrieben! Wenn man auf dem Boden sitzt, spürt man den Druck der Welle, das fühlt sich glatt an wie eine Druckwelle.

 

Gegen geschätzt 3 oder 4 Uhr (vielleicht war es aber auch erst 2, bin ich schlussendlich an dem Punkt angekommen, dass ich nicht mehr kann und einfach nur noch Angst habe. Da der Wind und die Wellen uns wieder in die Richtung zurück treiben, aus der wir gekommen sind, entschließen wir, alle Schotten dicht zu machen, einen Treibanker zu befestigen und uns treiben zu lassen. Wir haben keine andere Wahl mehr.

 

Wir gehen rein und stellen unseren Timer auf 20 Minuten, um abwechselnd Rundumblicke zu machen. Ich schaffe es dennoch erst eine weitere Stunde später mich aus den klitschnassen Klamotten zu schälen. So lange sitze ich etwas paralysiert im Bürostuhl, verfolge die Bomben-(Wellen)einschläge und warte darauf nach 20 Minuten wieder raus ins schwarze Loch zu gehen und mir das Biest Meer von allen Seiten anzugucken. Da ist man eh sofort wieder nass. Die Stunden bis zum Morgengrauen vergehen so langsam, aber zum Glück sicher.

 

Vollkommen erschöpft starten wir dann im Morgengrauen den Motor: Kurs auf Marettimo. Wir müssen drei weitere Stunden unter Motor fahren bis wir endlich in einer sicheren Bucht liegen. Der Wind bläst immer noch bis zu 30 Knoten Geschwindigkeit und am Horizont sind Gewitter zu sehen. 12 Stunden hängen wir jetzt schon in dieser düsteren Szenerie des Himmels. Kurz vor Ankunft in der Bucht, wachen Isi und Maik auf. Sie spüren die angespannte Situation und sehen die beiden Haufen Elend namens Sarah und Sven, die kein Wort von sich geben und nur hin und wieder hektisch durchs Deckshaus laufen.

 

Sobald der Anker gefallen ist, können Sven und ich endlich entspannen. Oh mein Gott, was war das denn bitte? 45 Knoten Wind? Warum war das nirgendwo vorhergesagt? 45 Knoten Wind dazu sagt unsere Segelfibel: gleichzusetzen mit 9 Beaufort, Sturm mit hohen Wellenbergen bis zu 7 Metern auf hoher See Ja gut, dann finde ich es jetzt im Nachhinein regelrecht gut, dass wir die Wellen in der absoluten Dunkelheit nicht sehen konnten.

 

Nun sind wir also doch wieder zurück auf der Steinzeitinsel Marettimo. Ich muss zum Glück echt sagen, dass alle Strapazen vergessen waren, sobald wir die traumhafte Insel am Horizont im Blick hatten. Die Fahrt am Leuchtturm vorbei, der in einer verlassenen Landschaf., mit einem Auge das Meer visiert. Trübes Sonnenlicht und weit und breit nur Natur. Wahnsinn. Das ist wirklich so unglaublich schön! Was für Glück wir haben, dass wir das hier sehen dürfen!

 

Nach einer Nacht in der einsamen Bucht geht es dann weiter nach Marsala, wo wir in einer Marina anlegen werden, um ein paar Reparaturen zu tätigen.

 

Schäden:

  •  gerissenes Seil der Rollanlage

  •  Autopilot

  •  Herausgebrochene Frontscheide (zum Glück nur eine der Doppelverglasung)
  •  Abgerissene Rolle, durch die das Seil an Deck verläuft

  •  Abgerissener „Schnorchel“ auf dem Dach (Frischluft Schnorchel)
  •  Angerissene Wante vorne

  •  Einige fehlende Schrauben an den Netzen

Hätte schlimmer kommen können!

Kommentare: 1 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Erick (Samstag, 23 Januar 2016 17:27)

    alter falter! bei dem bericht war ich hautnah dabei mit den bildern im kopf...
    happy, dass ihr da git durchgekommen seid!
    sail on... bestes e*