Gangstermäßige Erpressung durch den Ältestenrat der Kuna Indianer auf Isla Porvenir (San Blas November 2017)

 

Nach der Arbeit kommt das Vergnügen. Und so freuen wir uns nach dem Einbau der neuen Motoren auf die Probefahrt zu den San Blas Inseln. Die Nachtfahrt an der panamesischen Küste entlang, gegen Wind und Welle steckt uns allen in den Knochen, als wir vor der Insel Povenir den Anker werfen. Gerade als ich mich übermüdet ins Netz von Schironn lege, meine Beine ausstrecke und mein Kopf auf ein flauschiges Kissen bette, steht ein Boot mit drei Kuna Indianern und einem Mann in Armeeuniform vor der Tür.

 

Sie stellen sich als „Ältestenrat der Kuna“ von Isla Porvenir vor.

 

Die Mannschaft kommt offensichtlich nicht mit guten Absichten. Sie gucken alle Vier extrem böse drein. Der Mann in Armeeuniform gibt uns zu verstehen, dass jemand der spanisch spricht, mit ihnen mitkommen soll. Als wir nachfragen, ob sie unsere Bootspapiere und die Pässe sehen wollen, reagiert der Mann in Armeeuniform aggressiv und macht Gesten als seien wir bescheuert. Sie wollen wohl keine Pässe und Bootspapiere sehen, aber deuten an, dass Geld nicht schaden würde. „Ansonsten habe ich mich ja wohl deutlich genug ausgedrückt“, raunt der Mann in Militäruniform uns an.

 

Na gut. Keine Bootspapiere, keine Pässe. Wir haben keine Ahnung was hier los ist. Tyrone, der gut spanisch spricht und ich als Captain steigen in das Boot und bitten Sven in weiser Voraussicht nach uns zu suchen, sollten wir in 45 Minuten nicht wieder zurück sein.

 

Mit dem Boot fahren wir um die Insel, so dass wir Schironn nicht mehr sehen können und legen an einem Bootsdock an. Am Pier herrscht ein geschäftiges Treiben, insbesondere viele kleine Kuna Kinder turnen umher. Durch enge Häusergassen, die durch hohe Holzeinzäunungen der Hütten entstanden sind, führt uns die Truppe in eine große palmgedeckte Versammlungshütte. Es ist eine wirklich schöne Räumlichkeit, in der es durch die niedrige Decke und die offenen Seiten angenehm kühl und dunkel ist.

 

In der Mitte der Hütte hängen Hängematten tief über dem Erdboden. Etliche Bänke reihen sich wie in einer Kirche hintereinander auf und auch die Längsseite der Hütte ist mit Bänken bespickt. Von der Decke der Hütte hängen in der Mitte zwei männliche Portraitbilder, wie zwei große Banner, herunter. Wir werden aufgefordert auf einer der Bänke auf der Längsseite Platz zu nehmen. Von hier blicken wir direkt zur Mitte der Hütte sowie auf die anderen Bänke. Auf den anderen Bänken sitzen eine paar Männer. Weitere Männer, die eben noch faul in den Hängematten lagen, erheben sich und nehmen ebenfalls Plätze auf den Bänken ein. Alle Männer tragen lange Stoffhosen, Shirts oder Hemden und jeder trägt einen Panamahut. Die Kuna sind alle sehr kleingewachsen. Jeder im Raum ist mindestens ein bis zwei Köpfe kleiner als ich. Nur der Mann in Armeeuniform, der nun aber nicht mehr da zu sein scheint, war von großer Statur, ähnlich wie Sven.

 

Nun setzt sich ein dicklicher und sehr unfreundlicher Kuna neben mich und zückt sein Samsung Smart Phone. Er sucht eine WhatsApp Nachricht raus und zeigt uns ein Video. Auf dem Video sieht man jemanden mit dem Jetski durch einen Fluss am Festland fahren. Das ist Sven!

Ist das ihr Problem?  Sven war kurz nach unserer Ankunft mit dem Jetski ans Festland gefahren, um zu schauen, wo wir mit dem Dinghi anlegen können und ist dann noch in den Fluss gefahren.

 

Ein hektischer Kuna, der gut englisch spricht und als einziger ein Cap trägt, springt neben meinem Ohr hin und her und übersetzt was die Kuna uns zu sagen haben. „Wir sind hier in Kuna Yala. Die Kuna haben ihr eigenes Gesetz. Respektiert ihr Kuna Gesetz?“ fragt er uns.

„Klar, respektieren wir Kuna Gesetz“, entgegnen wir. „Laut Kuna Gesetz ist es verboten mit dem Jetski zu fahren (oder wie er es nennt: tingy). Der Ältestenrat wird nun bestimmen wie hoch eure Strafe sein wird“ sagt er. Einer der alten Kunas spricht und der quirlige Kuna springt nah an mein Ohr und übersetzt: „Er hat entschieden. Ihr müsst 500$ zahlen!“ Wir trauen unseren Ohren nicht. In was für einen schlechten Film sind wir denn hier geraten? 500$ haben wir aktuell weder an Bord, noch ist der Jetski so viel wert.

 

Tyrone richtet mit ernster Miene das Wort an die Kuna: „Wir sind als Gäste gekommen und wollen nichts Böses. Eben gerade waren noch Leute aus eurer Community bei uns an Bord, wir haben Molas und Armbänder von euren Frauen gekauft. Das es verboten ist, mit dem Jetski zu fahren, das wussten wir nicht und wir möchten uns dafür entschuldigen. Aber 500$? 500$ werden wir auf gar keinen Fall zahlen!“

 

Der englisch sprechende Kuna übersetzt Tyrones Worte an die fies dreinschauende Runde und übersetzt die Reaktion des Ältestenrates wieder zurück an uns: „Der Ältestenrat hat erneut entschieden. Das Strafgeld beträgt nun 400$.“

 

Tyrone und ich reagieren erneut entsetzt auf das bizarre Urteil und wiederholen, das wir so viel Geld nicht an Bord haben. „Sollen wir zur Bank nach Panama City fahren, oder wie stellt ihr euch das vor?“ raunen wir in den Raum.

 

Nun verlangen sie tatsächlich, dass wir das Jetski als Pfand hierlassen und das Geld aus Panama City holen sollen. Tyrone bittet um einen Kompromiss: „Wir haben 65$ dabei, die wir euch geben können und die Sache ist vergessen.“ Daraufhin prustet die Gemeinschaft laut los und lehnt das Angebot hochnäsig ab.

 

„Okay, YOU stay here, until we get the money!“ droht der quirlige Kuna nah an meinem Ohr. Wie bitte? Sie drohen uns gefangen zu nehmen? Jetzt reichts! Ich fange an ungezügelt zu schimpfen und blicke insbesondere dem alten Mann, der das Urteil gesprochen hat, tief in die Augen. „You are bad people and we will tell the world about your criminal intentions“, entgleitet mir unter anderem in meiner empörten Rede.

 

Zuvor hatte ich die Männer eingehend gemustert, um mir ein Bild zu machen ob sie Waffen bei sich haben. Bis auf den Mann in Militäruniform, der nicht sichtbar ist, scheint niemand bewaffnet zu sein. Die Aggressivität der Männer schätze ich generell nicht hoch ein. Ich muss gestehen, wenn wir hier von 10 großen Russen und nicht von den kleinen Kuna Männern umgeben wären, wäre ich vielleicht nicht so selbstbewusst.

Unser Übersetzer erklärt nun, dass bisher alle das Geld anstandslos gezahlt haben. Das Raunen im Raum wird immer lauter. Die Kuna diskutieren und Tyrone und ich schimpfen.

 

Wir werden diese Strafe ganz sicher nicht bezahlen und diese Versammlung bringt uns definitiv nicht weiter. Aus dem Bauch heraus, entscheide ich, es sei das Beste aufzustehen und zu gehen. Ich blicke Tyrone an und sage: „Wollen wir gehen?“ Er stimmt der Idee zu und wir erheben uns. In diesem Moment bin ich froh, dass nicht Tyrone und Sven zusammen hier sind. In diesem Falle wäre die Situation sicherlich längst vollkommen eskaliert sowie keinesfalls friedlich verlaufen.

 

Kopfschüttelnd und selbstsicher verlassen wir die Hütte und treten raus in das spätabendliche Sonnenlicht. Erst kurz bevor wir in den Weg zum Bootsanlegepier abbiegen, schaue ich mich um. Die drei Kuna Männer, die uns abholten, folgen uns mit etwas Abstand. Sie sehen irritiert und nervös aus. Keine Spur, dass sie Gewalt anwenden würden. Von dem Mann in Militäruniform ist immer noch nichts zu sehen.

 

Nun stehen wir allerdings vor dem Problem, ohne Boot nicht zurück zu Schironn zu kommen. Wir fragen drei auf dem Bootssteg sitzende Jungen, ob sie uns zurückbringen können. Sie verneinen. Kurzerhand springen wir in das Boot mit dem wir hergefahren wurden und starten den Motor. Die drei Kunas, die uns hergebracht haben, haben mittlerweile zu uns aufgeholt und springen sofort mit ins Boot. Scheinbar wollen sie uns wirklich zurückbringen. Sie lösen die Festmacher und reichen uns Rettungswesten.

 

Oh oh…, Rettungswesten... Das kommt beim gereizten Tyrone gar nicht gut an und er rastet vollkommen aus. Wutentbrannt schleudert er die Rettungsweste auf den Boden des Bootes und sagt: „Fuck your life wests. We didn`t have to wear them on the way to here. Why we have to wear them now?” Offensichtlich mag er das Rettungswestengebot in Panama nicht. Die Kunas stoppen das Ablegemanöver und halten wieder am Steg fest.

 

Während Tyrone flucht, tauschen die Kuna nervöse Blicke und Geraune miteinander aus. Minutenlang hängen wir am Dock. Die Kuna sind offensichtlich ratlos wie sie weiter mit uns verfahren sollen. Während wir uns vom Dock abstoßen, halten sie uns am Dock fest. Ich beruhige Tyrone und gebe ihm zu verstehen, dass er doch bitte noch kurz ruhig bleiben soll. Schließlich geben die Kuna klein bei. Sie merken, dass es wohl das Beste ist uns einfach nach Hause zu fahren.

 

Kurz bevor wir Schironn erreichen, rufen wir Sven zu, dass er Dinghi und Jetski sichern soll. Nicht das die Kuna jetzt noch auf dumme Gedanken kommen. Die Kuna entlassen uns in die Freiheit und versprechen Tyrone per Whats App die schriftliche Niederschrift des Jetski Verbotes zu schicken. Dann fahren sie davon.

 

Wutentbrannt berichten wir auf dem Schiff was gerade passiert ist und beratschlagen was wir nun tun wollen. Sollen wir den Ankerplatz Hals über Kopf verlassen? Es wird bereits dunkel. Die Fahrt zum nächsten Ankerplatz würde hier im Korallengespickten Kuna Yala nicht ungefährlich sein. Außerdem sind wir echt müde! Wir entschließen hierzubleiben und uns erst morgen früh vom Acker zu machen.

 

Morgens um 4 Uhr, als es noch dunkel draußen ist, werden wir abrupt wach. Von der Insel ertönen laute, regelmäßige Trommelrythmen. Was geht denn jetzt ab? Trommeln sie die ganze Insel zusammen, um uns zu attackieren? Das Trommelkonzert ertönt etwa eine halbe Stunde lang. Dann ist es wieder ruhig. Um uns rum ist nichts zu sehen. Gegen 6 Uhr verlassen wir den Ankerplatz und fahren weiter zu einer anderen Insel.

 

Nächster Bericht: „Die Shelter Bay Marina – Bunker- und Zufluchtsoase in Panama“ folgt in Kürze

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Kommentare: 1
  • #1

    Erich Uebelacker Prof. Dr. (Sonntag, 03 Juni 2018 08:43)

    Eigentlich habt Ihr großes Glück. Die Kuna hätten doch die Macht gehabt, Euch fest zu halten. Zu Hilfe wäre so schnell keiner gekommen, wenn überhaupt. Ich war auch oft bel den Kuna. Hätte nie ein negatives Erlebnis. Allerdings luden die Inseln nicht zum Baden ein.